Eltern nutzen ein breites Spektrum unterschiedlicher Strategien der Medienerziehung (Zerle-Elsäßer & Lange, 2021), die auch in wissenschaftlichen Studien oft im Mittelpunkt stehen: Kontrolle der digitalen Aktivitäten, mehr oder weniger explizite Formulierung von Regeln, der Einsatz von bestimmten Einstellungen zur Restriktion von Anwendungen und die Beschränkung der Bildschirmzeit (inhaltliche Einschränkungen) (Nielsen et al., 2019; Schaan & Melzer, 2015; Symons et al., 2017).
Mit dem Erhalt des ersten Smartphones berichten die Eltern in den qualitativen Studien, dass sie sich auch überlegen, ob und wie sie die Nutzung des Smartphones ihrer Kinder regeln können (siehe Unterkapitel 6.2.3). Die meisten interviewten Eltern greifen dafür entweder auf spezielle Apps zurück, zum Beispiel Kaspersky oder Qustodio, oder nutzten die Familien-Apps, die von den Smartphone-Anbietern angeboten werden, zum Beispiel Family Link von Google. Abhängig vom Programm können die Eltern definieren, welche Apps ihre Kinder auf ihre digitalen Geräte laden dürfen, zu welchen Uhrzeiten und wie lange diese Geräte oder einzelne Programme genutzt werden dürfen und welche Inhalte zugänglich sind. Bei verschiedenen Programmen wie Qustodio ist zudem auch eine Kontrolle der digitalen Aktivitäten möglich. Andere Programme wie Family Link ermöglichen den Eltern über das Smartphone die Ortung der Jugendlichen.
Die interviewten Eltern haben sich alle dafür interessiert, welche Apps ihre Kinder auf ihren digitalen Geräten nutzen (vgl. auch Demonceaux & Boudokhane-Lima, 2023), sowohl aus allgemeinem Interesse am (digitalen) Alltag ihrer Kinder als auch aus erzieherischer Verantwortung heraus, um einen möglichst umfassenden Schutz gewährleisten zu können. Wie dieses Interesse in der Praxis umgesetzt wird, unterscheidet sich jedoch von Familie zu Familie: Lena (17 Jahre) berichtet im Interview davon, nie irgendwelche Restriktionen auf ihrem Handy gehabt zu haben. Ihre Eltern haben ihr lediglich mit 13 Jahren den Rat gegeben, Instagram noch nicht zu installieren. Sie hat sich diesem anfänglichen Rat angeschlossen und das Programm bis heute bewusst nicht installiert, da sie es nicht braucht. Ansonsten hat sie freie Hand, sich im App Store alle gewünschten (auch kostenpflichtigen) Apps herunterzuladen. Demgegenüber musste Emma (18 Jahre) für die Installation jeder App um die Erlaubnis ihrer Eltern fragen. Diese hielten sich dabei strikt an die Altersvorgaben der Apps. Emmas Vater beschreibt dies so:
Auch wenn es letzten Endes viele wahrscheinlich nicht so genau nehmen, waren wir der Meinung, wir möchten das schon respektieren, dass das erst ab dem Moment benutzt wird, wo es dann auch tatsächlich in den Regeln steht. Einfach um dieses Konzept von „The Regels are the Regels are the Regels“, so, so ein bisschen, man soll sich bitte schön an die Regeln halten. Vater von Emma, 18 Jahre
Eine weitere Einstellungsmöglichkeit innerhalb der Familien-Apps besteht darin, feste Zeitfenster für die Nutzung digitaler Geräte sowie Zeitlimits für einzelne Apps festzulegen (Minges et al., 2015; Mollborn et al., 2022; Orben, 2020). Lena (17 Jahre) kennt ihre eigene Bildschirmzeit und versucht bewusst, ihre Nutzung digitaler Anwendungen zu begrenzen. Sie hatte nie Schwierigkeiten mit übermäßigem Konsum und ihre Eltern haben ihr stets vertraut. Deshalb sahen sie keinen Anlass dazu, zeitliche Beschränkungen für bestimmte Funktionen oder Plattformen einzurichten. Die Eltern von Emma (18 Jahre) haben an ihr Alter angepasste Nutzungszeiten für das Smartphone programmiert, zum Beispiel von morgens 8 Uhr bis abends 18 Uhr, und außerhalb dieser Zeiten waren alle Funktionen des Smartphones ausgeschaltet. Emma sollte sich, so der Wunsch der Eltern, in der Smartphone-freien Zeit auf das Schlafengehen und Essen konzentrieren, ohne Störungen durch das Smartphone. Auch die Nutzungsdauer von Apps wurde durch die Eltern festgelegt. Mit zunehmendem Alter wurde die Bildschirmzeit ausgeweitet, um schließlich mit Emmas Volljährigkeit ganz wegzufallen. Aus Sicht der Eltern wäre jedoch eine Fortsetzung der Kontrolle durchaus sinnvoll, da sie den digitalen Konsum der älteren Töchter als übermäßig empfinden.
In der Forschungsliteratur zeigt sich: Während die meisten interviewten Eltern versuchen, einen Rahmen zu setzen, in dem ihre Kinder Apps nutzen können, überprüfen lediglich einzelne Eltern auch, welche Inhalte über die digitalen Geräte angesehen oder verbreitet werden können (Ayllón et al., 2020; Eggert et al., 2021). Diese Form der Regelumsetzung stellt einen starken Eingriff in die Privatsphäre junger Menschen dar.
Ein Beispiel ist die Familie von Mia (13 Jahre). Ihr Vater kontrolliert regelmäßig das Smartphone seiner Tochter, schaut sich an, ob sie Fotos gepostet hat und welche Nachrichten sie mit ihren Freundinnen ausgetauscht hat. Er will sie damit schützen, da sie seiner Meinung nach noch nicht reif genug ist, zu verstehen, welche Informationen wahr sind und welche nicht und welche Informationen sie über sich selbst herausgeben kann (Roth et al., 2024; Wright & Wachs, 2024). Auf der anderen Seite kann sich der Vater von Luc (17 Jahre) nicht vorstellen, die Smartphones seiner drei Kinder zu überprüfen. Er ist der Meinung, dass dies bei ihm und bei den Kindern ein Gefühl des Eindringens in und des Nicht-Respekts vor der Privatsphäre der Kinder mit sich bringen würde: Dies möchte er vermeiden, solange Kontrolle nicht absolut notwendig ist (vgl. auch Cruz López de Ayala López, María et al., 2020):
Solange wie das zu laufen scheint, würde ich das am liebsten vermeiden, denn ist dann trotzdem irgendwie Privatsphäre und ich merke dann auch, wenn ich Sachen nachfrage, dann wird, das ist dann, wird dann, das merke ich schon, wird das dann oft als Eindringen empfunden und solange ich jetzt keinen konkreten Grund habe, das zu tun. Vater von Luc, 17 Jahre
Die Möglichkeit, über die Ortungsfunktion von Apps den Standort der Kinder zu verfolgen, kann von Eltern und Jugendlichen als äußerst praktisch empfunden werden (Bruna, 2022). Das zeigt sich auch in den Familienbefragungen: Obwohl dies eine Art elterlicher Kontrolle darstellt, da sie zu jedem Moment den Aufenthaltsort der Jugendlichen einsehen können, nutzen einige Eltern diese Möglichkeit. Für sie scheint die Kenntnis des Aufenthaltsorts der Jugendlichen eine beruhigende Wirkung zu haben (Schulz, 2011): Aufgrund der Vergewisserung, dass der Sohn oder die Tochter sich an dem Ort befindet, an dem er oder sie sein soll, fühlen sie sich sicherer. Die Eltern von Luc (17 Jahre) beispielsweise haben die Ortungsfunktion seines Smartphones genutzt, bis er 16 Jahre alt war. Seitdem wurde diese Funktion der App nicht mehr freigeschaltet. Der Vater beschreibt sein Unbehagen, wenn Luc abends mit einem Leihfahrrad nach Hause kommt. Er findet die Fahrt mit dem Fahrrad nachts gefährlich, und es würde ihn beruhigen, wenn er Lucs Standort kennen würde, um im Notfall schnell reagieren zu können.
Dagegen wurde bei Lena (17 Jahre) die Ortungsfunktion des Smartphones nie aktiviert. Ihre Mutter berichtet, den Aufenthaltsort ihrer Tochter nicht kontrollieren zu wollen, obwohl sie beunruhigt ist, wenn Lena abends allein unterwegs ist. Sie wartet dann ungeduldig auf Nachrichten ihrer Tochter und ruft auch schon mal so lange an, bis diese ihr antwortet.
Moderator: Ihr habt nie eine App benutzt, wo man sehen kann, wo Lena gerade ist? Lena: Nein, volles Vertrauen [lachen]. Mutter: Wir rufen dann an: „ Wo bist du?“ Lena: Da wird so lang Terror gemacht, bis dann … Mutter: Ich muss zwar sagen, manchmal dann … bin ich so [klopft mit Fingern auf den Tisch, um Ungeduld zu zeigen]. Dann denk ich mir: „Ah, wo ist sie denn jetzt?“, abends demnach, wo du dann bist. Familie von Lena, 17 Jahre
Neben den Regeln, die von einer App für das digitale Gerät festgelegt werden können, haben Familien auch implizite und explizite Regeln, wie die digitalen Geräte, insbesondere das Handy, in der Familie genutzt werden dürfen. Ein Muster, das sich in vielen Familieninterviews zeigt, ist die Festlegung einer impliziten Regel, während des Essens das Handy zur Seite zu legen. In einigen Familien wird dies sehr strikt durchgesetzt, in anderen Familien wird die Regel flexibel gehandhabt, wenn die Jugendlichen zum Beispiel allein sind, dürfen beim Essen auch Videos geschaut werden. In Mias (13 Jahre) Familie nimmt die gemeinsame Kommunikation einen wichtigen Platz ein und deswegen sind Handys bei allen Gesprächen, auch jenen beim gemeinsamen Essen, verboten. Ein weiteres Muster aus dem Interviewmaterial betrifft die Regulierung der Abendroutinen der Kinder: Viele Familien versuchen, die Handynutzung vor dem Schlafengehen zu reduzieren, da genügend Schlaf als wichtige Voraussetzung für Aufmerksamkeit und Konzentration während des Tages gesehen wird. Die hohe Bedeutung, die Eltern einem internetfreien Übergang zum Schlaf beimessen, zeigt sich exemplarisch am Beispiel von Emma (18 Jahre): Die zeitliche Begrenzung ihrer Handyzeit fiel mit 16 Jahren zwar weg, aber die Regel, dass ihr Smartphone in der Nacht keinen Platz in ihrem Zimmer haben sollte, blieb bestehen.
Die Medienerziehungsstrategien der Eltern sind vielfältig und werden auch je nach Familie anders umgesetzt. Während bei den einen der Schutz des Kindes im Vordergrund steht, werden bei anderen die Regeln an das Alter der Jugendlichen und ihrem Wunsch nach Privatsphäre und Autonomie angepasst. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine entscheidende Rolle. Hierzu zählt neben der Bedeutung von Vertrauen die implizite Vorstellung einer demokratischen Familie (Livingstone & Blum-Ross, 2020; Livingstone, 2002), in der Regelerstellung und -umsetzung nicht autoritär entschieden werden, sondern in teilweise konfliktträchtigen Gesprächen verhandelt werden, wie im folgenden Unterkapitel gezeigt wird.