In den qualitativen Familieninterviews zeigt sich, dass eine zentrale Konfliktursache in den strengen Regeln liegt, die Eltern aus Angst vor übermäßigem Konsum oder zum Schutz vor Missbrauch aufstellen. Die Sicht der Jugendlichen und die Konsequenzen der strikten Regeln auf deren Lebenswelten scheinen den Eltern häufig nicht klar zu sein. Einige Regeln stellen für die Jugendlichen einen wesentlichen Eingriff in ihre Freiheit und ihr Wohlbefinden im weitesten Sinne dar und können negative Auswirkungen auf das analoge Leben haben.
So bedeutet das automatische Ausschalten des Smartphones ab einer gewissen Uhrzeit zum Beispiel, dass auch die alltäglichen Funktionen, mit denen die Jugendlichen ihren Alltag organisieren, nicht mehr genutzt werden können. Emma (18 Jahre) berichtet, dass die elterlichen Regeln zur Bildschirmzeit sie mit 16 Jahren sehr gestört haben, besonders wenn ihr Smartphone ausging, während sie noch unterwegs war. Dann waren auch alltägliche Funktionen wie Telefonieren, die Mobilitätsapp oder die Nutzung einer Karte nicht mehr möglich. Auch gewöhnliche Freizeitaktivitäten wie Musik hören waren abends durch die elterlichen Einschränkungen nicht mehr möglich über das Smartphone. Emma kritisiert, dass ihre Entscheidungsfreiheit, wie sie ihre Freizeit verbringen möchte, auf diese Weise sehr eingeschränkt wurde.
Die unterschiedlichen Gruppen von Peers, denen die Jugendlichen angehören, präferieren ganz bestimmte Kommunikations- oder Chat-Programme, über die sie Informationen oder Nachrichten austauschen, zum Beispiel Snapchat oder Instagram. Wenn Jugendliche diese Programme nicht nutzen können oder eine zeitliche Begrenzung für die Programme festgelegt ist, sind die betroffenen Jugendlichen auch von Kommunikationsprozessen in diesen Gruppen ausgeschlossen (vgl. auch Fontar et al., 2018). Das zeigt sich am Beispiel von Louis (15 Jahre), dessen Bildschirmzeit für Instagram auf eine Stunde am Tag limitiert ist; dann wird die App über die festgelegten Regeln seiner Mutter automatisch gesperrt. Der Junge muss danach zum Chatten mit einzelnen Freunden auf andere Apps ausweichen. Da die Kommunikation in der Gruppe jedoch weiter über die gesperrte App läuft, verpasst Louis wichtige Informationen und fühlt sich ausgeschlossen.
Die Jugendlichen berichten zudem in den Interviews, dass Spielfiguren bei verschiedenen Multiplayer-Spielen bestraft werden (z. B. durch Punktabzug oder Sperren ihrer Spielfigur), wenn ein begonnenes Spiel durch die begrenzte Bildschirmzeit abgebrochen wird. Noahs (18 Jahre) Mutter war sich dieser sozialen Dynamiken zunächst nicht bewusst; sie empfand es als unhöflich, dass ihr Sohn nicht sofort reagierte, wenn sie ihn während eines Spiels auf dem Smartphone ansprach. Erst nachdem Noah ihr die Funktionsweise seiner Spiele erklärte, verstand sie, wie wichtig es für ihn ist, ein begonnenes Spiel zu Ende zu spielen, um in der Online-Welt nicht bestraft und in der Offline-Welt nicht sozial ausgeschlossen zu werden:
Wenn das Spiel läuft, hört er nicht auf. […] Das ist verrückt, denn das habe ich mal gefragt, als er jünger war […]: „Ja, wie ist das mit den Spielen? Kann man nicht einfach aufhören?“ Nein, dann werden sie rausgeschmissen und verlieren den Zugang, sie können gesperrt werden, wenn sie ein Spiel unterbrechen. […] Du willst gewinnen, du willst dabeibleiben, du willst mit deinen Kollegen auch weiterreden, denn wenn sie weiterspielen, du kommst nicht rein, dann bist du ausgeschlossen. Mutter von Noah, 18 Jahre
In den interviewten Familien spiegeln die aufgestellten Regeln zumeist die Sicht der Eltern wider, und damit verbunden die Frage, was diese als sinnvolles Nutzen digitaler Medien ansehen. Es kann daher als logische Konsequenz gedeutet werden, dass Jugendliche, die die Regeln als ungerecht oder sinnlos einschätzen, versuchen, diese zu umgehen oder außer Kraft zu setzen. So haben die meisten befragten Jugendlichen in den Fragebögen geantwortet, dass sie die elterlichen Regeln zumindest manchmal nicht befolgt haben. Einige Eltern schätzen sogar, dass erst das Aufstellen von Regeln die Jugendlichen herausfordert. So weiß Lucs (17 Jahre) Vater, dass seine Söhne jedes „Schlupfloch“ bei einem Verbot finden werden. Luc beschreibt, wie er erfolgreich die Sperre des Schul-iPads umgeht, indem er sich mit einem anderen Account einloggt oder Proxy-Webseiten nutzt. Gabriel (13 Jahre) und Jack (18 Jahre) haben die Kontrollprogramme ihrer Eltern ebenfalls außer Kraft gesetzt, indem sie detaillierte Anweisungen von YouTube-Tutoren befolgt haben. Gabriels Mutter vergleicht die Regeln mit einer Mauer: Je höher die Eltern diese bauen, desto größer ist der Anreiz für die Jugendlichen, sie zu überwinden.
Trotz bestehender Konflikte gelingt es Jugendlichen, sich in die Perspektive der Eltern und deren Verantwortung hineinzuversetzen. Auf die Frage, wie sie als potenzielle Eltern selbst in Zukunft die Medienerziehung ihrer Kinder gestalten würden, spiegeln die Vorstellungen der Jugendlichen durchaus jene ihrer Eltern wider. Zum einen liegt dies daran, dass Jugendliche sich noch nicht weiter mit dem Thema auseinandergesetzt haben; andererseits sind Eltern wichtige Erziehungsvorbilder, deren Erziehungsstile von den Kindern zum Teil reproduziert werden (Boehnke & Boehnke). Noah (18 Jahre) fand die Regeln seiner Mutter gut, weder zu streng noch zu moderat. Er wäre mit seinen Kindern streng, zumindest am Anfang, weil er im Internet zu viele Gefahren sieht. Auch Jack (18 Jahre) findet den Erziehungsstil seiner Eltern gut und würde das bei seinen Kindern ähnlich handhaben. Er würde Regeln für Unter-18-Jährige aufstellen und mit ihnen über die Gefahren der sozialen Medien sprechen.