2.4.1 Jugend im Wandel: Eine dynamische Entwicklungsphase im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen

Durch die Steigerung der Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten haben sich auch die Lebensphasen neu strukturiert und verlängert. Dies trifft in besonderem Maße auf die Jugendphase zu, die sich seit den 1950er-Jahren stark ausgeweitet hat (Furlong & Cartmel, 2006; Quenzel & Hurrelmann, 2022). Die Verlängerung der Ausbildungszeiten, der Eintritt ins Berufsleben sowie die Familiengründung erfolgen immer später, während sich die Partizipation im Konsum- und Freizeitbereich nach vorne verlagert hat (Zimmermann, 2006). Die zeitliche Ausweitung dieser Phase hat auch dazu geführt, dass ihr eine steigende Bedeutung im Hinblick auf die aktuelle und zukünftige Lebensführung zuerkannt werden kann und muss (Lange & Reiter, 2018). Hinzu kommt, dass die Lebensphasen durch die jeweils vorherrschenden kulturellen, sozialen, ökonomischen und zunehmend auch digitalen Gegebenheiten Veränderungen unterliegen, die sich nicht nur auf die Dauer, sondern auch auf die Gestaltung der Lebensphasen auswirken.

Transition und Moratorium: zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen der Jugendphase

In der Jugendforschung werden zwei Perspektiven auf den „Forschungsgegenstand“ Jugend unterschieden: Einerseits gilt diese Phase als Transition und somit als Zeit des Übergangs und der Vorbereitung auf das Erwachsensein, andererseits als Moratorium, das Jugend als eigene Lebensphase begreift (Furlong, 2013; Universität Luxemburg & MENJE, 2015). Wird die Jugend verstärkt als Phase der Transition und des Heranwachsens betrachtet, rücken bestimmte Themen und Erwartungen – wie etwa die Übernahme von Werten, Normen und gesellschaftlich erwarteten Zielsetzungen (z. B. Familiengründung, Arbeitsplatzfindung) – stärker in den Fokus. Das Moratorium dagegen stellt die altersspezifischen Bedürfnisse junger Menschen in den Mittelpunkt und misst diesen eine eigenständige Bedeutung bei.

Entwicklungsaufgaben: Herausforderungen für junge Menschen

Unabhängig davon, ob die Jugendphase eher als Transition oder Moratorium betrachtet wird, befinden sich Heranwachsende in einer Zeit, die von starken psychischen, körperlichen und sozialen Veränderungen geprägt ist und mit spezifischen Herausforderungen einhergeht. Die Transition zum Erwachsenenstatus kann dann als bewältigt angesehen werden, wenn jugendspezifische Entwicklungsaufgaben „erfolgreich gelöst“ wurden (Havighurst, 1972). Hierzu können der Beziehungsaufbau zu den Peers, die Ablösung vom Elternhaus, die Gründung einer Familie, der Eintritt ins Erwerbsleben und die Verinnerlichung von ethischen Werten zählen, die das eigene Verhalten leiten, sowie das Erlernen eines sozial verantwortlichen Handelns. Vor diesem Hintergrund lassen sich für die heutige Zeit vier Entwicklungsaufgaben formulieren (Quenzel & Hurrelmann, 2022, S. 24):

  • Qualifizieren bedeutet, intellektuelle und soziale Kompetenzen zu entwickeln, die es dem Individuum ermöglichen, Aktivitäten durchzuführen, die für die Person selbst und auch für die Gesellschaft von Bedeutung sind,
  • Binden heißt, eine eigene Identität sowie die Fähigkeit zum Bindungsaufbau und dem Eingehen von sozialen Beziehungen zu entwickeln,
  • Konsumieren meint, einerseits psychische und soziale Strategien zu entwickeln, die der Entspannung und Regeneration dienen, andererseits angemessen und produktiv mit den verschiedenen Angeboten aus Wirtschaft, Freizeit und Medien umzugehen,
  • Partizipieren beinhaltet den Aufbau eines eigenen Wertesystems und die Durchführung von Aktivitäten, die Einfluss auf soziale Bereiche nehmen können.

Die Bewältigung dieser Herausforderungen im Jugendalter dient einerseits „der persönlichen Individuation, also dem Aufbau einer Persönlichkeitsstruktur mit ganz bestimmten körperlichen, psychischen und sozialen Merkmalen und Kompetenzen und dem subjektiven Erleben als unverwechselbares Individuum“; andererseits ermöglicht die Lösung dieser Entwicklungsaufgaben „in der gesellschaftlichen Dimension […] die soziale Integration, also die Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Netzwerken und Gruppen und die Übernahme von verantwortungsvollen gesellschaftlichen Mitgliedsrollen“ (Quenzel & Hurrelmann, 2022, S. 25).

Entwicklungsaufgaben stellen eine große Herausforderung dar, bei der die Heranwachsenden von den verschiedenen Sozialisationsinstanzen begleitet und unterstützt werden (Bronfenbrenner, 1981). Hierbei wird eine „systematische Betrachtung einer Vielzahl von Bedingungsgeflechten über verschiedene Handlungs- und Systemebenen hinweg möglich“ (Epp, 2018, S. 46), bei der unterschiedliche Institutionen miteinander in Interaktion treten. Hierbei nehmen die Familie sowie – zu einem späteren Zeitpunkt – die Peers eine zentrale Rolle ein. Auch die Schule, Vereine oder Jugendhäuser tragen hierzu bei, indem sie einerseits gewisse Anforderungen an die jungen Menschen stellen, ihnen aber gleichzeitig durch die Vermittlung von Kompetenzen und dem Aufbau von Agency (Handlungsfähigkeit) dabei helfen, diesen Anforderungen auch gerecht zu werden (Giddens, 1984).

Die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben kann als wichtiger Schritt zur Entwicklung der Persönlichkeit und der Ausbildung einer eigenen Identität gesehen werden. Darüber hinaus geht es jedoch auch um gesellschaftliche Erwartungen, die mit dem Erwachsenwerden verbunden sind und sich auf die Bereiche Wirtschaft, Familie und Politik beziehen (Universität Luxemburg & MENJE, 2015). Diese Erwartungen können in Abhängigkeit von der jeweiligen Gesellschaft variieren und sich auch innerhalb dieser Gesellschaft unterscheiden und verändern. Aufgrund gesellschaftlicher Differenzierungsprozesse ist die Bewältigung bestimmter Entwicklungsaufgaben heute stärker individualisiert, weniger normativ vorgegeben und folgt zunehmend einem eigenen, individuellen Rhythmus. Die sogenannten Transitionsmarker – wie der Abschluss der Schule, der Einstieg in den Arbeitsmarkt, der Auszug aus dem Elternhaus, das Leben in einer Partnerschaft, Heirat und Familiengründung – verschieben sich zunehmend in spätere Lebensalter (vgl. Binden und Qualifizieren). Viele Jugendliche sehen Heirat und eigene Kinder nicht mehr als feste Bestandteile des Zusammenlebens an (Quenzel & Hurrelmann, 2022, S. 41). Dagegen übernehmen sie früh die Rolle von Konsumierenden und beteiligen sich auch politisch (vgl. Konsumieren und Partizipieren).

Neben der dadurch entstehenden Statusinkonsistenz4 und der offensichtlichen Verlängerung der Transitionsphase ist auch eine verstärkte Diversität der Verlaufsmuster zu beobachten. Jugendliche sind eigenständige Akteure ihrer Biografie und verfügen in der heutigen Zeit über eine große Wahlfreiheit bzgl. der Ausgestaltung der Transition, was gleichzeitig jedoch mit Unsicherheiten und höheren Risiken einhergeht. Zudem spielen zur Verfügung stehende Ressourcen, wie zum Beispiel Begabung, Selbstbild, Lernfähigkeit und Motivation (Reinders, 2003), sowie Selbstwirksamkeit (Bandura, 1993) eine wichtige Rolle; ebenso wie die Ressourcen der Herkunftsfamilie, die sich auf die Bildung der Eltern, den sozialen Status, das familiäre Netzwerk sowie die finanziellen Mittel, also den sozioökonomischen Status beziehen.

Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass der Übergang zum Erwachsenensein immer fließender und weniger strukturiert erfolgt. Den einzelnen Transitionsmarkern wird dabei eine unterschiedliche Bedeutung zugeschrieben, und als erwachsen kann derjenige angesehen werden, der „sowohl ökonomisch als auch biologisch die bestehende Gesellschaft weiterführen (reproduzieren) kann“ (Quenzel & Hurrelmann, 2022, S. 39). Die Partizipation in den politischen, kulturellen und sozialen Bereichen erhält hingegen als Merkmal des Erwachsenseins oftmals etwas weniger Beachtung.

Jugendkulturen: Ausdruck von Identität, Abgrenzung und digitaler Transformation

Jugendkulturen lassen sich als Ausdruck einer eigenständigen Auseinandersetzung junger Menschen mit ihren Lebenswelten verstehen. Sie dienen nicht nur der Selbstvergewisserung, sondern auch der Abgrenzung – sowohl gegenüber der Erwachsenenwelt als auch gegenüber anderen Jugendgruppen (Scherr & Bauer, 2024). In Form von Musikstilen, Kleidung, Sprache, Ritualen und symbolischen Handlungen gestalten junge Menschen kulturelle Räume, in denen sie Zugehörigkeit, Identität und Selbstverortung erleben und erproben können. Diese Räume fungieren oft als Gegenmodelle zur vorherrschenden Kultur und bieten die Möglichkeit, alternative Lebensentwürfe sichtbar zu machen (Friedrichs & Sander, 2010b). Dennoch ist Jugendkultur nicht losgelöst von der symbolischen Ordnung der kulturellen Institutionen und ihrer Sprache, Bilder und Texte zu verstehen (Becker, 2022).

In der heutigen Gesellschaft zeigt sich ein zunehmender Toleranzspielraum gegenüber den Ausdrucksformen von Jugend, wodurch sich Abgrenzung weniger gegenüber Erwachsenen, sondern verstärkt innerhalb der Peergroup vollzieht. Jugendliche differenzieren sich somit vor allem durch stilistische, mediale und kulturelle Merkmale voneinander, um eine individuelle Identität zu konstruieren (Gebhardt, 2020). Parallel dazu ist eine gesellschaftliche Entwicklung zu beobachten, in der Jugend nicht mehr nur als Übergangsphase, sondern zunehmend als kulturelles Leitbild betrachtet wird. Die klare Trennung zwischen Jugend- und Erwachsenenkultur verwischt, was sich auch in der sozialwissenschaftlichen Sprache widerspiegelt – der Begriff der Jugendkultur ersetzt zunehmend den der Subkultur (Gebhardt, 2020). Mit dem Aufkommen digitaler Medien haben sich die Ausdrucksformen und Aneignungsprozesse von Jugendkulturen erheblich verändert. Jugendliche schaffen sich heute nicht nur in analogen, sondern auch verstärkt in digitalen Räumen neue Möglichkeiten der Vernetzung, Identitätsbildung und Zugehörigkeit. Der digitale Raum ermöglicht neue Formen des kulturellen Ausdrucks, die weit über klassische Szenen hinausgehen (Hugger, 2010).

Sozialisation: Entwicklung im Zusammenspiel von Individuum und Gesellschaft

Im Laufe des Lebens hat der Sozialisationsprozess eines Menschen einen maßgeblichen Einfluss auf seine Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung. Sozialisation impliziert eine wechselseitige Beziehung zwischen dem Heranwachsenden und der Gesellschaft und kann verstanden werden als „Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt. Vorrangig thematisch ist dabei die Frage, wie der Mensch sich zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt bildet“ (Hurrelmann & Geulen, 1980, S. 51). Sozialisation ist ein lebenslanger Prozess, der jedoch insbesondere die Kindheits- und Jugendphase betrifft. Auch wenn die soziale Umwelt einen starken Einfluss auf das Individuum ausübt, werden Jugendliche meist als handlungsmächtige Personen anerkannt, die aktiv auf die Gesellschaft ein- und zurückwirken (Popp, 1994) und zugleich als produktive „Realitätsverarbeiter“ agieren (Hurrelmann & Bauer, 2015). Die Familie nimmt in all ihren möglichen Ausgestaltungen eine für die Sozialisation zentrale Rolle ein, da sie die Bildung der Identität eines Jugendlichen in starkem Maße beeinflusst (vgl. Zimmermann, 2006).

Mit zunehmendem Alter gewinnen die sozialen Beziehungen zu Gleichaltrigen, die im Gegensatz zur Beziehung zur Familie auf Freiwilligkeit beruhen, für die Sozialisation an Bedeutung. Jugendliche verbringen ihre Schul- und Freizeit überwiegend mit der Gruppe der Gleichaltrigen und lernen von- und miteinander (Harring et al., 2010). Hier finden Sozialisation und „soziales Lernen“ durch die Peers statt (Bandura, 1993). Innerhalb der Gleichaltrigengruppe werden vielfältige Lern- und Erfahrungsräume generiert, die maßgeblich dazu beitragen, individuelle Lebensstile zu entwickeln sowie Normen und Werte auszubilden. In der Jugendphase hat der Sozialisationsprozess eine besondere Bedeutung, da zentrale Weichen für die Identitätsbildung, Werteorientierung und soziale Positionierung gestellt werden (Bauer & Hurrelmann, 2021). In einer Welt, in der jugendliche Lebenswelten zunehmend medial durchdrungen sind, verändern sich jedoch die Bedingungen dieser Sozialisationsprozesse (Hoffmann et al., 2017): Digitale Medien fungieren als eigenständige Sozialisationsinstanz neben Familie, Schule oder Peers. Sie bieten neue Räume der Erfahrung, Aneignung und Aushandlung, beeinflussen Rollenbilder, Kommunikationsstile und soziale Beziehungen und tragen so zu einer Verschiebung klassischer Sozialisationsmilieus bei (Friedrichs & Sander, 2010a).

Hier zeigt sich deutlich: Rahmenbedingungen des Aufwachsens und jugendliche Lebenswelten haben sich durch die fortschreitende Digitalisierung grundlegend verändert. Entsprechend erfordert der Blick auf ihre Einstellungen und ihr Handeln in der Übergangsphase zum Erwachsenwerden theoretische Zugänge, die diesen digitalen Veränderungen Rechnung tragen. Diese werden im folgenden Unterkapitel dargestellt.


  • 4

    Statusinkonsistenz bedeutet: unterschiedliche Zeitpunkte der Übernahme verschiedener Rollen als Konsumierende, politisch Engagierte, Berufstätige, Familienangehörige (Quenzel und Hurrelmann, 2022, S. 42).