Zielsetzung der Étude qualitative sur les jeunes et leurs parents (EQJP) war es herauszufinden, wie in Familien der Umgang mit digitalen Technologien kommuniziert und geregelt wird, welche Aushandlungsprozesse ablaufen, und wie elterliche Erziehungsstile und innerfamiliale Beziehungen durch Digitalität beeinflusst und verändert werden.
Für die Studie mit Fokus auf Familienleben und Digitalität wurde in neun Familien eine Kombination aus drei qualitativen Erhebungsinstrumenten durchgeführt3. Das wichtigste Erhebungsinstrument war ein dyadisches Interview in jeder Familie, bei dem jeweils ein Elternteil und ein Jugendlicher gemeinsam von zwei Moderatoren befragt wurden (Reczek, 2014). Teilnehmen konnten alle Familien, in denen mindestens ein Jugendlicher im Alter von 13 bis 19 Jahren im Haushalt lebte und bereit war, bei einem Interview mit einem Elternteil mitzumachen. Die Familien durften selbst entscheiden, wer am Interview teilnimmt. Der Interview-Leitfaden umfasste vier Themenbereiche: die ökonomische und soziale Lebenssituation der Familie (Wohnung, Freizeit), die Medienausstattung und das Medienrepertoire (vorhandene digitale Geräte und Nutzung), das Doing Family (Unterkapitel 9.1) allgemein und besonders in Bezug auf digitale Technologien (gemeinsame Aktivitäten, Regeln) sowie die Rolle der Familie in der Medienerziehung von Jugendlichen heute und in Zukunft. Das Interview begann mit der Aufforderung an beide Teilnehmenden, zu beschreiben, welche digitalen Medien die Familie gemeinsam an einem Wochentag nutzt.
Ein zweites Erhebungsinstrument der Studie waren Fragebögen, einer für Jugendliche und einer für Eltern. Jedes Familienmitglied im Haushalt wurde gebeten, vor dem Interview einen Fragebogen auszufüllen – also auch diejenigen, die nicht an dem Interview teilnahmen. Der Elternfragebogen befasste sich mit den Themen sozioökonomische Situation der Familie, Medienausstattung und digitale Kompetenzen, Regeln und Familienbeziehungen. Der Jugendfragebogen enthielt Fragen zu Freizeit und Netzwerken, Medienausstattung, digitalen Kompetenzen und Mediennutzung, Regeln, elterlichem Erziehungsstil und Familienbeziehungen. Die Fragebögen lieferten somit zusätzliche Informationen und Auswertungen zu den Interviews. Da einige der Fragen aus dem Youth Survey Luxembourg (YSL) genutzt wurden, können die Ergebnisse mit jenen der quantitativen Studie verglichen werden. Insgesamt füllten 14 Jugendliche den Jugendfragebogen und 15 Erziehungsberechtigte den Elternfragebogen aus.
Im Kapitel 9 wurde im Detail auf die Frage der digitalen Kompetenzen der Jugendlichen und ihrer Eltern eingegangen. Die subjektive Einschätzung der Jugendlichen und ihrer Eltern basierte auf einer Frage aus dem Fragebogen, die 17 Items umfasst. Für die Auswertung wurden die Items in drei unterschiedliche Kompetenzniveaus zusammengefasst. Die Frage erlaubte auch eine Einschätzung der Kompetenzen der Jugendlichen und Eltern in den vier abgefragten Bereichen, nämlich Technik, Information, Kommunikation und Kreativität (Livingstone et al., 2021, S. 1179).
In beiden Fragebögen drehten sich einige Fragen um den Erziehungsstil der Eltern und die Familienbeziehungen. Die Jugendlichen haben den Erziehungsstil ihrer Eltern mithilfe der elf Sätze des Parenting Style Inventory II4 bewertet. Dadurch konnten drei Dimensionen des elterlichen Erziehungsstils erhoben werden: Responsiveness, Demandingness und Autonomy Granting (Darling & Toyokawa, 1997; Geurts et al., 2022). Die Kombination der drei Dimensionen ermöglichte die Einschätzung des elterlichen Erziehungsstils als demokratisch-liebevoll, autoritär oder permissiv.5 Zur Einschätzung der Familienbeziehungen und des Familienklimas wurden den Eltern und Jugendlichen Fragen zu gemeinsamen digitalen und analogen Aktivitäten sowie Einschätzungen der Familienfunktionsweise und unterschiedlicher Dimensionen des Familienlebens wie Affektivität, Kommunikation, Rollen, Werte und Normen gestellt (Kammerl et al., 2012).
Nur im Elternfragebogen wurden drei Fragesets zur sozioökonomischen Situation und der subjektiven Einschätzung des familiären Wohlstands gestellt (Kapitel 4), mit denen die Familien unterschiedlichen Wohlstandsniveaus zugeordnet werden konnten.
Das dritte Erhebungsinstrument war ein Beobachtungsprotokoll, das die Moderatoren nach jedem Interview verfassten. Die meisten Interviews fanden in der Wohnung der Familie statt. Ein Interview wurde an der Universität durchgeführt. Neben der Beschreibung der Interviewsituation, v. a. der Interaktionen zwischen Jugendlichem und Elternteil sowie der angesprochenen Inhalte, wurden auch Informationen zur Wohnung und Ausstattung der Interviewten im Protokoll festgehalten.
Die Stichprobe der neun Familien kann mithilfe einiger charakteristischer Merkmale beschrieben werden. Bei den Dyaden handelte es sich in vier Familien um Mutter & Sohn, in jeweils zwei Familien um Vater & Tochter (bei einer Familie zusätzlich mit der Großmutter) bzw. um Mutter & Tochter und in einer Familie um Vater & Sohn. Insgesamt wurden also vier Mädchen und fünf Jungen interviewt, sechs Mütter (und eine Großmutter) und drei Väter. Sechs Jugendliche waren zum Zeitpunkt der Interviews jünger als 18 Jahre, die Jüngsten waren 13 Jahre, drei Jugendliche waren 18 oder 19 Jahre alt. Das Alter der Eltern lag zwischen 43 und 64 Jahren. Bei den interviewten Familien hatten vier Familien auch nicht luxemburgische Wurzeln, die meisten waren jedoch bereits seit ihrer Geburt in Luxemburg und besaßen auch überwiegend die luxemburgische Nationalität. In den meisten Familien fand das Interview auf Deutsch oder Luxemburgisch statt, außer in zwei Familien, in denen die Eltern Französisch sprachen. Da es sich um eine kleine Stichprobe handelt, wurden die Zitate in diesem Kapitel aus Datenschutzgründen nicht in der Originalsprache belassen, sondern vollständig ins Deutsche übersetzt. Zwei der Familien waren Patchworkfamilien, in denen entweder beide oder jeweils ein Partner bereits verheiratet war und auch Kinder aus der ersten Ehe zum Teil in der Familie lebten. In drei Familien waren die Eltern alleinerziehend. Die Größe der Familie reichte dementsprechend von zwei Personen bis zu Familien mit fünf Mitgliedern. Drei der Jugendlichen waren Einzelkinder, die anderen hatten zwischen einem und drei Geschwistern. Sechs der Jugendlichen besuchten eine Klasse der klassischen Sekundarschule, drei waren Schüler im generellen Sekundarschulunterricht. Vier der Familien verfügten über einen mittleren Wohlstand, bei zwei Familien war der Wohlstand hoch und drei Familien verfügten über einen geringeren Wohlstand.
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Eine detaillierte Beschreibung der drei Erhebungsinstrumente und ihrer jeweiligen Schwerpunkte findet sich in einem erweiterten Methodenteil des Berichts oder unter folgender Adresse: www.jugendbericht.lu.
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Sätze zur Dimension Responsivität: „Ich kann mich darauf verlassen, dass meine Eltern mir helfen, wenn ich ein Problem habe“, „Meine Eltern loben mich fast nie, wenn ich etwas gut mache“, „Meine Eltern und ich machen Dinge zusammen, die Spaß machen“. Sätze zur Dimension Anspruch: „Meine Eltern erwarten, dass ich die Familienregeln befolge“, „Meine Eltern lassen mich mit Dingen davonkommen“, „Wenn ich mich nicht benehme, werden meine Eltern mich bestrafen“, „Meine Eltern weisen auf Möglichkeiten hin, wie ich es besser machen könnte“. Sätze zur Dimension Autonomiegewährung: „Meine Eltern respektieren meine Privatsphäre“, „Meine Eltern geben mir viel Freiheit“, „Meine Eltern treffen die meisten Entscheidungen darüber, was ich tun kann“, „Meine Eltern glauben, dass ich ein Recht auf meine eigene Sichtweise habe“. Antwortmöglichkeiten von 1 (trifft überhaupt nicht zu) bis 5 (trifft voll und ganz zu).
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Nach Roth et al. (2024, S. 175) zeichnet sich der demokratisch-liebevolle oder autoritative Erziehungsstil durch eine liebevolle, aber fordernde und rationale Beziehung der Eltern zum Kind aus; beim autoritären Erziehungsstil sind die Eltern weniger emotional involviert und kontrollieren stärker; der letzte Erziehungsstil zeichnet sich durch wenig Kontrolle der Eltern aus und kann noch einmal in einen permissiven (aber warmen) und einen vernachlässigenden (nicht involvierten) Stil unterteilt werden.