9.4.3 Digitale Bildungsunterstützung in Familien: zwischen Kompetenzförderung und Risikominimierung

Studien zeigen, dass Eltern das bildungsfördernde Potenzial der digitalen Medien besser unterstützen können, wenn sie und ihre Kinder über digitale Kompetenzen verfügen und sie eine aktive Mediennutzung fördern (Bonanati & Buhl, 2022; Livingstone et al., 2017). Um dies zu erreichen, ist es wichtig, dass Eltern zu Hause ein positives, unterstützendes und autonomieförderndes Umfeld schaffen, auch in Bezug auf die digitalen Medien. Familien, in denen Eltern eine hohe digitale Kompetenz haben, sind häufiger in der Lage, ein solches Umfeld herzustellen. Eltern mit weniger digitalen Kompetenzen neigen eher dazu, die digitalen Medien als Risikoquelle zu verstehen und ihre Kinder vor entsprechenden Gefahren beschützen zu wollen. Dies kann jedoch wertvolle Lernmöglichkeiten verhindern (Eggert et al., 2021; Schaan & Melzer, 2015).

Die in den vorangegangenen Unterkapiteln beschriebenen einzelnen familiären Praktiken bilden in jeder Familie ein Gesamtgefüge, durch das digitale Bildung innerhalb der Familie in unterschiedlichem Maße unterstützt wird. Im Folgenden werden die Medienerziehungsstrategien der Eltern, ihre Erziehungsstile und ihre digitalen Kompetenzen gemeinsam untersucht, um Muster innerhalb der Familien zu identifizieren und deren Einfluss auf die Förderung der digitalen Bildung in der Familie zu beschreiben.

In einem Teil der interviewten Familien zeigt die Analyse aller Erhebungsinstrumente ein familiäres Umfeld, das die digitale Bildung der Kinder und Jugendlichen fördert. In diesen Familien ist die Medienerziehungsstrategie der Eltern durch weniger Regeln und Kontrolle sowie eine Strategie zur Förderung der Autonomie der Jugendlichen sowohl offline als auch online gekennzeichnet. Dementsprechend ist der Erziehungsstil der Eltern demokratisch-liebevoll. Die Heranwachsenden werden auf ihren Wegen begleitet, ohne dass ihre Eigenständigkeit unterdrückt wird. Einige der Eltern verfügen selbst über hohe digitale Kompetenzen und sind in der Lage, ihre Kinder bei digitalen Fragen zu unterstützen. Diese Familien besitzen alle ausreichend materielle und soziale Ressourcen. Die Einstellung der Eltern zu digitalen Medien ist, wahrscheinlich aufgrund ihrer hohen digitalen Kompetenz, überwiegend positiv: Sie sehen vor allem die Vorteile, die digitale Technologien im Alltag, aber auch für die Bildung der Kinder und Jugendlichen haben können.

Digitale Bildungsunterstützung am Beispiel der Familie von Luc (17 Jahre)

In Lucs Familie wird digitale Bildung der Kinder fördernd unterstützt. Der Jugendliche verfügt im Vergleich mit anderen Jugendlichen über sehr hohe digitale Kompetenzen, nicht nur in den eher gängigen Bereichen wie Kommunikation, Netzwerke oder Informationsnavigation, sondern auch in seinen technischen Fähigkeiten im Umgang mit digitalen Geräten und Programmen. Er erzählt im Interview, dass er bereits Webseiten und kleine Anwendungen programmiert hat und dass er auch kompliziertere Funktionen von Applikationen kennt. Er ist sich der Gefahren des Internets bewusst und sehr verantwortungsbewusst beim Gebrauch seines Smartphones, auch in Bezug darauf, wie lange und wofür er es nutzt.

Da die Eltern viele Restriktionen nach der Pandemie nicht mehr einführten, konnte Luc im Internet und mit Apps viel experimentieren und somit Fähigkeiten eigenständig erlernen. Er hat zum Beispiel auf einer Webseite einen Fake Account als 13-jähriges Mädchen erstellt, um seiner Schwester zu beweisen, wie viele ungefragte sexuelle Anfragen sie erhalten würde. Die Eltern haben einen Erziehungsstil, der auf Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder gründet; in der Familie wird offen und liebevoll miteinander umgegangen und kommuniziert.

Der Vater verfügt über sehr gute digitale Kompetenzen, laut Luc ist er der digitale Experte in der Familie. Der Vater kann die digitale Bildung seiner Kinder mit seinem Wissen gezielt unterstützen, indem er ihnen beispielsweise die Möglichkeit gibt, bestimmte digitale Umgebungen zu nutzen: „Wenn die Kinder etwas aufwendigere Sachen machen wollen zum Beispiel, dann kann man ihnen auf dem Chromebook auch so eine Linux-Entwicklungsumgebung freischalten […] es ist ja gut, wenn die Kinder sich für solche Sachen interessieren.“ In vielen Bereichen haben die Kinder sich die Kompetenzen jedoch bereits angeeignet, ohne dass die Eltern viel intervenieren mussten:

Moderator: Wie hast du das dann alles rausgefunden, wie du dich zum Beispiel verhalten sollst? Gab es BEE SECURE oder hast du das eher in der Familie, von deinen Eltern? […] Luc: Alles selbst. Ja. […] Vater: Also, ich merke immer wieder, dass die Kinder aber irgendwie schon von irgendwo vorbereitet werden. Denn meistens, wenn man was anspricht, dann wissen die schon. Und die sagen: „Ja, ich weiß ja“, so. Dann kommt man sich vor, als wäre man jetzt wieder der Prediger, der immer wieder dieselbe Nachricht sagt, wo man selbst zumindest nicht das Gefühl hat, dass man das schon öfters gesagt hat. Familie von Luc, 17 Jahre

Umgekehrt konnte mithilfe der Analyse auch eine Gruppe von Familien identifiziert werden, in denen das familiäre Umfeld die digitale Bildung der Kinder nur minimal fördert. Die Medienerziehungsstrategie der Eltern basiert hauptsächlich auf restriktiven Einstellungen und Kontrollen, die erst aufgehoben werden, wenn die Jugendlichen volljährig sind.

Der Erziehungsstil wird von den Jugendlichen in den Familien häufiger als autoritär eingestuft. Die Eltern in den Familien verfügen oft nur über geringe digitale Kompetenzen und sind sich bewusst, dass ihre Kinder in vielen Bereichen der digitalen Technologie besser informiert sind als sie selbst. Sie befürchten, dass ihre Kinder zu viel digitale Medien konsumieren oder nicht ausreichende digitale Kompetenzen haben, um die Gefahren richtig einzuschätzen zu können. Die Familien verfügen über vergleichsweise weniger materielle Ressourcen und können ihren Kindern digitale Geräte manchmal erst in einem späteren Alter oder gar nicht anschaffen.

Die Einstellung der Eltern gegenüber digitalen Medien reicht daher von vorsichtig bis abweisend. Ihre Strategie besteht darin, ihre Kinder vor übermäßigem Konsum und den Gefahren des Internets zu schützen, anstatt die Chancen der digitalen Bildung zu fördern.

Jacks Beispiel zeigt auch, dass Schulen eine wichtige Rolle bei der digitalen Bildung junger Menschen bei diesem Familientyp spielen. Die meisten Jugendlichen, deren Eltern in Bezug auf digitale Technologien eher vorsichtig sind, haben ihre digitalen Kompetenzen in Bezug auf Office-Programme in der Schule oder durch die Nutzung von iPads erworben, die von der Schule zur Verfügung gestellt wurden (siehe Kapitel 7). In dieser Hinsicht können Schulen zumindest teilweise bestimmte Ungleichheiten ausgleichen, die sich aus den materiellen und sozialen Ressourcen der Familien ergeben.

Die Familie von Jack (18 Jahre) als Beispiel der Risikominimierung durch Restriktion digitaler Medien

Jack hält sich für digital kompetent, insbesondere im Bereich der Informationsnavigation. Er nutzt für alle digitalen Aktivitäten fast ausschließlich sein Smartphone, da seine Eltern ihm keinen Laptop kaufen können. Er ist Mitglied in vielen sozialen Netzwerken wie Instagram, Snapchat oder TikTok und gibt zu, dass er täglich mehr als sechs Stunden auf sozialen Medien verbringt. Er besitzt keine technischen Kenntnisse zu digitalen Geräten und hat erst während seiner Ausbildung zum Bürokaufmann in der Schule den Umgang mit gängigen Office-Programmen gelernt.

Die Eltern finden Jacks digitalen Konsum zu hoch, sind jedoch mit der Aufgabe, seine digitalen Aktivitäten einzuschränken, überfordert, da sie nur geringe digitale Kompetenzen haben. Deshalb bitten sie ihren ältesten Sohn, die Einschränkungen auf Jacks Smartphone durchzuführen. Jack empfindet die Restriktionen als sehr ungerecht, da er beispielsweise verschiedene Apps oder soziale Medien bis zu seiner Volljährigkeit nur zehn Minuten pro Tag nutzen darf. Er löscht daher regelmäßig den Code für die Einschränkungen und umgeht sie so.

Die Mutter sieht die Vorteile der vielen digitalen Programme, die sie auf ihrem Smartphone nutzen kann, wie beispielsweise ChatGPT zum Übersetzen, kritisiert jedoch, dass junge Menschen heute zu viel und zu oft ihr Smartphone nutzen und dadurch ihre intellektuellen Fähigkeiten nachlassen:

Das ist sehr hilfreich. Es gibt viele Anwendungen, zum Beispiel zum Navigieren, es gibt alles für Übersetzungen und so weiter, […] aber es gibt auch einige, die nicht so gut sind, für junge Leute. Ich bin nicht zufrieden […] damit, dass ich heute so viel das Telefon nutze und dann nicht mehr richtig mit dem Kopf denke. Ich weiß nicht, zum Beispiel etwas berechnen, nehme ich […] den Taschenrechner, […] das ist alles im Telefon gespeichert. […] Früher kannte ich viele Telefonnummern, […] aber jetzt weiß ich sie nicht mehr. […] das ist für das Gehirn, das ist nicht gut, finde ich. Mutter von Jack, 18 Jahre

Jacks Eltern verfügen nicht über die digitalen Kompetenzen und materiellen Ressourcen, um ihren Sohn bei seiner digitalen Bildung gezielt zu unterstützen. In der Schule hat Jack den Umgang mit gängigen Office-Programmen gelernt. Obwohl er sich sehr für digitale Technologien interessiert, gehen seine digitalen Kompetenzen nicht über diese Grundkenntnisse hinaus.