Klassische theoretische Perspektiven auf die Jugendphase, sei es im Hinblick auf Entwicklungsaufgaben, Jugendkulturen, Sozialisationsdynamiken oder andere Themen, sind im Kontext von Digitalität (neu) zu betrachten. Dabei ist zwischen den Begriffen „Digitalisierung“ und „Digitalität“ zu differenzieren (Kutscher, 2020): Während Digitalisierung primär als technischer Prozess der Umwandlung analoger Informationen in digitale Formate verstanden wird, beschreibt Digitalität die daraus resultierenden Veränderungen – insbesondere die enge Vernetzung zwischen Menschen, Objekten und Informationen sowie die zunehmende Verwobenheit von analogen und digitalen Lebenswelten (Schier, 2018). Im Sinne post-digitaler Praktiken (Buch et al., 2025) verliert die Unterscheidung zwischen digital und nicht digital zunehmend an Bedeutung. Stattdessen stehen die engen Verflechtungen und wechselseitigen Abhängigkeiten beider Sphären im Vordergrund (Jandrić & Knox, 2022, S. 784). Digitale Technologien sind dabei nicht nur technische Werkzeuge, sondern tief in kulturelle Praktiken, Denkstile und Machtverhältnisse eingebettet (Cramer, 2014, S. 13; Ruhrmann & Fuchs, 2020). In diesem Kontext ist Digitalität nicht nur als technologische, sondern auch als soziokulturelle Bedingung des Aufwachsens zu verstehen, durch die Jugendliche Identität, Teilhabe und Zugehörigkeit erfahren und aushandeln. Gleichzeitig ist der Zugang zu digitaler Infrastruktur und Kompetenz sozial ungleich verteilt, was zentrale Fragen nach digitaler Teilhabe und Gerechtigkeit aufwirft (van Deursen & Helsper, 2015; van Dijk, 2005; Zillien, 2009).
Der gesellschaftliche Rahmen, in dem Jugendliche aufwachsen
Die Gesellschaft, in der Jugendliche heutzutage aufwachsen, ist von tiefgreifenden technologischen und soziokulturellen Umbrüchen geprägt. Nach Seemann (2021) lassen sich drei bedeutsame Umbrüche im digitalen Zeitalter identifizieren. Das Aufkommen des Internets (ca. 1995–2000), der Aufstieg der „Plattformen“5 (ca. 2008–2013) sowie die Verbreitung großer Sprachmodelle (ca. 2018–2023). Jede dieser Entwicklungen hat spezifische Fragen und Herausforderungen hervorgebracht: von Fragen der Urheberschaft und Aneignung digitaler Inhalte über die Kontrolle durch Plattformen bis hin zu den noch kaum absehbaren Auswirkungen generativer KI. Diese Entwicklungen vollziehen sich nicht unabhängig voneinander, sondern bauen aufeinander auf und verschränken sich zunehmend mit den alltäglichen Lebenswelten junger Menschen.
Aufwachsen in einer Netzwerkgesellschaft
Castells (1996) beschreibt den Wandel als Übergang in eine Netzwerkgesellschaft, in der Netzwerke zur zentralen Organisationsform des Sozialen werden. Diese bestehen aus Knotenpunkten, sog. Nodes (z. B. Individuen, Institutionen, Plattformen), und den dazwischen verlaufenden Strömen (Streams) von Informationen oder Kommunikation. Soziale Interaktion, Bildung und Teilhabe sind dadurch zunehmend vernetzt und digital vermittelt, etwa über Messaging-Dienste oder Online-Communitys. Dies bringt eine Neuordnung von Zeit und Raum mit sich. Das von Castells geprägte Konzept des Space of Flows beschreibt eine neue Raumstruktur, in der Kommunikation, Macht und soziale Beziehungen unabhängig von physischer Nähe organisiert sind (Castells, 2000, S. 442–445). Junge Menschen bewegen sich heute selbstverständlich in transnationalen digitalen Räumen, die Interaktion und Identitätsbildung über geografische Distanzen hinweg ermöglichen. Dabei erzeugen Netzwerkeffekte eine Form von Macht: Je mehr Menschen einen Standard nutzen, desto größer wird der Druck auf andere, sich diesem anzupassen, wodurch die Macht des Netzwerks weiter wächst (vgl. Seemann, 2021, S. 88).
Aufwachsen in einer Konsumgesellschaft
Der Lebensalltag und die Alltagskultur junger Menschen sind zunehmend kommerzialisiert, etwa durch Konsumgüter wie digitale Geräte und Angebote (Apps, Smartphones, Streamingdienste) (Tully, 2019, S. 79). Zudem sind digitale Praktiken „von Werbung ‚umspült‘“ (Tully, 2019, S. 84): Klicks, Likes und Suchanfragen hinterlassen Spuren in Form von personenbezogenen Daten, die ökonomisch ausgewertet werden können und Rückschlüsse auf persönliche Bedürfnisse, Interessen und die Konsumhistorie zulassen. Insbesondere Plattformen gelten dabei als neues Regulierungsprinzip (Seemann, 2021). Die Vielzahl von Angeboten und digitalen Reizen entwickelt dabei eine kontinuierliche Suggestivkraft. In diesem Sinne argumentiert Zygmunt Bauman (2017), dass moderne Macht nicht primär über Zwang und Gewalt ausgeübt wird, sondern vielmehr über subtile Formen der Verführung und Bedürfnissteuerung funktioniert.
Aufwachsen in einer Gesellschaft der Singularitäten
Junge Menschen wachsen in einer Gesellschaft auf, in der digitale Technologien nicht nur allgegenwärtig sind, sondern auch Bühnen zur Inszenierung und zur Suche nach Einzigartigkeit bieten; hier werden individuelle Vorlieben, Talente oder Meinungen in einem weltweiten Netzwerk geteilt und bewertet, was soziale Dynamiken und Prozesse der Identitätsbildung prägt. Reckwitz (2018) beschreibt diesen gesellschaftlichen Strukturwandel als Übergang von einer industriellen Moderne, die durch Standardisierung und Massenproduktion geprägt war, hin zu einer spätmodernen Gesellschaft, in der das Streben nach Einzigartigkeit und Besonderheit – als „Singularisierung“ bezeichnet – zunehmend dominant wird. Diese Entwicklung hat tiefgreifende Auswirkungen auf verschiedene für Jugendliche relevante Lebensbereiche, wie Kultur, Wirtschaft, Politik und soziale Beziehungen. Reckwitz zeigt, dass in der spätmodernen Gesellschaft das Besondere über das Allgemeine gestellt wird: Authentizität, Individualität und originelle Lebensstile gelten als erstrebenswert, während das Durchschnittliche und das Normale an Bedeutung verlieren und teilweise abgewertet werden.
Aufwachsen in einer Gesellschaft der strukturell veränderten Öffentlichkeit
In einer digital vernetzten Gesellschaft wird Öffentlichkeit zunehmend über digitale Plattformen organisiert, die anderen Funktionsweisen und Interessen folgen als traditionelle Massenmedien: Sie „entledigen [.] sich […] jener produktiven Rolle der journalistischen Vermittlung und Gestaltung von Programmen, die die alten Medien wahrnehmen“ (Habermas, 2022, S. 44), was zu einer Auflösung der professionellen journalistischen Vermittlungsrolle und „inhaltlich ungeregelt[en]“ Interaktionen zwischen den Mediennutzern führt (Habermas, 2022, S. 45). Diese Verschiebung ermöglicht einerseits eine breite Teilhabe, denn prinzipiell können alle Jugendlichen Inhalte produzieren, publizieren und kommentieren; sie birgt andererseits jedoch das Risiko fragmentierter Öffentlichkeiten, in denen sich Meinungen in Algorithmen-gesteuerten Resonanzräumen verfestigen. Hinzu kommt die Gefahr von Desinformation und nicht validierten Inhalten („Fake News“) sowie die von Pariser (2011) beschriebene Dynamik von Filterblasen, die den Zugang zu vielfältigen Perspektiven weiter einschränken kann. Entsprechend hat diese Entwicklung ambivalente Folgen für die Meinungsbildung und gesellschaftliche Teilhabe.
Aufwachsen in einer Gesellschaft der partizipativen Kultur
Das Konzept der partizipativen Kultur (Participatory Culture) beschreibt eine grundlegende Veränderung in der Art und Weise, wie junge Menschen Medien erleben, nutzen und gestalten (Jenkins et al., 2009). Sie agieren in medialen Umgebungen, die ein hohes Maß an Interaktivität und Selbstwirksamkeit ermöglichen. In dieser postdigitalen Medienkultur gewinnen Formen der aktiven Mitgestaltung und kollektiven Kreativität an Bedeutung. Die Art und Weise, wie junge Menschen eigene Inhalte erstellen, mit anderen Personen interagieren und an gesellschaftlichen Diskursen teilhaben, wurde durch Plattformen wie YouTube, TikTok oder Discord, aber auch in Fanforen und Gaming-Communitys, erheblich verändert. Hier können junge Menschen eigene Inhalte erstellen, mit anderen Personen interagieren und an gesellschaftlichen Diskursen teilhaben. Jenkins betont insbesondere die Potenziale, die mit einer produktiv-partizipativen Mediennutzung verbunden sind. Damit verschiebt sich auch der Blick auf Jugend: Aufwachsen bedeutet heute nicht nur, sich in Netzwerken zu bewegen, sondern auch, sich aktiv in diese einzuschreiben, etwa durch mediale Beiträge, kreative Kooperationen und digitale Ausdrucksformen, die neue Räume für Identitätsarbeit, Bildung und demokratische Teilhabe eröffnen.
Wie junge Menschen mit den Herausforderungen und Möglichkeiten der (digitalen) Gesellschaft umgehen
Um zu verstehen, wie junge Menschen mit den Herausforderungen und Möglichkeiten der digitalen Gesellschaft – also den zuvor beschriebenen Rahmenbedingungen – umgehen, ist es hilfreich, den Fokus auf ihre alltäglichen Handlungspraktiken zu richten (Buch et al., 2025). Hieraus ergeben sich theoretische Bezüge, die zeigen, wie und warum junge Menschen digitale Technologien in ihrem Alltag nutzen, ihre Gewohnheiten anpassen und neue Praktiken als Folge des technologischen Wandels entwickeln.
Doing Digitality – Digitalität als alltägliche Praxis
Garfinkel (1967) beschreibt, wie Personen durch die alltäglichen Interaktionen mit anderen Personen soziale Realität produzieren, reflektieren und gleichzeitig verändern. Heute besteht ein breites Feld an Theorien sozialer Praktiken, die nach Andreas Reckwitz (2003) eine Reihe von Merkmalen teilen. Soziale Praktiken brauchen einerseits die Materialitäten des menschlichen Körpers und der Artefakte – der Objekte, die in einer sozialen Praktik genutzt werden. Andererseits besitzt jede soziale Praktik eine implizite informelle Logik, also ein geteiltes, oft unausgesprochenes Wissen über Routinen, Erwartungen und Bedeutungszuschreibungen. Zum Verständnis des Sozialen müssen nach Reckwitz beide Aspekte, die Materialität und die Logik, analysiert und verstanden werden. Auch für das Verstehen von Gemeinschaften, wie zum Beispiel Familien, werden soziale Praktiken zur Analyse herangezogen. Eine dynamische Sicht auf das Familienleben, das durch die gemeinsamen Aktivitäten definiert wird, ersetzt eine statische Sicht der Familie als eine Gruppe von Personen mit unterschiedlichen Positionen (Morgan, 2011). So werden unter „Doing Family“ sowohl die alltäglichen Praktiken zur Organisation der Familie verstanden als auch die Konstruktion einer gemeinsamen Identität (Jurczyk et al., 2019). Auf diese Weise lenkt das Konzept des „Doing“ auch den Blick auf die konkreten Handlungspraktiken im digitalen Alltag. Es fragt: Wie wird Digitalität alltäglich hervorgebracht, gestaltet und erlebt?
Jugendliche und junge Erwachsene als Menschen, die das Digitale mitgestalten
Strukturelle Bedingungen und individuelle Praktiken sind eng miteinander verflochten und verweisen stetig aufeinander, wie Anthony Giddens (1984) in seiner Theorie der Strukturation aufzeigt. Er versteht soziale Strukturen nicht als feststehende Gegebenheiten, sondern als etwas, das in einer Wechselbeziehung mit einer Handlung steht: Strukturen ermöglichen und begrenzen Handlung; zugleich werden sie durch wiederholtes Handeln fortlaufend (re-)produziert. Mit Blick auf die digitale Mediennutzung junger Menschen bedeutet das: Jugendliche und junge Erwachsene bewegen sich im digitalen Raum in einem Geflecht aus bereits etablierten (schulischen, politischen, familiären) Regeln, Routinen oder auch Plattformlogiken (z. B. Netzwerkeffekten, algorithmischer Steuerung, quantitativer Anerkennungslogik) (vgl. Seemann, 2021), die den Handlungsspielraum vorgeben. Ein hilfreiches Konzept für diese Perspektive ist der Begriff der Affordanz, wie ihn Seemann (2021, S. 16) verwendet. Er beschreibt damit „die Möglichkeitsbedingungen von bestimmten Praktiken und Strukturen, die in einer Technologie angelegt sind. Technologie hat immer einen Angebotscharakter und legt bestimmte Handhabung oder bestimmte Einsatzzwecke nahe, die aber nicht zwingend angenommen werden“ (ebd.). Digitale Technologien machen bestimmte Nutzungsweisen wahrscheinlich – etwa durch Interface-Design, Funktionalitäten oder soziale Erwartungen –, sie lassen aber auch Spielräume der Aneignung und Umdeutung offen. Ergänzend bieten Emirbayer und Mische (1998) mit ihrem prozesshaften Verständnis von Agency ein differenziertes Bild jugendlicher Handlungsfähigkeit, welche sie in drei Dimensionen aufteilen: eine iterative Dimension, die auf Routinen und wiederholte Handlungsweisen verweist; eine projektive Dimension, in der Zukunftsvorstellungen und kreative Imaginationen zentral sind; eine praktisch-evaluative Dimension, die das situationsbezogene Abwägen und Entscheiden umfasst. Übertragen auf die digitale Mediennutzung bedeutet das: Jugendliche nutzen digitale Medien einerseits in gewohnheitsmäßiger Weise (z. B. tägliches Scrollen oder Messaging), entwickeln zugleich aber auch neue Praktiken oder Inhalte, etwa beim Gestalten von Videos oder beim kreativen Einsatz digitaler Tools (projektiv). Gleichzeitig treffen sie fortlaufend situative Entscheidungen, zum Beispiel im Umgang mit Konflikten, Sichtbarkeit oder Selbstdarstellung (praktisch-evaluativ). Diese Theorierahmung erlaubt es demnach, digitale Medienpraktiken Jugendlicher nicht nur als Anpassung an digitale und soziale Normen zu beschreiben, sondern sie auch als eigenständige Gestaltung innerhalb struktureller Bedingungen zu analysieren. Jugendliche sind damit weder passiv den digitalen Strukturen ausgeliefert noch völlig frei – sie handeln reflexiv und eingebettet.
Aus subjekttheoretischer Perspektive (Butler, 1997; Scherr, 2020) stehen darüber hinaus nicht nur Handlungen und Nutzungsweisen im Zentrum, sondern auch die Frage, wie sich junge Menschen in Auseinandersetzung mit sozialen Erwartungen, Normen und Zuschreibungen als Subjekte konstituieren. Scherr (2020) betont, dass Jugendliche ihr subjektives Selbstverständnis aktiv im Aushandlungsprozess mit anderen entwickeln – auch und gerade in digitalen Räumen, in denen sie sich zeigen, mit anderen in Beziehung treten oder sich abgrenzen. Judith Butler (1997) ergänzt diesen Blick durch ihre Theorie der Performativität. Identität entsteht ihr zufolge durch wiederholte, normgeleitete Handlungen. Gleichzeitig beschreibt sie mit dem Konzept der Anrufung (Interpellation), dass Subjektivität auch durch soziale Rückmeldungen entsteht: Likes, Kommentare und Plattformvorgaben wirken wie normative „Zurufe“, die bestimmte Identitäten stärken und andere marginalisieren. Jugendliche werden so in bestimmte Rollen „hineingerufen“, können sich aber auch kreativ dazu verhalten. Auch subjekttheoretisch lassen sich digitale Praktiken Jugendlicher also als Teil ihrer Identitätsarbeit verstehen – als Aushandlung zwischen gesellschaftlichen Vorgaben, technisch-medialer Vermittlung und eigenen Ausdrucksformen. Digitale Räume sind dementsprechend nicht nur Kommunikationsmittel, sondern auch Orte der Subjektivierung, die jedoch voraussetzungsvoll sind. An diesem Punkt rücken Fragen nach Zugang zu Infrastruktur, digitaler Teilhabe und der Reproduktion sozialer Ungleichheiten in den Vordergrund: Wie verteilen sich Ressourcen, Kompetenzen, Nutzungsweisen und Handlungserträge in digitalen Kontexten? Und wie hängen diese mit klassischen sozialen Ungleichheitsdimensionen wie Bildung, Herkunft oder Geschlecht zusammen?
Digital Divide: Ungleich verteilte Zugangs-, Nutzungs- und Teilhabemöglichkeiten
Im digitalen Zeitalter sind Zugangs- und Nutzungsbedingungen ungleich verteilt, was erhebliche Auswirkungen auf die Teilhabechancen in einer zunehmend vernetzten Gesellschaft hat. Diese digitale Spaltung – auch als Digital Divide bezeichnet – ist vielschichtig und zeigt sich auf verschiedenen Ebenen. Van Dijk (van Dijk, 2013) unterscheidet unterschiedliche Stufen der digitalen Spaltung: von der Motivation zur Nutzung digitaler Medien über den technischen Zugang bis hin zu Kompetenzen und tatsächlichen Nutzungsformen.
First-Level Digital Divide: Zugangsdimensionen
Die Debatte um die Digital Divide bezog sich zu Beginn der Verbreitung digitaler Technologien und Medien und der damit verbundenen digitalen Transformation vor allem auf die Frage des ungleichen Zugangs (First-Level Digital Divide) zu digitaler Infrastruktur, wie beispielsweise einer stabilen Internetverbindung oder der notwendigen Hardware (Spellerberg, 2021; Tichenor et al., 1970). Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive war dies besonders relevant, da der Zugang zu digitalen Angeboten und Informations- und Kommunikationsmedien nach sozioökonomischen Merkmalen und sozialen Gruppen zum Teil ungleich verteilt war. Noch heute ist weltweit ein großer Teil der Bevölkerung von digitaler Teilhabe ausgeschlossen: Während 2022 etwa 5,3 Milliarden Menschen das Internet nutzten (etwa 66 % der Bevölkerung), hatten rund 2,7 Milliarden keinen vollständigen Internetzugang (International Telecommunication Union, 2022). Besonders deutlich ist diese Kluft in Ländern mit niedrigen Einkommen: Dort nutzen nur 26 % der Geringverdienenden das Internet – im Vergleich zu 92 % der Besserverdienenden (International Telecommunication Union, 2022). Betrachtet man dagegen die Zahlen für Europa, ergibt sich ein anderes Bild: Europa verzeichnet im weltweiten Vergleich die höchste Nutzungsrate mit 88 %. Schaut man sich die Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen an, so erhöht sich die Zahl der Nutzenden in Europa sogar auf 98 %. Auch weltweit ist die Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen stärker digital vernetzt als jüngere oder ältere Altersgruppen (International Telecommunication Union, 2022). Die „universale Verbreitung“ des digitalen Zugangs, von der man spricht, wenn mehr als 95 % der Menschen das Internet nutzen, ist in dieser Altersgruppe in Ländern mit Volkswirtschaften mit hohem und oberem mittlerem Einkommensbereich bereits erreicht.
Second-Level Digital Divide: Nutzungsmuster
Mit der zunehmenden Verbreitung der Technologien und der Reduzierung von Zugangsbarrieren, etwa durch den Ausbau der Breitbandinfrastruktur und die Kostenreduktion von Computern und mobilen Geräten, verschob sich der Fokus zunehmend von Zugangsungleichheiten hin zu Ungleichheiten bei der Nutzung digitaler Medien, auch Second-Level Digital Divide oder Usage Gap genannt (Di Maggio et al., 2004; Zillien, 2009). Hier geht es um Unterschiede in der Art und Weise, wie digitale Medien genutzt werden, etwa zur Unterhaltung, zur Information, zur sozialen Interaktion oder für Bildungszwecke. Wie auch beim Zugang zeigt die digitale Ungleichheitsforschung, dass ungleiche Nutzungsformen auf die ungleiche Verfügbarkeit von ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital (Bourdieu, 1983) zurückgeführt werden können. Zudem beeinflussen Bildungshintergrund, Einkommen, familiäre Medienpraktiken und Peer-Gruppen stark, welche Kompetenzen Jugendliche entwickeln, wofür sie digitale Medien einsetzen und wie souverän sie sich darin bewegen (Pfetsch, 2018; Potzel & Dertinger, 2022).
Third-Level Digital Divide: Nutzen und Teilhabe
Einige Forschende beschäftigen sich zudem verstärkt mit einer dritten Form von digitaler Spaltung, die Third-Level Digital Divide oder Utility Gap genannt wird (Ragnedda, 2017; van Deursen & Helsper, 2015), und ihren Auswirkungen auf die Lebenschancen der Jugendlichen: „Third-level divides […] relate to gaps in individuals’ capacity to translate their internet access and use into favorable offline outcomes“ (van Deursen & Helsper, 2015, S. 13). Diese dritte Form bezieht sich auf die Fähigkeit, digitale Nutzung in tatsächliche Vorteile im „realen Leben“ zu übersetzen, sei es für den Bildungserfolg, berufliche Chancen oder gesellschaftliche Teilhabe. Nicht jede Nutzung führt automatisch zu positiven Ergebnissen. Auch unter denjenigen mit guter Infrastruktur zeigen sich Unterschiede im Nutzen, den sie aus digitalen Möglichkeiten ziehen – abhängig von Ressourcen, Bildung, Selbstwirksamkeit und Unterstützung im sozialen Umfeld (Bonfadelli & Meier, 2021).
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Plattformen lassen sich als spezifische Infrastrukturen verstehen, die ihren Nutzern Möglichkeitsräume eröffnen. Diese können zwar frei betreten und eigenständig genutzt werden; in der Praxis kann diese Freiwilligkeit jedoch als Zwang wahrgenommen werden, insbesondere dann, wenn die Kosten der Nicht-Nutzung steigen. Hierin liegt eine zentrale Eigenschaft von Plattformen als Regulierungsprinzip: Sie verknüpfen Freiwilligkeit mit strukturellem Zwang (Seemann 2021).