9.2.3 Die Suche nach Orientierung bei der Regelerstellung und -umsetzung: zwischen Macht und Aushandlungsprozessen

Der größte Teil der heutigen Elterngeneration ist selbst nicht mit digitalen Medien aufgewachsen und kann sich nur wenig an eigenen Erfahrungen oder am Erziehungsstil in der eigenen Kindheit orientieren (Demonceaux & Boudokhane-Lima, 2023). Eltern müssen ihr Wissen durch eigene Erfahrungen aufbauen oder über andere Wege aneignen.

In einigen der interviewten Familien verfügen die Eltern über pädagogisches Wissen, das sie im Rahmen ihres Berufes erworben haben und das sie zum Teil durch entsprechende Fachliteratur auch auf das Digitale ausgeweitet haben. In diesen Familien begründen die Eltern das Festlegen von Regeln mit den Hinweisen auf die negativen Einflüsse, die eine exzessive Nutzung der digitalen Geräte auf die mentale und körperliche Gesundheit des Jugendlichen haben. Die Mutter von Louis (15 Jahre) hat einen erzieherischen Beruf und auch einige Ratgeber und spezialisierte Bücher zu digitalen Medien gelesen. Sie sieht vor allem den Einfluss der sozialen Medien auf die Gehirnentwicklung bei Kindern und Jugendlichen äußerst kritisch und gefährlich. Sie versucht, ihren Sohn auf diese Gefahren aufmerksam zu machen, und legt Regeln fest, wenn seine Bildschirmzeit ihrer Meinung nach „exzessiv“ ist.

Eine weitere Orientierungsquelle der Eltern sind andere Eltern und der Austausch von gemeinsamen Erfahrungen im Umgang mit den digitalen Medien. Der Vater von Luc (17 Jahre) hat sich immer gerne mit seinen Arbeitskollegen zum Thema der digitalen Erziehung ausgetauscht. Durch die COVID-Pandemie und die danach häufigen Homeoffice-Tage haben diese Austauschmöglichkeiten jedoch zusehends abgenommen. Für die Mutter von Jack (18 Jahre) sind die regelmäßigen Familienmittagessen und Gespräche sonntags mit ihren erwachsenen älteren Kindern, die bereits eigene Familien haben, wichtige Referenzpunkte für ihr Wissen in Bezug auf digitale Medien.

Wenn Eltern diese Orientierungshilfen fehlen, greifen sie in erster Linie auf erfahrungsbasierte und traditionsorientierte Erziehungswerte zurück, die sie auch auf den digitalen Bereich übertragen. Eltern gehen vielfach auf Basis ihrer eigenen Erfahrungen mit digitalen Medien und dem Aufwachsen an die digitale Erziehung ihrer Kinder heran. Die Eltern von Mia (13 Jahre) übernehmen für ihre digitale Medienerziehung Richtlinien ihrer allgemeinen Erziehung, die sich stark an die ihrer Elterngeneration anlehnt und biografisch begründet ist. Schule und andere Institutionen werden als wichtige Werte- und Normenvermittler gesehen und schulische Richtlinien werden von Mias Eltern deswegen persönlich unterstützt. Missachtet Mia eine Regel in der Schule und erhält eine Strafe, führt dies zu einer weiteren Strafe zu Hause. Wichtige Regeln der Elterngeneration, wie der Respekt vor Erwachsenen, werden von Mias Eltern auch bei der digitalen Erziehung umgesetzt.

Die Mutter von Gabriel (13 Jahre) reflektiert vor allem, dass die Allgegenwart digitaler Technologien und die gesellschaftliche Entwicklung hin zu mehr Digitalität unausweichlich ist. Ihr Mann und sie selbst nutzen durch ihre Berufe die digitalen Technologien häufig. Aus dieser Perspektive heraus empfindet sie es schwer begründbar, ihrem Sohn den Zugang zu digitalen Geräten zu verbieten oder durch zu viele Regeln zu erschweren.

Nein, weil ich mir sage, das gehört einfach zur Zeit dazu, und das ist ja nun mal was, wir sind ja alle digital hier, da kann man ja jetzt nicht bei den Kindern verteufeln und bei denen, die Erwachsenen haben ihre Dateien, und so weiter ist praktisch alles digital. Ich drucke nur noch Unterlagen aus, wenn ich mir was wirklich genau durchlesen will […], aber der Rest ist ja alles digital, da kann man den Kindern nicht sagen, nein, nein, nein, und, und wir sitzen uns hier zu zweit mit unseren Laptops gegenüber, das wäre ja inkohärent. Mutter von Gabriel, 13 Jahre

Einige befragte Eltern handeln intuitiv und pragmatisch, wenn sie merken, dass Regeln nicht mehr angemessen sind oder die Kinder eine Ausnahme von der Regel verlangen. Regeln werden individuell an die Fähigkeiten und Kompetenzen der Kinder angepasst. Das Alter der Jugendlichen ist dabei für viele ein wichtiger Anhaltspunkt, aber auch andere Charaktereigenschaften, wie die Einschätzung ihrer Verantwortungsfähigkeit, ihre digitalen Kompetenzen, ihre Selbstregulierung und die allgemeine Beziehung zwischen Eltern und Kind spielen eine wichtige Rolle (siehe Unterkapitel 9.3). Lena (17 Jahre) und ihre Mutter haben ein offenes Verhältnis zueinander. Lena nimmt manchmal eine kritischere Haltung gegenüber digitalen Medien ein als ihre Eltern und zeigt gleichzeitig eine höhere digitale Kompetenz als diese. Die Eltern konnten sich daher immer eine relativ regelfreie Medienerziehung erlauben. Demgegenüber schränkte die Mutter von Noah (18 Jahre) die Freiheit ihres Sohnes im Alter von 15 Jahren durch feste Regeln ein, da sie der Meinung war, er sei nicht mehr in der Lage, seine Zeit mit digitalen Medien selbst zu regulieren. Sie war der Meinung, dass sein damaliges digitales Konsumverhalten exzessiv und ungesund war. Sie zwang Noah, sein Smartphone zu bestimmten Zeiten wegzulegen.

Bei der Festlegung und Umsetzung von Regeln nutzen einige Eltern die digitale Nutzungszeit auch bewusst als erzieherisches Steuerungsinstrument: In diesen Fällen wird das Verbot oder die Erlaubnis der Nutzung digitaler Geräte zu bestimmten Zeiten als systematische Strafe oder Belohnung eingesetzt (Livingstone & Blum-Ross, 2020). Das zeigt sich am Beispiel von Mia (13 Jahre). Das Mädchen ist stolz auf ihr iPhone, das sie zum Sekundarschulbeginn von ihren Eltern und ihrer Großmutter geschenkt bekam, weil sie die Aufnahme in die Sekundarschule geschafft hatte. Mia ist deswegen hoch motiviert, sich an die Regeln der Eltern zu halten und gute Noten in der Schule zu erhalten, da sie sonst ihr iPhone als Strafe abgeben muss. Dagegen denkt der Vater von Luc (17 Jahre) darüber nach, dass er die Möglichkeit hätte, bei den digitalen Geräten seiner Kinder den Zugang zum Wifi zu Hause über das Modem zu sperren. Das wäre für ihn die „theoretische Maximalstrafe“, weil dadurch der Zugang der Geräte zum Internet quasi ganz gesperrt wäre. Dies ist für ihn jedoch keine anwendbare oder realistische Strafe, weil der Vorgang extrem schwierig, fehleranfällig und zeitaufwendig sei. Obwohl er die digitalen Kompetenzen zum Ausführen dieser Strafe hätte, würde er sie nie anwenden.

In den interviewten Familien werden Jugendliche nur selten richtig beteiligt, wenn Regeln zum digitalen Gebrauch erstellt werden. Eltern nehmen Rücksicht auf die wachsende Autonomie der Jugendlichen, es finden jedoch kaum Diskussionen oder Aushandlungen zu den Regeln statt. Die Mutter von Louis (15 Jahre) ist der Meinung, dass ihr Sohn viel mit seinem Smartphone spielt. Sie bezeichnet sich selbst deswegen momentan als „Diktator“. Nachdem die Anfang des Schuljahres zusammen festgelegten Abmachungen nicht vom Sohn eingehalten wurden, hat sie im Alleingang strengere Verbotsregeln festgelegt. Dieses Selbstbild eines autoritären Erziehungsstils ist für sie kein Ziel, da sie lieber demokratisch vorgehen würde. In diesem konkreten Beispiel stellt die Mutter Regeln auf und verbietet Dinge, weil sie denkt, dass ihr Sohn das nicht allein kann. Sollte er sein Verhalten jedoch verbessern, wäre sie auch bereit, die Regeln anzupassen. Gabriels (13 Jahre) Eltern hatten ebenfalls ein Jahr vor dem Interview alle digitalen Aktivitäten ihres Sohns wegen seiner schlechten Schulnoten verboten. Sein digitaler Medienkonsum sei so groß geworden, dass er ihn selbst nicht mehr regeln konnte. Von einem Tag auf den anderen hatten sie den Laptop weggesperrt und erst, nachdem die Schulnoten sich verbessert hatten, wieder zurückgegeben. Gabriel kritisiert diese einseitige elterliche Entscheidung und in seinen Augen sehr abrupte Umsetzung („von 100 auf 0 und danach wieder direkt auf 100“) und würde sich beim nächsten Mal wünschen, dass die Eltern in ihrer digitalen Regelerstellung seine Meinung mit einbezögen.

In der Forschung zeigt sich, dass Inkonsistenzen der Eltern bei der Medienerziehung Folgen haben können. Beispielsweise können sie das problematische digitale Verhalten der Jugendlichen noch verstärken und fördern (Kammerl & Wartberg, 2018).

Die Aufstellung von Regeln und die Kontrolle der Nutzung der digitalen Medien bedeutet für die Eltern eine Abwägung von Datenschutz, Sicherheit und Wohlbefinden auf der einen Seite und Privatsphäre und Autonomie der Jugendlichen auf der anderen. Die Eltern handeln zumeist restriktiv aus ihrer Sorge um das Wohlbefinden und die Entwicklung ihrer Kinder. Darstellungen von allzu negativen Konsequenzen der digitalen Medien und ihrer Risiken auf Kinder und Jugendliche können zu regelrechten Ängsten führen, dass die Kinder durch soziale Medien und Internet auch für ihre Zukunft Schaden erleiden (Alvarez et al., 2013; Livingstone & Byrne, 2018; Livingstone et al., 2017). Bei einem zu hohen digitalen Nutzungsverhalten scheinen Eltern tendenziell auf ihre elterliche Autorität zurückzugreifen, um strengere Regeln durchzusetzen. Auf der anderen Seite sind es die (unbewussten) Reflexionen der Eltern über das Recht des Jugendlichen auf Privatsphäre und auf Selbstbestimmung, die bewirken, dass einige Eltern besonders eingreifende Kontrollen und Regeln eher nicht umsetzen und die Regeln mit steigendem Alter anpassen.