Neben dem medienerzieherischen Handeln der Eltern und ihrem allgemeinen Erziehungsstil spielen noch weitere medienunabhängige Faktoren (Rudolf Kammerl et al., 2012) wie das Familienklima und Interaktions- und Kommunikationsprozesse in der Familie eine wichtige Rolle beim Einfluss auf die Mediennutzung der Jugendlichen. Alle Dynamiken, die für das Doing Family eine Rolle spielen, haben auch einen Einfluss auf die medienbezogenen Praktiken der Familie2 und parallel beeinflusst ebenso der Umgang mit Medien die Familiendynamiken (Paus-Hasebrink et al., 2019).
Die Qualität von Beziehungen in einer Familie macht sich an unterschiedlichen Dimensionen bemerkbar, wie zum Beispiel der Kommunikation untereinander, der Affektivität und auch geteilter Werte innerhalb der Familie (Kammerl et al., 2012). In Mias (13 Jahre) Familie haben alle Familienmitglieder in all diesen Bereichen eine durchgehend hohe Einschätzung abgegeben. Obwohl die Eltern strenge Regeln gegenüber Mia durchsetzen, wird in der Familie eine offene Kommunikation gefördert, die Familie teilt die gleichen Werte und pflegt eine hohe Affektivität, die sich in den engen Beziehungen über drei Generationen hinweg zeigt. Mia ist der Mittelpunkt der erweiterten Familie, in der sie sehr glücklich ist: Sie akzeptiert den autoritären Erziehungsstil sowie die Kontrolle und strengen Regeln ihrer Eltern in Bezug auf ihre digitalen Aktivitäten (vgl. Roth et al., 2024). Demgegenüber grenzt Emma (18 Jahre) sich durch eigene Wert- und Lebensvorstellungen von ihren Eltern ab. Sie bewertet einige Aspekte des gemeinsamen Lebens eher kritisch, so zum Beispiel die Aufteilung und Umsetzung der Hausarbeit, auch während ihrer Kindheit und Jugend. Während für die Eltern hier gemeinsame Wertvorstellungen von Hygiene und gleicher Pflichten innerhalb der Familie im Vordergrund stehen, findet Emma Werte wie Privatschutz und Autonomie bei der Planung ihrer Freizeit wichtiger. Obwohl die Familie eine offene Kommunikation untereinander fördert, zeichnet sich der Familienalltag durch viele Diskussionen aus und Emma bedauert, dass die affektiven Beziehungen in der Kernfamilie und der erweiterten Familie darunter leiden. Auch die strengen elterlichen Regeln bezüglich der Digitalität waren oft Grund für Diskussionen, da Emma an deren Erstellung nicht beteiligt wurde, was sie als ungerecht empfand.
Ja schon also, es wird schon akzeptiert, aber es ist nicht immer so ganz. Also, für mich ist es manchmal sehr schwierig, meine Meinung zu sagen. […] Und dann wird es dann vielleicht auch mal falsch verstanden, sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Und, keine Ahnung. Manchmal fühlt man sich dann angegriffen, obwohl man gar nicht angegriffen wurde. Und dann kommen dann mal Diskussionen. Aber ansonsten, sind wir da schon offen mit anderen Meinungen. Das wird dann auch, soweit ich weiß, größtenteils respektiert. Emma, 18 Jahre
An diesen Beispielen zeigt sich exemplarisch, was sich auch in den weiteren Familieninterviews andeutet: Die Qualität familiärer Beziehungen beeinflusst maßgeblich, wie Regeln zur digitalen Mediennutzung von Jugendlichen erlebt und akzeptiert werden. Emotionale Nähe und Wertübereinstimmung begünstigen Akzeptanz, während Differenzen zu Konflikten und Widerstand führen können. Eine offene, liebevolle und akzeptierende Kommunikation scheint in diesem Kontext ein wichtiger Faktor zu sein: Sie ermöglicht den Austausch über digitale Themen, auch wenn dieser konfliktreich ist.
Umgekehrt ergeben die Familienbefragungen das Bild, dass auch der Umgang mit digitalen Technologien in der Familie – insbesondere Konflikte zu deren Nutzung – einen Einfluss auf die Qualität der Familienbeziehungen haben kann. Für Louis (14 Jahre) und seine Mutter sind die Diskussionen über die digitalen Medien und ihr (vermeintlicher) Einfluss auf Louis Schulresultate ein Dauerthema, das sich auch teilweise negativ auf das Familienklima auswirkt. Die beiden sind sich bewusst, dass sie nicht die gleichen Werte und Vorstellungen zu Wert und Nutzen von digitalen Medien haben. Der Erziehungsstil der Mutter ist demokratisch-liebevoll, sie zieht jedoch Grenzen und legt einseitig Regeln fest, wenn sie der Meinung ist, dass Louis seine digitale Nutzung nicht mehr kontrollieren kann und das Spielen negative Auswirkungen auf die Schulleistungen hat. Beide diskutieren manchmal heftig über diese unterschiedlichen Vorstellungen, konnten sich jedoch über die Zeit eine hohe Affektivität in ihrer Beziehung bewahren.
Mutter: […] ich kann das verstehen, dass man zuerst eine Pause macht, wenn man nach Hause kommt. […] nach einer halben Stunde werde ich nervös und sag mir: „Nö. Ok. Mach deine Hausaufgaben. […] und danach [Spielen]“, […] für das Gehirn finde ich das [Spielen auf dem Handy] absolut schlecht, dann ist das wieder vollgepumpt mit Dopamin und dann soll das sich konzentrieren auf Hausaufgaben oder Prüfung lernen? Das geht nicht. […] [Louis und seine Mutter streiten sich kurz, da Louis seiner Mutter nicht zustimmt.] Mutter: […] und das macht mir, also, macht mir sehr viele Sorgen. Moderator: Bist du auch der Meinung, dass das an den Medien liegt?Louis: Nee. […] Als Erstes, weil die Schule schwerer wird und im … ja, weil ich jetzt nicht viel Lust hatte, sofort, im ersten Trimester, mich dranzugeben und ja, ja. Louis, 14 Jahre, und seine Mutter
Auch in Lenas (17 Jahre) Familie zeigt sich, dass das digitale Nutzungsverhalten der Tochter einen Einfluss auf das Familienklima insgesamt hat. Die Eltern haben sich in diesem Zusammenhang nie Sorgen machen müssen, da das Verhalten von Lena im digitalen Bereich äußerst verständnisvoll war und sie früh einen autonomen und selbstregulierten Umgang mit digitalen Medien gefunden hat. Das Digitale spielt in den Beziehungen zwischen den Eltern und der Tochter eine eher untergeordnete Rolle und das Familienklima ist geprägt durch viele gemeinsame Wertvorstellungen, große Affektivität und eine offene Kommunikation (vgl. auch Schaan & Melzer, 2015).
Die Beispiele aus den qualitativen Familienbefragungen zeigen, dass digitale Praktiken in einer Familie nicht losgelöst von den Dynamiken und Beziehungen zu betrachten sind, die in einer Familie im Kontext des Doing Family entstehen, und dass sie sich mit den Veränderungen im Lebenszyklus der Familienmitglieder ständig wandeln. So weist der Umgang mit digitalen Technologien häufig auf bereits bestehende Spannungen in den Beziehungen hin und kann sich darüber hinaus belastend auf das Familienklima auswirken. Studien zeigen, dass insbesondere dysfunktionale Familien – geprägt von emotional unbefriedigenden Beziehungen und Schwierigkeiten im Umgang mit den Entwicklungsprozessen der Pubertät – häufiger mit problematischem digitalen Verhalten konfrontiert sind (Kammerl et al., 2012).
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Die Ergebnisse dieses Unterkapitels müssen vor dem Hintergrund der freiwilligen Teilnahme der Familien an der Studie betrachtet werden: Da die Studie auf dyadischen Interviews basiert, war eine Voraussetzung für die Teilnahme, dass Eltern und Jugendliche bereit waren, an einem gemeinsamen Interview oder möglicherweise an getrennten Interviews teilzunehmen. Während des Rekrutierungsprozesses wurde jedoch deutlich, dass Familien mit mangelnder Kommunikation oder mit affektiven Problemen nicht immer bereit waren, den Forschern Einblick in ihr Familienleben zu geben. So sagte beispielsweise eine an der Studie interessierte Mutter von zwei Söhnen ihre Teilnahme ab, weil keiner der beiden Söhne mitmachen wollte. Die Mutter gab an, dass sie sich oft mit ihren Söhnen über deren digitalen Konsum streitet. In einer anderen Patchwork-Familie wurde der (Stief-)Sohn wegen seiner digitalen Aktivitäten und der Missachtung von Regeln aus der Familie „rausgeschmissen“, so dass ein Interview auch hier nicht mehr möglich war.