9.5 Zusammenfassung

Die Interviews mit den Jugendlichen und ihren Eltern zeigen, wie wichtig digitale Technologien für die Organisation des Familienlebens und die Herstellung einer gemeinsamen Identität sind. Digitale Praktiken sind mittlerweile ein natürlicher Bestandteil des Familienalltags und ergänzen oder erweitern bestehende Praktiken wie die gemeinsame Familienzeit, die Kommunikation untereinander oder das Teilen von Familienfotos. Digitale Medien ermöglichen den Familien auch neue Praktiken, wie beispielsweise mit weiter entfernt lebenden Familienmitgliedern in Kontakt zu bleiben.

Die Beschreibungen der Jugendlichen und ihrer Eltern zeigen jedoch deutlich, dass es keine absoluten Aussagen oder Regeln gibt, keine Einteilung in gut oder schlecht, wenn es darum geht, wie Familien mit digitalen Technologien umgehen. Die unterschiedlichen Dynamiken und Kontexte, die das Leben und die Beziehungen innerhalb einer Familie beeinflussen, sowie die raschen Veränderungen im Bereich der digitalen Technologien erfordern von den Familien, dass sie ihre Praktiken ständig an die neuen Gegebenheiten anpassen. Es geht daher eher darum, dass Familien immer wieder eine Balance herstellen zwischen den unterschiedlichen Anforderungen, die möglichst allen Familienmitgliedern gerecht wird.

Die Analyse der Familieninterviews hat einige dieser Spannungsverhältnisse im Zusammenhang mit digitaler Technologie und den Umgang der Familien damit aufgezeigt. Die Integration digitaler Technologien in das Familienleben stellt insbesondere Eltern vor die Herausforderung, eine Reihe inhärenter Spannungen und Paradoxien digitaler Technologien in ihrer Erziehung und im Umgang innerhalb der Familie abzuwägen (Cruz López de Ayala López, María et al., 2020; Dworkin et al., 2019; Livingstone & Blum-Ross, 2020).

Der Schaffung einer Familiengemeinschaft, die auf gemeinsamen Aktivitäten basiert, stehen die individuell gestaltbaren Freizeitmöglichkeiten durch digitale Technologien gegenüber (Dworkin et al., 2019; Livingstone, 2002; Schlör, 2016). Digitale Medien und Geräte ermöglichen es Familienmitgliedern zunehmend, ihren eigenen Vorlieben und Hobbys nachzugehen, was die Entwicklung von Fähigkeiten unterstützt, aber auch zur Isolation einzelner Familienmitglieder innerhalb der Familie führen kann. Eltern und Jugendliche sollten versuchen, ein Gleichgewicht zwischen gemeinsamen analogen und digitalen Aktivitäten und individuellen Beschäftigungen zu finden. Dabei sehen sich Eltern auch mit gesellschaftlichen Erwartungen konfrontiert, wie gute Elternschaft aussieht und wie eine Familie funktionieren sollte. Diese Erwartungen, die sich auch auf Digitalität beziehen, beeinflussen, wie Eltern digitale Praktiken im Familienalltag umsetzen, und können zu Spannungen führen, wenn sie mit individuellen Erwartungen einzelner Familienmitglieder in Konflikt stehen.

Viele in den Familieninterviews erzählten Beispiele betreffen die Regeln, die Familien zur Nutzung digitaler Technologien aufstellen, und wie sich diese auf die Beziehungen zwischen Kindern und Eltern auswirken. Hier gibt es mehrere gegensätzliche Positionen, zwischen denen Eltern im Umgang mit Digitalität und ihren heranwachsenden Kindern schwanken. Eine zentrale Spannung besteht zwischen der Kontrolle der digitalen Aktivitäten der Kinder und dem Vertrauen der Eltern in die Fähigkeiten ihrer Kinder (Kammerl et al., 2022; Symons et al., 2017). Diese Spannung hängt eng mit dem Bedürfnis der Eltern zusammen, ihre Kinder zu schützen, was im Widerspruch zu dem Ziel steht, Jugendliche an Entscheidungen zu beteiligen und damit ihre Autonomie zu fördern. Aus Sicht der Jugendlichen stehen Kontrolle und Schutz auch im Widerspruch zu ihrem Bedürfnis nach Privatsphäre. Eltern müssen insbesondere mit zunehmendem Alter ihrer Kinder die richtige Balance finden, damit Jugendliche sich nicht aus Protest gegen einen repressiven Erziehungsstil von ihren Familien abwenden. Eltern müssen abwägen, wie sich Regeln und Verbote auf die Beziehungen und das Familienklima auswirken, damit Jugendliche ihre Eltern auch bei Problemen als potenzielle Partner sehen. Trotz des wachsenden Einflusses von Peers oder digitalen Influencern sind Eltern nach wie vor wichtige Vorbilder, auch im Digitalen. Wie Eltern selbst digitale Technologien nutzen und ob sie sich an die Regeln in der Familie halten, spielt sicherlich auch eine Rolle dabei, wie Jugendliche digitale Technologien nutzen.

Schließlich wurden in den Familieninterviews auch Spannungen festgestellt, die auf ungleiche Zugänge und Kompetenzen innerhalb der Familie zurückzuführen sind. Eltern, insbesondere diejenigen mit geringeren materiellen oder sozialen Ressourcen, verfügen eher über geringere digitale Kompetenzen als ihre Kinder. Dies führt zu Spannungen, da Eltern die Möglichkeiten und Chancen der digitalen Bildung unterschiedlich einschätzen. Eltern mit begrenzten digitalen Kompetenzen sind weniger in der Lage, mit den rasanten Entwicklungen in der digitalen Welt Schritt zu halten. Der Illusion, dass sie ihre Kinder durch strenge Regeln und Maßnahmen vor den Gefahren der digitalen Welt schützen können, folgt die Ernüchterung, dass technische Programme allein nicht ausreichen und sie ihren Kindern in der digitalen Welt nicht helfen können. Selbst wenn Eltern eigene Vorstellungen davon haben, wie sie die digitale Medienbildung und -erziehung ihrer Kinder gestalten möchten, entsprechen diese Werte nicht immer den gesellschaftlichen Normen und Werten. Und die Werte der Elterngeneration und der Jugendgeneration in Bezug auf digitale Technologien sind aufgrund der unterschiedlichen Bedingungen des Aufwachsens zumindest derzeit unterschiedlich.