9.2.1 Herstellung von Gemeinsamkeit durch digitale Plattformen und (digitale) Familienaktivitäten

Digitale Technologien und soziale Medien sind heute in fast alle Alltagspraktiken eingebettet und verändern somit die Art und Weise, wie eine Familie als Einheit entsteht und funktioniert (Kammerl et al., 2022; Schlör, 2016) und wie Familienmitglieder sich als Familie, als ein „Ganzes herstellen“ (Jurczyk & Ludwig, 2020, S. 57). Neben der Nutzung digitaler Medien für individuelle Interessen und Aufgaben (Livingstone, 2002) werden im Alltag auch viele kleine Praktiken der Familienorganisation mithilfe digitaler Medien geschaffen (Buch et al., 2025). Hierbei spielen organisatorische Fragen ebenso eine wichtige Rolle wie die Frage danach, wie viel Zeit Familien in Online- und Offline-Welten miteinander verbringen und welche Inhalte auf welche Weise gemeinsam kommuniziert und diskutiert werden (Ayllón et al., 2020; Roth et al., 2024; Zerle-Elsäßer et al., 2023).

Kommunikation und Organisation in der Familie

Viele familiäre Praktiken bedürfen im Alltag einer guten Kommunikation (Jurczyk et al., 2019; Zerle-Elsäßer & Lange, 2021). In den befragten Familien dient das Smartphone als zentrales Kommunikationsmittel zwischen den Familienmitgliedern. Eltern und Jugendliche nutzen das Smartphone zum Telefonieren, zum Verschicken von SMS und zum Austausch von Nachrichten – häufig über die Plattform WhatsApp – um gemeinsame Aktivitäten zu organisieren und in der Familie zu kommunizieren.

Die Wahl eines bestimmten Kommunikationsmittels in Familien hängt vom Zusammenspiel verschiedener Faktoren ab – etwa der Anzahl der beteiligten Familienmitglieder, ihrer persönlichen Präferenzen sowie der Funktion der Nachricht (Gerleigner & Zerle-Elsäßer, 2016). So zeigt sich, dass bei der Kommunikation zwischen zwei Mitgliedern, beispielsweise in Alleinerziehenden-Familien, eher eine SMS verschickt wird, da eine spezielle App keinen zusätzlichen Mehrwert hätte. In den befragten kinderreichen Familien hingegen wird über eine WhatsApp-Gruppe sichergestellt, dass alle Familienmitglieder auf demselben Informationsstand sind und an den gemeinsamen Unterhaltungen beteiligt sind. Dabei kann die Auswahl der Mitglieder in den Familiengruppen Aufschluss darüber geben, wer zur (Kern-)Familie dazugehört und wer nicht (Jurczyk et al., 2019). So kommunizieren manche Familien in WhatsApp-Gruppen mit erweiterten Familienmitgliedern wie Onkeln, Tanten oder Großeltern, die im Ausland leben. Diese digitale Vernetzung über Chat-Gruppen im Kontext transnationaler Familiennetzwerke ersetzt fehlende physische Treffen (Ayllón et al., 2020).

Ein besonders prägnantes Beispiel ist die Familie von Matilda (16 Jahre). Im Interview beschreiben sie und ihre Mutter eine Alltagskommunikation mit ihren im Ausland lebenden Großeltern und der Tante, die ähnlich wie eine reale Interaktion funktioniert:

Matilda: Täglich sagen wir einfach „Guten Morgen“ oder, wenn wir wissen, dass sie irgendwo hinmüssen und auf Reisen gehen, oder für meine Tante sowas wie: „Ich hoffe, du hast einen schönen Tag bei der Arbeit“. Und am Ende des Tages sagen wir dann: „Oh, es ist gut gelaufen.“ Oder: „Unser Tag war wunderbar. Wie geht es dir?“ Oder manchmal erzählt unser Opa, was er in den Nachrichten gesehen hat. […] Mutter: […] es ist am Wochenende, wenn wir entspannt sind. Wir machen Videos, … wir reden mehr mit dem … zum Beispiel […] vom Samstag können wir fünf, sechs [Videos] machen. Gut, wenn die Katze da ist, fängt sie an, Fotos für die Großeltern zu machen […]. Familie von Matilda, 16 Jahre

Während des Wochenverlaufs variiert die digitale Mediennutzung – nicht nur im Hinblick auf soziale Medien (siehe Kapitel 6.2), sondern auch in den Familien. An Wochenenden wird digitale Kommunikation besonders relevant. Matildas Familie berichtet davon, mehr Zeit zur Verfügung zu haben, um sich gegenseitig Videos und Fotos zu schicken. Studien bestätigen, dass „reichere“, synchrone und persönlichere Kommunikationsmethoden wie Videoanrufe mit einer positiven Qualität der Beziehungen verbunden sind (Tammisalo & Rotkirch, 2022).

Die einzelnen Familienmitglieder passen ihre Kommunikationspraktiken auch flexibel an die Präferenzen und Gewohnheiten anderer Familienmitglieder an (Taipale & Farinosi, 2018). Diese Dynamik zeigt sich auch in der für diesen Bericht durchgeführten Étude qualitative sur les jeunes et leurs parents: Der Vater von Lena (17 Jahre) nutzt sein Smartphone nur sehr selten und reagiert dementsprechend spät auf Textnachrichten. Lena und ihre Mutter rufen ihn deswegen direkt an, wenn sie etwas mit ihm besprechen wollen. Mutter und Tochter kommunizieren dagegen sehr häufig und mit vielen unterschiedlichen Text- und Fotonachrichten in ihrer Zweier-WhatsApp-Gruppe. Ein weiteres Beispiel ist die Familie von Gabriel (13 Jahre). Sein 18-jähriger Bruder hält Telefonieren für eine Praxis älterer Generationen und nutzt ausschließlich Textnachrichten über Telegram. Gabriel und seine Mutter nutzen Textnachrichten nur, wenn sie eine konkrete und kurze Frage stellen wollen, zum Beispiel „Wo bleibst du?“. Für alle anderen Dinge ziehen sie es vor, miteinander zu telefonieren. Auch Lucs (17 Jahre) Vater ruft bei komplizierten und wichtigen Dingen lieber an, um schneller eine Antwort zu bekommen. Jede Familie hat eigene Kanäle zur Kommunikation, die sich nach Familienmitgliedern auch differenzieren können, wobei die digitalen Technologien größtenteils als Unterstützung gesehen werden (O’Hara et al., 2014).

Die Bedeutung der Chat-Gruppen für das Familien-Miteinander und die Familien-Identität ergibt sich hauptsächlich aus den Inhalten, die in den Kommunikationschats ausgetauscht werden (Gerleigner & Zerle-Elsäßer, 2016; Pettigrew, 2009). Die Analyse der Inhalte in den Familien-Chat-Gruppen zeigt verschiedene kommunikative Muster, die zentrale Funktionen im digitalen Familienleben abbilden. Diese lassen sich in drei Typen unterteilen:

Erstens umfasst die Nutzung der Chat-Gruppen die Alltagsorganisation bzw. das Familienmanagement. Ein Beispiel ist die Familie von Mia (13 Jahre). Das Mädchen schickt in der Familien-WhatsApp-Gruppe regelmäßige Updates zu ihrem Tagesablauf, zum Beispiel, nachdem sie morgens den Schulbus genommen hat oder wenn sie mittags in der Schule isst. Die Informationen sollen den Eltern und Großeltern emotionale Sicherheit vermitteln und sie beruhigen, dass alles in Ordnung ist. In Emmas (18 Jahre) Familie begrenzt der Austausch in der WhatsApp-Gruppe sich auf Informationen zur Alltagsorganisation, zum Beispiel, wenn der Vater Emma daran erinnert, dass sie noch die Katze füttern muss. Gabriel (13 Jahre) dagegen schreibt der Mutter, wenn er von der Schule abgeholt werden soll oder um seine Freizeitaktivitäten am Wochenende zu organisieren. Das Abstimmen und die Koordination der Tagesabläufe individueller Familienmitglieder gehören zum Familienleben und sind die grundlegenden familiären Praktiken, die unter dem Begriff Familienmanagement (Jurczyk et al., 2019; Zerle-Elsäßer & Lange, 2021) zusammengefasst werden können.

Zweitens erfüllen viele Chat-Nachrichten die Funktion der emotionalen Verbindung und der Herstellung von Zugehörigkeit (Taipale & Farinosi, 2018). In einigen Familien werden WhatsApp-Gruppen genutzt, um sich gegenseitig Erinnerungen wie Fotos, Videos oder persönliche Nachrichten wie Sprüche zu schicken. Matildas (16 Jahre) Beschreibung der intensiven Kommunikation über die Hauskatzen mag surreal klingen, vermittelt jedoch ein Gefühl des Zusammengehörens in der Familie, das über die reine Familienorganisation hinausgeht.

Drittens zeigt sich, dass Chat-Gruppen auch für die digitale Erziehung und die Gestaltung von Beziehungen in der Familie genutzt werden (Schulz, 2011). Lenas (17 Jahre) Mutter mag es, ihrer Tochter indirekte Botschaften und Sprüche zu schicken, die ihr vermitteln sollen, dass sie an die Tochter denkt und sie gemeinsame Werte mit der Tochter teilen möchte. Noah (18 Jahre) schickt der Mutter auch Textnachrichten, um sich zu entschuldigen, wenn beide sich morgens im Streit getrennt haben:

Eine nette Nachricht, wenn wir an diese Person denken. Oder, was auch passiert, wenn wir uns morgens etwas streiten, wenn wir etwas gestresst sind, aber später im Bus, wenn wir beide ruhig sind, schreiben wir eine kleine Nachricht: „Ja, okay, tut mir leid, ich hoffe, du hast einen schönen Tag und dass heute Abend alles wieder gut ist.“ Und so nutzen wir hauptsächlich WhatsApp. Noah, 18 Jahre

Die Chat-Gruppen spiegeln, unabhängig von ihrer Größe und dem verwendeten Medium, primär die Kommunikationskultur und Verbundenheit innerhalb der Familie wider (siehe auch Unterkapitel 9.3) (Carvalho et al., 2015; O’Hara et al., 2014). In Familien, in denen die interne Verbundenheit geringer ist, dreht sich der Nachrichtenaustausch hauptsächlich um formale Abmachungen zur Organisation. Chat-Gruppen, in denen sehr emotionale und persönliche Nachrichten ausgetauscht werden, werden genutzt, um ein Gefühl des Zusammengehörens als Familie auch im digitalen Raum herzustellen (Pettigrew, 2009).

Gemeinsame analoge und digitale Aktivitäten in der Familie

Die Familien wurden in den Fragebögen und Interviews auch zu ihren gemeinsamen Aktivitäten, sowohl analog als auch digital, befragt (siehe Anhang). Gemeinsame Aktivitäten zeigen, ob Familien über die alltägliche Organisation hinaus enge Beziehungen pflegen und eine gemeinsame Identität entwickeln (Livingstone, 2002; Lorenz & Kapella, 2020). Gemeinsame Zeit bietet zudem die Gelegenheit zu intensiverer Kommunikation, wobei digitale Medien weitere Möglichkeiten bieten, Nähe und Verbundenheit auszudrücken (Wajcman, 2014).

In den interviewten Familien gibt es eine große Bandbreite an unterschiedlichen Mustern von gemeinsamen Familienaktivitäten. Mia (13 Jahre) verbringt ihre gesamte Freizeit fast ausschließlich in oder mit der Familie. In ihrer Familie stehen Gesellschaftsspiele, gemeinsame Mahlzeiten, Treffen von anderen Familienmitgliedern, gemeinsame Spaziergänge, Ausflüge und Ferien sowie auch gemeinsame digitale Aktivitäten, wie Playstation spielen oder Fernsehen, sehr häufig auf der Familienagenda. Während Louis (14 Jahre) und seine Mutter heute nur noch selten zusammen Sport treiben, verbringen sie dennoch regelmäßig gemeinsame Zeit zusammen – etwa bei den Mahlzeiten, in den Ferien, beim Besuch von Freunden oder beim Schauen von Serien. Trotz häufiger Konflikte zwischen Mutter und Sohn wegen der digitalen Mediennutzung haben sie eine liebevolle Beziehung zueinander, in der die gemeinsame Kommunikation eine wichtige Rolle spielt, auch wenn Mutter und Sohn dies unterschiedlich bewerten:

Moderator: Ihr geht aber auch gemeinsam in die Ferien? Mutter: Ja. Und auch mal gemeinsam etwas zusammen am Wochenende, aber meistens mit Freunden, da wir trotzdem zu zwei … ist das … also es ist cooler halt, Freund oder Freundesfamilie dabei zu haben, dann machen wir was mit Freunden. Moderator: Das heißt, ihr kommuniziert auch noch viel miteinander? Louis: Meiner Meinung nach, ja. Moderator: Ja? Louis: Zu viel. [alle lachen] Mutter: Meiner Meinung nach nicht genug. Familie von Louis, 14 Jahre

Die Analyse der gemeinsamen analogen und digitalen Aktivitäten in den interviewten Familien zeigt, dass Jugendliche sich mit zunehmendem Alter von der Familie ablösen und dementsprechend auch weniger Aktivitäten mit der Familie unternehmen (siehe Kapitel 4). Emma (18 Jahre) erklärt, dass sie und ihre Schwester mit steigendem Alter andere Interessen entwickelt haben als ihre Eltern. Diese Entwicklung zeigt sich auch bei Jack (18 Jahre). Die einzige Familienaktivität, an der der Jugendliche regelmäßig teilnimmt, sind die Wochenendessen mit seinen älteren Geschwistern zu Hause. Seit einigen Jahren verbringt er seine Ferien nicht mehr mit den Eltern. Auch in seiner Kindheit hat Jack nur wenig mit der Familie unternommen, da seine Geschwister einige Jahre älter sind und die Eltern viel und unregelmäßig arbeiten mussten. Fernsehen und Playstation hat er bereits als Kind meist allein genutzt. Die Interviews deuten darauf hin, dass neben einer altersbedingten Abnahme von Familienzeit in den interviewten Familien unterschiedliche Vorstellungen über den Wert von familiärer Quality Time (Livingstone & Blum-Ross, 2020) und den damit verbundenen Kommunikationsmöglichkeiten bestehen (Lareau, 2018).

Eine von den Jugendlichen und ihren Eltern häufig erwähnte gemeinsame digitale Aktivität ist das Fernsehen oder das Anschauen von Serien und Filmen (Zerle-Elsäßer & Lange, 2021). Aus den Jugend-Fragebögen geht hervor, dass Fernsehen, Filme schauen oder Serien streamen bei den befragten Jugendlichen ohnehin eine beliebte Freizeitaktivität ist (mindestens zehn Tage im Monat). Damit entsprechen die Anteile innerhalb der Jugendlichen der Familienstichprobe ungefähr jenen des Youth Survey Luxembourg (YSL) (siehe Kapitel 4). Die Hälfte der interviewten Familien schaut zudem mindestens einmal pro Woche gemeinsam einen Film, eine Serie oder eine Fernsehsendung, vor allem am Wochenende. Als Beispiele werden Binge-Watching von „Der-Herr-der-Ringe“-Filmen, das wöchentliche Schauen eines Marvel-Films oder das gemeinsame Ansehen einer Serie wie Prison Break genannt. Das Anschauen derselben Filme zeigt das Interesse an ähnlichen Dingen, bietet Möglichkeiten zum Austausch (John et al., 2022; Livingstone & Blum-Ross, 2020) und schafft Familienrituale und Verbundenheit. Hier bestätigt sich, dass Familienzeit nicht verschwunden ist, sondern sich im digitalen Zeitalter verändert (Wajcman, 2014).

In einigen Familien haben die Eltern jedoch keine Möglichkeit, mehr gemeinsame Freizeit mit den Kindern zu verbringen. Jack (18 Jahre) erzählt, dass er und seine Eltern an Wochentagen keine gemeinsamen Mahlzeiten haben, da die Mutter für ihre Arbeit als Reinigungskraft morgens früher aufsteht und abends häufig spät nach Hause kommt. Auch Matildas (16 Jahre) alleinerziehende Mutter arbeitet 40 Stunden als Reinigungskraft, weswegen sie abends teilweise müde ist und bei den gemeinsamen Filmen einschläft.

Ehrlich, ich habe keine Zeit, um fernzusehen, denn wenn ich nach Hause komme … habe ich viele Dinge zu tun. Manchmal möchte ich auch ein bisschen lesen. […] Es gibt Wochenenden, da sind wir hier und schauen uns einen Film an. Manchmal schlafe ich … sie [die Kinder] sind nicht glücklich, weil ich anfange, aber ich bleibe nicht bis zum Ende. Ich sage: „Ja, so ist es.“ Mutter von Matilda, 16 Jahre

In Gabriels (13 Jahre) Familie arbeiten beide Eltern ebenfalls ganztags. Sie können jedoch aufgrund ihrer guten finanziellen Situation eine Hilfskraft einstellen, die die Söhne in der Mittagszeit betreut und den Eltern auch einen Teil der anstehenden Haushaltspflichten abnimmt. Die Wochenenden sind somit frei und die Mutter kann gemeinsame Zeit mit Gabriel verbringen und ihn zu seinen umfangreichen Freizeitaktivitäten begleiten.

Diese Beispiele zeigen, dass die vielfältigen Praktiken des Doing Family, die sowohl in Online- und Offline-Welten stattfinden, durch die kulturellen und materiellen Ressourcen der Familien mitbestimmt werden (Lareau, 2018; Livingstone & Blum-Ross, 2020; Paus-Hasebrink et al., 2019).

Familienfotos und Sharenting

Fotos und Videos werden von den interviewten Familien auf zwei Ebenen angesprochen. Einerseits nutzen Familien gemeinsame Fotos, um sich nach außen als Familie darzustellen. Hier haben Fotos eine performative Funktion: Sie dienen dazu, Familienidentität im öffentlichen Raum sichtbar zu machen (Autenrieth, 2014, 2018; Finch, 2007). Das Teilen von Familien- oder Kinderfotos auf sozialen Medien (Sharenting, ein Kofferwort aus Sharing und Parenting) zeigt diesen Wunsch nach einer gemeinsamen Identität; nicht immer haben Eltern und Jugendliche dabei jedoch die gleichen Sichtweisen auf das Teilen dieser Fotos (Kutscher, 2022). Andererseits unterstützen gemeinsame Fotos in der Familie die Herstellung einer Identität als Familie.

Zunächst geht es darum, wie Familienidentität nach außen präsentiert wird. Bei der Nutzung von sozialen Medien, in denen Fotos oder Videos gepostet werden können, bestehen in den interviewten Familien klare Generationsunterschiede: Während einige Eltern Facebook nutzen, sind die Jugendlichen eher bei Snapchat aktiv. Diese Ergebnisse spiegeln die internationale Studienlage zu dem Thema wider (Zerle-Elsäßer & Lange, 2021). An Facebook sind die meisten interviewten Jugendlichen nicht interessiert („nicht meine Welt“). Ein Teil der Eltern oder Großeltern postet jedoch Fotos von Kindern und Familie auf Facebook. Die Gründe dafür sind vielfältig: Es sei witzig, Freunde und ihre Familien zu sehen, eigene witzige Fotos zu posten und Familie, die man nicht so häufig sieht, zu informieren (siehe auch Autenrieth, 2023).

Einige der interviewten Eltern sind sich der Gefahren des Postens von Fotos bewusst und versuchen den Wunsch ihrer Kinder zu respektieren, nicht ungefragt abgebildet und online gezeigt zu werden.

Im Vergleich zeigt sich das interessante und vielleicht unerwartete Bild, dass es eher die Jugendlichen selbst sind, die angeben, dass sie keine Fotos von sich posten möchten. Die Mutter von Matilda (16 Jahre) zum Beispiel weiß, dass ihre beiden älteren Töchter keine Fotos von sich in den sozialen Medien haben wollen. Für spezielle Anlässe möchte die Mutter jedoch auch Fotos des Sohnes zeigen, wofür sie vorher bei ihm nachfragt, ob sie das darf. Sie ist sich bewusst, dass nicht jedes Foto zum Teilen in den sozialen Netzwerken geeignet ist und auch nicht jeder Moment des Lebens in den sozialen Medien geteilt werden muss.

Mutter: Ich habe Facebook seit zwei, drei Jahren, aber es ist nicht etwas, das ich … Es ist nur für soziale Projekte. Moderator: Stellen Sie Fotos von sich ein? Mutter: Ja. Ja. […] Also, Matilda, sie mag es nicht, […] Mariana auch. Also, Miguel, ich frage und, wenn er Geburtstag hat, aber ich frage zuerst: „Kann ich etwas für dich schreiben?“, weil ich auch gerne schreibe. […] Miguel, er sagt immer: „Ah okay.“ Matilda [sagt:] „Hmm [Nein]“, und ich respektiere das. Ja. Jetzt kann man sich viele Informationen darüber ansehen, über … Aber Fotos, solche Sachen, ich habe ein bisschen … es ist keine Angst, aber, ich stelle es nicht einfach irgendwo hin. Mutter von Matilda, 16 Jahre

Bei Entscheidungen, welche Bilder mit welchen Personen gepostet werden, stehen die Privatsphäre der Kinder und der Wunsch der Eltern nach Außendarstellung der Familie sich oft gegenüber (Eggert et al., 2021; Kutscher & Bouillon, 2018). Das zeigt sich auch in den Familieninterviews. So wurden die unterschiedlichen Meinungen von Mias Großmutter und ihrem Vater im Interview sehr deutlich: Die Großmutter hat in der Vergangenheit Fotos von ihrer Enkelin gepostet, um ihre im Ausland lebende Familie zu informieren. Der Vater hingegen findet das nicht gut, da Fotos der Familie aus seiner Sicht privat bleiben sollten. Jugendliche äußern sich auch kritisch gegenüber dem Verhalten der Eltern auf Facebook. Jack (18 Jahre) schreibt in einer offenen Antwortoption im Fragebogen, dass die Eltern nicht alles glauben sollten, was auf Facebook steht. Luc (17 Jahre) gibt sich resignierter, als er davon berichtet, die gelegentlichen Familienposts der Mutter schlichtweg zu tolerieren: „Ich hab mich dran gewöhnt, dass meine Mutter postet.“ Während Eltern in diesen Beispielen digitale Sichtbarkeit betonen, zeigen Jugendliche ein bewusstes Gespür für digitale Selbstbestimmung und kritische Medienkompetenz. Hier zeichnen sich Rollenverschiebungen ab, verbunden mit der Frage danach, wer hier wen schützt (vgl. auch Nelissen & van den Bulck, 2018).

Durch das alltägliche Vorhandensein der digitalen Geräte, insbesondere des Smartphones, machen die Familien deutlich mehr Fotos als früher, auch von Familienaktivitäten (Autenrieth, 2018). In der Folge stellen sich einige Familien die Frage, wie sie diese Fotos nicht nur nach außen präsentieren, sondern am besten untereinander teilen und speichern können. Noah (18 Jahre) lebt allein mit seiner Mutter. Bei gemeinsamen Aktivitäten teilen sich beide die Fotos über WhatsApp. So hat jeder die Familienfotos auf dem eigenen Smartphone und kann sie sich immer anschauen. Ein weiteres Beispiel ist Luc (17 Jahre), dessen Vater die gemeinsamen Familienfotos nicht auf einer Cloud speichern möchte, da ihm dies zu unsicher erscheint. Er sammelt die Fotos der einzelnen Familienmitglieder daher auf dem eigenen Computer und erstellt dort regelmäßig Fotoalben. In einigen Familien wird jedoch das einfache Speichern der Fotos in einer Cloud genutzt. Am Beispiel der Archivierung gemeinsamer Familienerinnerungen zeigen sich also erhebliche Diskrepanzen. Zudem ergibt eine Auswertung der Studienergebnisse, dass Eltern mit weniger digitalen Kompetenzen eher unsicher waren bei der Frage, wie sie Fotos am besten abspeichern, damit sie für jeden in guter Qualität zugänglich sind und bleiben (vgl. auch Autenrieth, 2023).

In einigen Familien werden die Erinnerungsfotos nicht nur abgespeichert, sondern auch analog gedruckt. Die Beobachtungsprotokolle zeigen, dass digital erstellte Familien- oder Kinderfotos teilweise im Wohnzimmer der Familie hängen. Einige Eltern berichten, dass sie regelmäßig Fotoalben der Familienausflüge und -ferien anfertigen und drucken. Beide Praktiken sind ein Ausdruck dafür, dass digitale Formen wie Fotos und Videos zwar wichtig sind, sie materielle Familienerinnerungen jedoch nicht substituieren. Durch die Anfertigung von analogen Alben oder Bildern unterstützen die Fotos den Aufbau einer gemeinsamen Erinnerungskultur und einer Identität als Familie. Es wird deutlich, dass die Familie eine zentrale Bedeutung hat, die durch die gemeinsamen Fotos gezeigt werden soll (Jonas, 2010; Morgan, 2011).

Digitale Medien als Verstärker bestehender Familienkommunikation

Die drei angeführten Bereiche (Funktionen von Gruppenchats, gemeinsame digitale Aktivitäten, Familienfotos) zeigen, dass digitale Technologien und soziale Medien Doing Family unterstützen können.

In Familien, in denen Kommunikation und gemeinsame Aktivitäten ohnehin ein wichtiger Bestandteil des Familienlebens sind, kann die Kommunikation über das Smartphone ein zusätzliches Mittel sein, diese noch zu stärken (Gerleigner & Zerle-Elsäßer, 2016). Die Zugehörigkeit hat in diesen Familien zugenommen, da auch über Smartphone und Chat-Gruppen intensiv kommuniziert wird. Mias (13 Jahre) Vater und Großmutter sind sich einig, dass das Handy in ihrer Familie die Kommunikation noch verstärkt hat.

Oma: Also, ich würde sagen, [das Handy] hat den Dialog in unserer Familie noch nicht weggenommen. Vater: Nein, nein, nein, im Gegenteil. […] jetzt schreiben wir uns ständig Nachrichten: „Hast du Mias Prüfung gesehen?“, all das, „Ich habe Mia in der Schule abgesetzt“, „Christian, ist Mia gut in der Schule angekommen?“, wenn ich sie hinfahre. Es ist noch mehr, deshalb haben wir es. Es ist eine gute Sache. Oma: Deshalb ist es eine sehr gute Sache. Familie von Mia, 13 Jahre

Umgekehrt konnte in den interviewten Familien keine direkte Verbindung festgestellt werden, dass eine geringe reale Kommunikation durch die digitalen Technologien gefördert würde.