9.4.4 Einordnung der Ergebnisse

In diesem Unterkapitel wurde auf Grundlage der Familieninterviews analysiert, wie die Familien Ungleichheiten im Zusammenhang mit digitalen Technologien beschreiben und wie sich die Ungleichheiten auf den drei Ebenen der Digital Divide in den Familien auswirken (van Dijk, 2013). Die Ergebnisse bestätigen die Analyse des YSL (siehe Kapitel 5.3) in Bezug auf die ungleichen Zugänge der Jugendlichen zu digitalen Geräten und den sich daraus ergebenden ungleichen digitalen Kompetenzen. In den Familien haben die digitalen Medien tendenziell bereits bestehende soziale Ungleichheiten noch verstärkt: Jugendliche aus Familien mit höheren finanziellen, kulturellen und sozialen Ressourcen besaßen in der Studie auch häufiger höhere digitale Kompetenzen. Diese akkumulierende Benachteiligung entsteht, wenn strukturell bedingte Ungleichheiten mit subjektiven Ungleichheiten einhergehen, zum Beispiel der Art und Weise, wie Familien mit digitalen Herausforderungen im Alltag umgehen (Paus-Hasebrink et al., 2019). Die digitale Kluft wird vertieft, da geringe materielle Ressourcen einhergehen mit geringeren elterlichen Kompetenzen, restriktiveren Erziehungsstilen und einer weniger förderlichen Lernumgebung.

Die digitalen Kompetenzen der Eltern spielen bei der Verstärkung der Ungleichheiten eine bedeutende Rolle. Einerseits können Eltern mit hohen digitalen Kompetenzen direkt das digitale Lernen ihrer Kinder in der Familie unterstützen, indem sie den Zugang zu Geräten ermöglichen und die digitale Nutzung begleiten. Die digitale elterliche Kompetenz spielt andererseits eine wichtige Rolle bei der Frage, wie Eltern die Chancen der digitalen Medien in der Bildung ihrer Kinder sehen. Eltern mit geringeren digitalen Kompetenzen neigen dazu, eher die Risiken der digitalen Medien in den Vordergrund zu stellen und einen restriktiven Medienerziehungsansatz umzusetzen. Die Restriktionen wirken sich dabei negativ auf die Entwicklung digitaler Kompetenzen bei den Jugendlichen aus.

Die Analyse der Étude qualitative sur les jeunes et leurs parents scheint insgesamt die Ergebnisse anderer Studien zu bestätigen, dass digitale Bildung durch ein familiäres Umfeld mit einem positiven elterlichen Erziehungsstil unterstützt wird. Dieser elterliche Erziehungsstil zeichnet sich hauptsächlich aus durch eine gute Beziehung zu den Jugendlichen, in der Vertrauen und Liebe, aber auch Forderungen und Grenzen wichtig sind. Durch die zunehmende Förderung der Autonomie, vor allem bei älteren Jugendlichen, können sie auch im Digitalen mehr experimentieren und tiefergreifende technische Kenntnisse entwickeln. Der demokratisch-liebevolle Erziehungsstil ist jedoch ungleich verteilt und hängt mit dem Bildungsstand, den Ressourcen und der Zeitverfügbarkeit der Eltern zusammen.

Die digitalen Ungleichheiten, die sich aus den familiären Ressourcen ergeben, können mithilfe unterschiedlicher Wege zum Teil kompensiert werden: In den Familieninterviews haben Jugendliche berichtet, dass sie durch schulische Bildungsangebote, ältere Geschwister als Kompetenzvermittler oder Peer-Learning-Netzwerke wichtige digitale Kompetenzen erlernen konnten. Vor allem schulische Angebote können dazu beitragen, dass Jugendliche trotz weniger förderlicher familiärer Umgebung Zugang zu digitalen Geräten erhalten und bestimmte digitale Kompetenzen (wie den Umgang mit Office-Programmen) erwerben.