9.1 Einleitung

In der gesellschaftlichen Debatte, wie Kinder und Jugendliche mit digitalen Technologien aufwachsen und wie sie bei dieser Aufgabe begleitet oder geschützt werden sollen, wird den Eltern eine zentrale Rolle zugewiesen.

In den letzten Jahren haben in Luxemburg Institutionen mit erzieherischem oder jugendschutzbezogenem Auftrag mit eigenen Analysen einen Beitrag zu den Herausforderungen und Vorschlägen zur Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Eltern bei der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche geleistet (BEE SECURE, 2018; Ministère de l’Éducation nationale, de l’Enfance et de la Jeunesse, 2023; Ministère de l‘Éducation nationale, de l’Enfance et de la Jeunesse & BEE SECURE, 2020; OkaJu, 2024; Ombudsman fir Kanner a Jugendlecher, 2024; SNJ & MENJE, 2020).

Die Ratgeber geben Richtlinien vor, wie Eltern eine gesunde Screen-Life-Balance herstellen oder wie sie in der Familie Regeln zur Nutzung digitaler Geräte aufstellen können (BEE SECURE, 2018; BEE SECURE & MENJE, 2020; Ministère de la Santé – Direction de la Santé & Service Audiophonologique, 2018; SNJ & MENJE, 2020). Bislang fehlt es jedoch in Luxemburg weitgehend an Untersuchungsergebnissen zur Sicht der Familien selbst auf ihren Umgang mit digitalen Technologien, ihren Erfahrungen und Problemen im Alltag. In der Étude qualitative sur les jeunes et leurs parents (EQJP) – der qualitativen Studie, die diesem Kapitel zugrunde liegt – erzählen neun unterschiedliche Familien, wie sie digitale Technologien nutzen, welche Strategien ihnen helfen und wie Jugendliche und ihre Eltern über Digitalität kommunizieren. Dazu wurde eine Methodenkombination aus drei qualitativen Erhebungsinstrumenten durchgeführt: qualitative Eltern-Kind-Interviews, begleitende Fragebögen sowie Beobachtungsprotokolle (siehe Unterkapitel 9.6 sowie zusätzliche Informationen zu Daten und Methoden online).

Die Studie basiert auf dem Konzept des Doing Family, das die Konstruktion der Familie als aktive Strategie sieht und nicht als gegeben (Jurczyk & Ludwig, 2020; Zerle-Elsäßer et al., 2023). Dazu gehören zwei Dimensionen: die Doings, d. h. die vielen einzelnen Familienpraxen, in denen Familie im Alltag organisiert wird, und das Doing, d. h. die Herstellung der Familie als etwas „Ganzes“, in dem ein Gefühl des Zusammengehörens und eine eigene Identität als Familie geschaffen werden (Schlör, 2016). Wie Familien mithilfe der digitalen Technologien und wegen der Veränderungen durch die Digitalität im Alltag das Doing Family gestalten, auch mithilfe von impliziten und expliziten Regeln, wird im ersten Unterkapitel beschrieben.

Wie in Familien das Zusammenleben aussieht, wird vor allem durch die Beziehungen der Mitglieder untereinander geprägt, wobei insbesondere die Eltern und ihr Erziehungsstil das Familienklima maßgeblich beeinflussen. Aspekte wie gemeinsame Kommunikation, Werte und Normen sowie das Sich-Sorgen-Machen um andere Familienmitglieder zeigen, wie die Familienmitglieder miteinander umgehen und welches Klima in der Familie herrscht (Kammerl et al., 2012). Der Umgang mit digitalen Technologien wird von diesen allgemeinen Beziehungen innerhalb der Familie beeinflusst (Livingstone & Byrne, 2018). Umgekehrt wirkt sich auch die Art und Weise, wie der Umgang mit digitalen Technologien abläuft, auf die Kommunikationskultur und die Beziehungen untereinander aus. So entsteht ein komplexes Wechselspiel zwischen familiären Beziehungsmustern und der digitalen Lebenswelt, was im zweiten Unterkapitel dargestellt wird.

Wie auch in den vorigen Kapiteln des Jugendberichts, werden in diesem Kapitel materielle, kulturelle und soziale Ungleichheiten untersucht, da sie viele Aspekte der Digitalität in den Familien beeinflussen. Ungleichheiten bestehen auf diversen Ebenen (Paus-Hasebrink et al., 2019; van Dijk, 2013). Neben den materiellen Ressourcen einer Familie spielen die digitalen Kompetenzen eine wichtige Rolle dafür, wie Familien mit digitalen Technologien umgehen. Wie sehen Familien ihre realen Möglichkeiten, und können sie diese in konkrete Kompetenzen umwandeln? Auf diese Fragen wird im dritten Unterkapitel eingegangen.