Die befragten Jugendlichen sowie ihre Eltern und Geschwister weisen unterschiedlich stark ausgeprägte digitale Kompetenzen auf. Exemplarisch zeigt sich das bei einer Mutter, die sich selbst als „digitalen Dinosaurier“ (Mutter von Louis, 15 Jahre) bezeichnet. Diese Selbstbezeichnung steht sinnbildlich für Eltern, die das Gefühl haben, mit der schnellen technologischen Entwicklung nicht Schritt halten zu können, und die sich im digitalen Alltag eher fremd oder überfordert fühlen. Auf der anderen Seite des Kompetenzspektrums gibt es jedoch auch Eltern, die sich als (sehr) kompetent einschätzen und die – auch beruflich bedingt – eine Affinität zum Umgang mit digitalen Geräten entwickelt haben.
Insgesamt ergibt sich jedoch das Bild, dass die Jugendlichen aus der Stichprobe ihre digitalen Fähigkeiten – mit Ausnahme einer Familie – auf dem gleichen oder einem höheren Niveau einschätzen als die ihrer Eltern. Neben den unterschiedlichen Kompetenzniveaus zwischen Eltern und Kindern zeigen sich auch zum Teil große Kompetenzunterschiede zwischen den Eltern oder Geschwistern. Vor allem jüngere Geschwister geben ein niedrigeres digitales Kompetenzniveau an als ihre älteren Geschwister, was mit den Ergebnissen der quantitativen Studie übereinstimmt (siehe Kapitel 5).
Die im Kapitel 5 dargestellten geschlechtsspezifischen Kompetenzunterschiede spiegeln sich auch in der Étude qualitative sur les jeunes et leurs parents wider: Die digitalen Experten in den Familien sind neben den drei bereits erwähnten Vätern noch drei Söhne und lediglich eine Mutter. Umgekehrt schätzen vier der Mütter und zwei der Töchter ihre digitalen Fähigkeiten als gering ein, aber nur ein Vater. Studien legen nahe, dass diese Differenzen sowohl auf geschlechtsspezifische Sozialisations- und Erfahrungsprozesse als auch auf geschlechtstypische Verzerrungen in der Selbsteinschätzung zurückgeführt werden können (Hatlevik et al., 2018). Vor dem Hintergrund generationenspezifischer Kompetenzverschiebungen stellt sich die Frage, wie Familien mit den vertauschten Wissensrollen von Kindern und Eltern umgehen (Gerleigner & Zerle-Elsäßer, 2016; Pasquier, 2021). Der Vater von Mia (13 Jahre) sieht sich selbst als digitalen Neuling, obwohl er sich um die Privatsphäre-Einstellungen auf den digitalen Apparaten zu Hause kümmert. Mia hat durch die Schule und den täglichen Umgang mit digitalen Geräten viele Kompetenzen im Bereich von Office-Software erworben, die ihr Vater, der in einem handwerklichen Beruf arbeitet, nicht kennt. Er ist stolz auf diese wachsenden Fähigkeiten seiner Tochter, da sie bald mehr zu wissen scheint als er: „Also ich bin kein Experte, aber ich kümmere mich darum, und ich muss sagen, dass sie [Mia] mich so gut wie überholt hat.“ (Vater von Mia, 13 Jahre).
Auch Lena (17 Jahre) schätzt sich als digital kompetenter ein als ihre Eltern, worauf ihre Mutter stolz ist: „Sie ist schon sehr skilled“ (Mutter von Lena, 17 Jahre). Lena hilft den Eltern auch bei Problemen mit Computer oder Smartphone. Sie berichtet von Situationen, in denen die Eltern autonom das Problem ohne Hilfe der Tochter lösen wollten und es zu (schnell gelösten) Konflikten kam. Ihre Mutter hat sich in vielen digitalen Bereichen bereits weitergebildet und vieles selbst ausprobiert. Um ihre Unsicherheit und Bedenken in Bezug auf digitale Dinge zu verringern, wendet sie sich an spezialisierte Anlaufstellen oder Bekannte und möchte sich auch zukünftig über neue Entwicklungen weiterbilden.
Wie auch in anderen Forschungsstudien (Livingstone et al., 2017; Zerle-Elsäßer et al., 2023) zeigt sich, dass Eltern sich bewusst sind, dass sie digitale Kompetenzen brauchen, um die gemeinsam in der Familie genutzten digitalen Technologien bedienen zu können und einen nicht unerheblichen Teil des Lebens ihrer Kinder zu verstehen.
Wie digital affine Eltern ihre Kinder gezielt unterstützen können, zeigt das Beispiel des 13-jährigen Gabriels. Sowohl sein Vater als auch sein älterer Bruder haben sehr hohe digitale Kompetenzen im technischen, informationsbezogenen, kommunikationsbezogenen und kreativen Bereich (siehe Anhang). Die Mutter liegt mit ihrer Schätzung zwar niedriger als ihr Mann und ihre Söhne, sie hat aber trotzdem noch ein sehr hohes digitales Kompetenzniveau. In der Familie initiiert der Vater immer wieder Gespräche und Aktivitäten, die ihm im digitalen Bereich wichtig scheinen: So hat er beim gemeinsamen Abendessen eine Diskussion mit seinem Sohn zu den Gefahren und Vorteilen von ChatGPT angestoßen. Auch die Initiative zur Teilnahme von Gabriel an einem Codiercamp geht vom Vater aus.
Also, die Idee war […] konkret so [von meinem Vater]: „Ich habe das [Coding-]Camp dort gesehen, hättest du Lust?“, aber schon als ich klein war, hat er immer versucht, mir ein bisschen die Grundlagen des Programmierens beizubringen. Gabriel, 13 Jahre
Gabriel selbst ist mit seinen 13 Jahren bereits digital sehr kompetent: Er verfügt nicht nur über Kompetenzen zur Informationssuche und -verarbeitung sowie zur Kommunikation im Netz, sondern kennt sich auch sehr gut mit gängigen Programmen aus, kann bereits programmieren und nutzt seine vielfältigen digitalen Geräte, um sich selbst kreativ weiterzubilden. Die Eltern möchten die digitale Affinität ihres Sohnes aktiv fördern und können dies auch mit den ihnen zur Verfügung stehenden materiellen und digitalen Ressourcen erreichen. Gabriel nutzt diesen elterlichen Freiraum, um mit vielen Sachen zu experimentieren und sich selbst neue digitale Kompetenzen anzueignen.
Demgegenüber hatte Noah (18 Jahre) in seiner Familie nur wenig gezielte Förderung für die Entwicklung von digitalen Kompetenzen. Seine alleinerziehende Mutter schätzt sich eher digital unwissend ein, hatte jedoch immer die notwendigen materiellen Ressourcen für die gewünschten digitalen Apparate. Noah hat sich erst spät in der Sekundarschule für einen wirtschaftlich orientierten Schulzweig entschieden. Die spezifische Förderung in der Schule hat ihn dazu bewegt, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Die dazu notwendigen Kompetenzen im digitalen Bereich hat er sich mit der Hilfe eines Schulfreundes selbst beigebracht. Er bezeichnet sich selbst als sehr kompetent, wenn es um das Erstellen von digitalen Inhalten und das Nutzen von digitalen Tools (z. B. KI) zur Unterstützung seiner unternehmerischen Ziele geht, dagegen hat er nur mittelmäßige Kenntnisse über Hardware oder Programmierung.
Die Second-Level Digital Divide (van Dijk, 2013), der sich auf ungleiche Fähigkeiten im Umgang mit digitalen Technologien trotz vorhandener Zugänge bezieht, hat in den Familien eine doppelte Bedeutung, da nicht nur die Kompetenzen der Jugendlichen, sondern auch die elterlichen digitalen Kompetenzen durch die Ressourcen der Familie beeinflusst sind. Eltern benötigen materielle, kulturelle und soziale Ressourcen, um eigene Handlungskompetenzen entwickeln zu können und ihre Kinder in ihrer Mediennutzung zu unterstützen (Livingstone et al., 2021; Livingstone et al., 2017; Paus-Hasebrink et al., 2019).
Die digitalen Kompetenzen der Eltern spielen eine entscheidende Rolle dabei, wie gut sie ihre Kinder in der digitalen Welt unterstützen können. Die digitale Kompetenzentwicklung in Familien ist dabei ein komplexes Zusammenspiel von individuellen Fähigkeiten, familiären Ressourcen und sozialen Interaktionen (Livingstone et al., 2021).