7.1 Einleitung

Die vorherigen Kapitel haben gezeigt, dass digitale Medien und Technologien nahezu alle Lebensbereiche junger Menschen durchdringen. Auch Bildung ist heute untrennbar mit digitalen Technologien verknüpft. Im schulischen wie hochschulischen Alltag zeigt sich dies unter anderem in der Etablierung hybrider Lehr-Lern-Formate, dem Einsatz internetbasierter Kommunikations- und Lernplattformen sowie in neuen didaktischen Ansätzen, die auf veränderte Kompetenzanforderungen reagieren. Die Präsenz von Tablets und Laptops im Unterricht ergänzt bzw. ersetzt vielerorts das gedruckte Buch als Leitmedium (Döbeli Honegger, 2016). Darüber hinaus wurden mit der digitalen Transformation auch die Lehrpläne aktualisiert, um die Jugendlichen so gezielt auf eine digital vernetzte Zukunft vorzubereiten. Und auch non-formale und informelle Lernprozesse verlagern sich immer häufiger in digitale Umgebungen: Plattformen wie YouTube oder Discord dienen Jugendlichen als Orte selbstgesteuerter, interessengeleiteter Wissensaneignung, zum Beispiel durch Fachforen und Tutorials, durch Lern-Apps und Computerspiele. Digitalität verändert demnach nicht nur die Mittel und Medien des Lernens, sondern auch seine Formate, Räume und Subjektpositionen, also die Rolle und die aktiven Gestaltungsräume der Lernenden im Bildungsprozess (Kerres, 2024). Es wird daher heute von einem erweiterten Bildungsverständnis ausgegangen, das stärker als zuvor von sozialer Vernetzung, Interessenorientierung und Selbststeuerung geprägt ist.

Diese Entwicklungen eröffnen Jugendlichen vielfältige neue Bildungs- und Handlungsspielräume: Sie ermöglichen einen orts- und zeitunabhängigen Zugang zu vernetztem Wissen, das über klassische Unterrichtsinhalte hinausgeht. Zugleich sind jedoch neue Herausforderungen zu beobachten, denn es ist davon auszugehen, dass nicht alle Jugendlichen in gleichem Maße von diesen Möglichkeiten profitieren. So weist die Forschung darauf hin, dass bestehende soziale und bildungsbezogene Ungleichheitsbedingungen sich unter digitalen Vorzeichen weiter fortschreiben (Fraillon et al., 2020; Hadjar & Fischbach, 2021; Hargittai & Hinnant, 2008; van Dijk, 2020). Insbesondere ungleicher Zugang zu digitaler Infrastruktur, ein Mangel an familialer oder institutioneller Unterstützung sowie unterschiedliche Niveaus medialer Kompetenzen können dazu führen, dass bestimmte Gruppen von Jugendlichen benachteiligt werden. Die sogenannte digitale Spaltung (Digital Divide) manifestiert sich demnach nicht nur im Zugang zu Technologien, sondern auch in der Fähigkeit, diese reflektiert und produktiv für Bildungsprozesse zu nutzen (van Dijk, 2020). Vor diesem Hintergrund sind Bildungsbedingungen erforderlich, die ungleiche Ausgangslagen explizit adressieren, um digitale Teilhabe chancengerecht zu gestalten.

Ausgehend von dieser Ausgangslage untersucht das folgende Kapitel, wie Jugendliche selbst Bildung im Kontext von Digitalität wahrnehmen, erleben und aktiv mitgestalten. Im Fokus stehen dabei ihre Erfahrungen mit digitalen Medien in verschiedenen Bildungsräumen, insbesondere in der Schule, aber auch in der Hochschulbildung sowie im Bereich non-formaler Bildungssettings. Darüber hinaus wird betrachtet, welche Rolle digitale Technologien jenseits institutionalisierter Lernorte im privaten und freizeitbezogenen Alltag der Jugendlichen für ihre persönliche Entwicklung spielen.