Die Jugendphase stellt die Eltern vor die Herausforderung, ihren Erziehungsstil permanent an die Veränderungen ihrer Kinder und deren Lebensbedingungen anzupassen. Die Eltern sind dabei gefragt, die Balance zu finden, zum einen die Beziehung zum Jugendlichen aufrechtzuerhalten und ihm zum anderen mehr Autonomie zu gewähren und auch Grenzen zu setzen (Kammerl et al., 2012; Livingstone & Blum-Ross, 2020; Symons et al., 2017).
Aus der Analyse der Jugend-Fragebögen1 und qualitativen Interviews lassen sich v. a. aufgrund der Einschätzung der Jugendlichen drei unterschiedliche elterliche Erziehungsstile ableiten: demokratisch-liebevoll, autoritär und permissiv. Während diese drei Typen eine gewisse Homogenität innerhalb der Familie suggerieren, zeigt die qualitative Studie, dass elterliches Erziehungsverhalten in der Praxis deutlich heterogener ist: Elterliche Erziehungsstile stimmen selten vollständig überein und es gibt Unterschiede, sowohl in den Stilen von Mutter und Vater als auch in der Erziehung unterschiedlicher Geschwister (Roskam & Meunier, 2009).
Emmas (18 Jahre) Vater erklärt, dass seine Frau und er im Prinzip den gleichen Erziehungsstil haben, sie bei der Umsetzung jedoch unterschiedlich vorgehen: „Prinzipiell liegen wir auf der gleichen Linie, allerdings bin ich ein bisschen nachsichtiger im Allgemeinen. Ja beziehungsweise, meine Kommunikation ist nicht unbedingt immer direkt direkt.“ Als problematisch erweisen sich die unterschiedlichen und in diesem Fall entgegengesetzten Erziehungsstile bei Louis (14 Jahre), dessen Eltern getrennt leben. Auch wenn sie noch miteinander kommunizieren und keinen Streit haben, leben sie Louis zwei unterschiedliche Rollenmodelle in Bezug auf die Digitalität vor: Während der Vater selbst gerne Computerspiele spielt und Louis dies auch bei seinen Besuchen erlaubt, ist die Mutter der Meinung, dass zu lange Bildschirmzeiten zu Abhängigkeiten und Unkonzentriertheit führen. Louis möchte sich am Vater orientieren und hat deswegen häufig Konflikte mit seiner Mutter, deren Regeln er als zu streng bewertet (vgl. auch Matthes et al., 2021).
Eine besondere Situation besteht in Familien mit mehreren Kindern, da die Eltern gegenüber den einzelnen Kindern je nach Alter oder Geschlecht oder auch Charakter der Kinder ihren Erziehungsstil anpassen (Roskam & Meunier, 2009). Diese Besonderheit zeigt sich auch in der für den Jugendbericht durchgeführten Étude qualitative sur les jeunes et leurs parents. Die Mutter von Gabriel (13 Jahre) beispielsweise berichtet, dass die mentale Gesundheit ihres ältesten Sohnes sich durch negative Informationen aus dem Internet verschlechtert habe, was von den Eltern lange unerkannt blieb. Seither reagieren die Eltern aufmerksamer bei ersten Signalen zum Wohlbefinden der Söhne und versuchen bereits präventiv, den jüngeren Sohn Gabriel im Hinblick auf die Gefahren im Internet zu sensibilisieren. Trotzdem ist der Mutter bewusst, dass die beiden Söhne ganz unterschiedlich mit digitalen Medien umgehen und die Eltern ihr Erziehungskonzept dementsprechend anpassen müssen:
Bei beiden haben wir geschaut, irgendwie die Zeit im Griff zu behalten. Und ich glaube, bei dir [Gabriel] war es manchmal riskanter, wirklich sehr lange damit zu verbringen und nicht mehr loszukommen als bei Daniel […]. Daniel hat viel gemalt […]. Und das war eigentlich seine Art, auch mal mit Stress umzugehen. Und bei dir ist es eher digital, um mit Stress umzugehen. Mutter von Gabriel, 13 Jahre
In Lucs (17 Jahre) Familie wurden die Erziehungsvorstellungen der Eltern im digitalen Bereich während der Pandemie aufgehoben, zum Beispiel wurde die Bildschirmzeitbegrenzung abgeschafft, um den Kindern die digitale Kommunikation mit Lehrern und Freunden zu ermöglichen. Die Eltern sind nach der Pandemie nicht mehr zu den alten Regeln zurückgekehrt, so dass Lucs jüngere Geschwister weniger strenge Regeln auferlegt bekommen als Luc in dem Alter.
In einzelnen Familien wurde klar, dass Eltern ihre Erziehungsaufgaben zum Teil an Geschwister abgaben. Die älteren Geschwister übernahmen unterschiedliche Aufgaben bei der digitalen Sozialisation ihrer jüngeren Geschwister, zum Beispiel, indem sie Zugänge zu digitalen Inhalten verwalten, Geschwister bei der digitalen Exploration begleiten oder als Rollenmodell für digitales Verhalten fungieren (Davies & Gentile, 2012; Lorenz & Kapella, 2020). Da Jacks (18 Jahre) Eltern über wenige digitale Kompetenzen verfügen, überließen sie ihrem 14 Jahre älteren Sohn einen Teil der Verantwortung bei der digitalen Erziehung von Jack. Immer wieder kam es zwischen den Brüdern zu Konflikten, weil Jack die Vorgaben und Regeln seines Bruders nicht einhielt oder umging. Der 17-jährige Luc macht sich auch Sorgen, dass seine 13-jährige Schwester zu viele digitale Aktivitäten zu früh von den Eltern erlaubt bekommt und sich nicht der Gefahren bewusst ist. Die Eltern müssten seiner Meinung nach strengere Regeln und Begrenzungen bei der Schwester durchsetzen. Er versucht selbst, sie auf gewisse Gefahren aufmerksam zu machen. Bei Jack und Luc hat die Übernahme einzelner elterlicher Erziehungsfunktionen ihre Beziehung zu den Geschwistern verändert, da ihre gut gemeinte Unterstützung bzw. Kontrolle von den Geschwistern als Eingriff in die Autonomie gesehen wird.
Die Analyse der untersuchten Familien zeigt den Einfluss des Erziehungsstils auf den Umgang der Eltern mit digitaler Technologie im Familienalltag. Der erste beschriebene Typ ist der demokratisch-liebevolle Erziehungsstil: Die Eltern respektieren die Autonomie der Kinder, geben ihnen die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, und begleiten sie dabei mit emotionaler Wärme und positivem Feedback (Salavera et al., 2022). Fast alle Jugendlichen in der Étude qualitative sur les jeunes et leurs parents haben den Erziehungsstil ihrer Eltern als demokratisch und gleichzeitig liebevoll eingeschätzt. Ein Beispiel hierfür ist Lenas Familie: Die Mutter lässt die 17-Jährige in On- und Offline-Welten ihren eigenen Weg gehen, da sie Vertrauen in Lenas Fähigkeiten hat, Gefahren zu erkennen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Lena weiß, dass sie bei Problemen, die sie nicht allein bewältigen kann oder möchte, auf die Unterstützung ihrer Eltern zählen kann.
In Abgrenzung zum demokratischen Erziehungsstil kennzeichnet sich der autoritäre Erziehungsstil dadurch, dass Jugendlichen kaum Entscheidungsspielraum eingeräumt wird, während gleichzeitig hohe Erwartungen und Forderungen seitens der Eltern bestehen. Die Beziehung zwischen Eltern und Jugendlichen kann dabei trotzdem sehr responsiv und liebevoll sein. Mias (13 Jahre) Eltern erwarten von ihr, dass sie sich in der Schule anstrengt und gute Schulnoten erzielt. Falls dies nicht der Fall ist, wird Mia bestraft, zum Teil auch mit Smartphone-Verbot. Auch die Regeln zum Nutzen der digitalen Geräte werden von den Eltern festgelegt und sind im Vergleich zu anderen Familien strenger.
Aber ansonsten wird sie [Mia] auch bestraft. Wenn sie etwas falsch macht, wenn sie etwas nicht darf oder in der Schule nicht gut war, wird ihr das Handy weggenommen. […] Handy, iPad, [Mia kichert] das sind Regeln, die die Eltern aufstellen. Und die muss ich dann auch befolgen. Oma von Mia, 13 Jahre
Beim dritten Erziehungsstil, dem permissiven Erziehungsstil, erlauben Eltern ihren Kindern viele Freiheiten und Autonomie, geben dagegen nur wenige Rahmenbedingungen vor und sind auch den Kindern gegenüber weniger responsiv. Matilda (16 Jahre) und ihre Schwester schätzen den Erziehungsstil ihrer alleinerziehenden Mutter als eher permissiv ein. Diese Einschätzung der Jugendlichen hängt damit zusammen, dass ihre alleinerziehende Mutter mit einer Ganztagsarbeitsstelle weniger Zeit für die Familie hat und dementsprechend den Jugendlichen bei Problemen nur begrenzt helfend zur Seite stehen kann. Die Mutter hat eine sehr herzliche und warme Beziehung zu ihren Kindern. Im Interview beschreibt sie jedoch ihren (mittlerweile) eher offenen Erziehungsstil, der sich auch beim Umgang mit den digitalen Technologien zeigt.
Mutter: Nein, am Wochenende, ich lasse sie, ehrlich gesagt. Ja, am Samstag. Moderator: Sie können [die digitalen Technologien] nutzen, wie sie wollen? Mutter: Ja. Unter der Woche [sind] sie fast den ganzen Tag in der Schule […]. Wenn ich nach Hause komme, sind da immer die Mädchen, die ihre Hausaufgaben machen. Für Miguel, wir benutzen, wie ich sage, um Hilfe zu bekommen, Sachen [ChatGPT], um die Übersetzungen zu machen. Aber der Rest, wenn wir ins Bett gehen müssen, ist es, um ins Bett zu gehen. Es ist zum Ausruhen, ich sage nicht, dass es eine Kontrolle gibt, aber ich glaube, dass die beiden [Mädchen], die älter sind, sie wissen schon, dass es vorbei ist, für heute ist es gut. Ich brauche kein: „Nein, es ist vorbei, du musst …“, aber Miguel, es beginnt, aber es ist ganz langsam, ich sage: „Du musst verstehen, warum man nicht lange mit dem Handy, mit dem Spiel bleiben kann.“ So etwas in der Art. Unter der Woche spielt er nicht, das ist nur am Freitag, und heute tut er es, weil er … ich weiß nicht einmal, ob er Schulaufgaben hat. Erst die Hausaufgabe, dann… Mutter von Matilda, 16 Jahre
Die meisten Jugendlichen der vorliegenden Studie wachsen bei einem oder beiden Elternteilen auf, die einen positiven Erziehungsstil offline und online anwenden. Bei der Entscheidung, wie sie ihre Erziehung ausrichten, wägen Eltern ab zwischen einerseits gesellschaftlichen Erwartungen und Diskursen (Livingstone & Blum-Ross, 2020, S. 32) sowie den sich verändernden Kontexten der Familie, wie dem Alter der Kinder und ihren eigenen individuellen Vorstellungen.