9.2.5 Einordnung der Ergebnisse

Digitale Medien sind nicht mehr aus dem Alltag von Familien wegzudenken und verändern die Art und Weise, wie Familienmitglieder Doing Family umsetzen. Kleine Praktiken zum Organisieren des Familienalltags und die Entstehung einer Identität als Familie werden durch diverse digitale Praktiken unterstützt (z. B. Kommunikation über WhatsApp oder Teilen von gemeinsamen Fotos oder Schauen von Filmen oder Serien). Auch wenn im Großen und Ganzen die Familien sich nicht der digitalen Realität entziehen können, so haben sie sehr unterschiedliche Präferenzen bezüglich der Art und Weise, wie und in welcher Intensität sie unterschiedliche digitale Technologien in ihrem Alltag nutzen. Tendenziell spiegeln die Unterschiede in der digitalen Kommunikation die vorhandenen Unterschiede in der analogen Kommunikation wider. Die Beschreibung der Schwierigkeiten einzelner Familien bei der Umsetzung von gemeinsamen (digitalen) Freizeitaktivitäten oder auch dem Abspeichern und Konservieren von Familienfotos weist tendenziell auf schlechtere Handlungsoptionen von Eltern mit geringeren finanziellen Ressourcen oder geringeren digitalen Kompetenzen hin (Paus-Hasebrink et al., 2019).

In den Familien drehen sich viele Diskussionen und Überlegungen im Umgang mit den digitalen Technologien darum, wer wann wie viel nutzen darf. Das Repertoire der Eltern in Luxemburg zum Regulieren der digitalen Praxis der Kinder und Jugendlichen unterscheidet sich nicht von jenen im Ausland. Eltern orientieren sich für die Aufstellung von Regeln an unterschiedlichen Vorgaben und Modellen; sind sich jedoch nicht zuletzt aufgrund der vielfältigen und teilweise widersprüchlichen Orientierungsmodelle häufig unsicher. Eltern haben dabei eine ambivalente Position zwischen dem Wunsch und der Pflicht, ihre Kinder vor den Gefahren des Internets sowie einer unkontrollierten Nutzung der digitalen Medien zu schützen; und der Unterstützung ihrer Kinder auf dem Weg in die Autonomie und die soziale Teilhabe, die heutzutage zunehmend über digitale Medien läuft. Eltern passen die Regeln auch an das Alter der Kinder und Jugendlichen an. In keiner der interviewten Familien sind die Regeln jedoch das Resultat eines demokratischen Aushandlungsprozesses. Vielmehr reagieren Eltern intuitiv und flexibel auf Probleme oder Anfragen der Jugendlichen, wobei die Studienergebnisse darauf hindeuten, dass die Regelerstellung im digitalen Bereich nicht anders ist als jugendtypische Aushandlungsprozesse in anderen Lebensbereichen.

Konflikte zwischen Eltern und Jugendlichen entstehen aufgrund strenger Regeln für die Nutzung digitaler Medien, die Eltern aus Angst vor übermäßigem Konsum oder Missbrauch aufstellen. In keiner der Familien sind die Regeln mit den Jugendlichen abgesprochen. Diese Regeln können die Freiheit und das Wohlbefinden der Jugendlichen erheblich einschränken, deswegen kritisieren oder rebellieren sie dagegen. Insgesamt zeigt sich auch, dass Eltern bislang noch wenig reflektieren, welches Vorbild sie durch die eigene Nutzung den Jugendlichen geben (Geurts et al., 2022).