Die digitale Transformation hat nicht nur die Freizeitgestaltung junger Menschen verändert, sondern zunehmend auch ihre Bildungs- und Berufswege geprägt. Insbesondere Online-Angebote zur Weiterbildung und Kompetenzerweiterung gewinnen für Jugendliche und junge Erwachsene an Relevanz – sei es im schulischen Kontext, im Rahmen individueller Qualifizierungsmaßnahmen oder zur eigenständigen Kompetenzentwicklung. Digitale Lernformate ermöglichen orts- und zeitunabhängiges Lernen, das auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten werden kann und potenziell neue Teilhabechancen eröffnet (Köller et al., 2022).
Vor diesem Hintergrund wurde erhoben, inwieweit Jugendliche in Luxemburg das Internet in den letzten drei Monaten für unterschiedliche Lernaktivitäten genutzt haben. Die Befragten konnten angeben, ob sie (1) an einem vollständigen Online-Kurs teilgenommen haben, (2) digitale Lernmaterialien wie Video-Tutorials, Webinare, elektronische Lehrbücher oder Lern-Apps genutzt haben oder (3) sich mithilfe eines KI-gestützten Chatbots in spezifischen Kompetenzfeldern wie Programmieren, Mathematik oder Schreiben weitergebildet haben.
Insgesamt zeigt sich, dass rund zwei Drittel (63 %) der Jugendlichen in den letzten drei Monaten informelle Online-Lernressourcen wie Video-Tutorials, Webinare oder Lern-Apps genutzt haben. Rund ein Drittel (30 %) hat an vollständigen Online-Kursen teilgenommen, fast die Hälfte (47 %) hat KI-gestützte Chatbots zur Kompetenzentwicklung verwendet (vgl. Abbildung 5.7).
Darüber hinaus wurden die Befragten gebeten, die Beweggründe für die Nutzung der genannten digitalen Lernangebote zu spezifizieren, d. h., ob diese für den Bildungsbereich, die Arbeit oder den privaten Kontext genutzt wurden. In diesem Zusammenhang gaben knapp 60 % der Schüler, Studierenden und Auszubildenden an, das Internet zur Vorbereitung für die Schule, Hochschule oder im Rahmen einer Aus- oder Weiterbildung zu nutzen. Dabei kamen Online-Ressourcen wie Online-Kurse, digitale Lernmaterialien und KI-gestützte Chatbots zum Einsatz. Etwas weniger, nämlich 40 %, der erwerbstätigen jungen Menschen in Luxemburg haben Online-Angebote zur Weiterbildung und Kompetenzentwicklung genutzt (vgl. Abbildung 5.8). Außerhalb von Bildungs- und Berufsbereichen haben rund 35 % der jungen Menschen Online-Angebote genutzt, um sich privat weiterzubilden.
Hinsichtlich der Nutzung digitaler Bildungsangebote zeigen sich weitgehend geschlechtsunspezifische Muster. Bei der Nutzung von KI-Sprachmodellen zeigt sich hingegen eine signifikante Differenz zugunsten männlicher Jugendlicher (vgl. Abbildung 5.7). Diese Differenz kann als Ausdruck einer fortbestehenden Second-Level Digital Divide interpretiert werden. Diese könnte geschlechterspezifische Aneignungs- und Kompetenzzuschreibungen im technischen Bereich widerspiegeln (Hargittai & Shafer, 2006; van Dijk, 2020). Angesichts der wachsenden Relevanz KI-gestützter Tools im Bildungs- und Berufsleben besteht die Möglichkeit, dass sich technologische Innovationen nicht gleichberechtigt als Ressource zur Kompetenzentwicklung etablieren.
Mit Blick auf die Verteilung der Nutzungskontexte zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede. So gaben Schülerinnen, Studentinnen und Auszubildende signifikant häufiger an, Online-Ressourcen im Kontext formaler Bildungsprozesse zu nutzen, beispielsweise zur Prüfungsvorbereitung oder zur Unterstützung schulischer und universitärer Lerninhalte. Männliche Jugendliche und junge Erwachsene greifen hingegen überdurchschnittlich häufig auf digitale Lernangebote zurück, um sich aus eigenem Interesse und außerhalb institutioneller Kontexte weiterzubilden. Keine relevanten Geschlechtsunterschiede zeigen sich bei der Nutzung digitaler Lernangebote im beruflichen Kontext (vgl. Abbildung 5.8).
Die unterschiedliche Nutzung digitaler Lernformate in verschiedenen Altersgruppen verdeutlicht eine altersabhängige Mediennutzung: Während junge Erwachsene (21- bis 29-Jährige) verstärkt strukturierte, zertifizierte Online-Kurse absolvieren, greifen Jüngere (16- bis 20-Jährige) häufiger auf KI-gestützte Sprachmodelle zurück, um situativ und informell spezifische Kompetenzen, beispielsweise im Bereich Programmieren, Schreiben oder Mathematik, zu verbessern. Diese Form der adaptiven, technologievermittelten Lernunterstützung verweist auf eine flexibilisierte und individualisierte Aneignungspraxis, die insbesondere in dieser Altersgruppe verbreitet ist und sich auch in anderen Ländern wie z. B. Deutschland widerspiegelt (Feierabend et al., 2023).
Auch hinsichtlich der Nutzungskontexte zeigen sich altersabhängige Differenzierungen: Junge Erwachsene zwischen 21 und 29 Jahren greifen signifikant häufiger auf digitale Lernangebote im Rahmen formaler Bildungsprozesse zurück, nutzen sie darüber hinaus aber auch überdurchschnittlich oft für berufsbezogene Weiterbildungen sowie zur privaten Wissensaneignung (vgl. Abbildung 5.8).
Hinsichtlich des subjektiv wahrgenommenen sozioökonomischen Status zeigen sich keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Nutzung von Online-Angeboten und KI-gestützten Sprachmodellen für schulische, berufliche oder private Zwecke. Auch in Bezug auf die Nutzungskontexte, also ob die Online-Angebote im Rahmen formaler Bildung, zur beruflichen Weiterbildung oder aus privatem Interesse genutzt werden, lassen sich keine relevanten Differenzen zwischen den sozioökonomischen Gruppen feststellen.
Junge Menschen der ersten Generation mit Migrationshintergrund nutzen Online-Lernangebote und KI-gestützte Sprachmodelle häufiger als Jugendliche ohne Migrationshintergrund sowie jene der zweiten Generation. Ein möglicher Erklärungsansatz ist, dass sie diese digitalen Ressourcen verstärkt zur Überwindung von Sprachbarrieren und zur besseren Anpassung an das Bildungssystem einsetzen (Bradley et al., 2017). Auch im Hinblick auf die Nutzungskontexte zeigen sich differenzierte Muster: Im privaten Bereich greifen junge Menschen mit Migrationshintergrund der ersten Generation besonders häufig auf digitale Weiterbildungsangebote zurück (vgl. Abbildung 5.8). Zwischen jungen Menschen ohne Migrationshintergrund und solchen der zweiten Generation lassen sich in diesem Bereich hingegen keine signifikanten Unterschiede feststellen. Im beruflichen Kontext ist auffällig, dass Jugendliche der zweiten Generation am seltensten auf Online-Ressourcen zurückgreifen. Im formalen Bildungsbereich hingegen zeigen sich keine relevanten Differenzen zwischen den Gruppen.
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass digitale Lernangebote einen festen Bestandteil der Bildungs- und Lebensrealitäten junger Menschen in Luxemburg darstellen (vgl. Abbildung 5.8). Dabei reichen die Nutzungskontexte von formalen Bildungsprozessen über berufsbezogene Weiterbildungen bis hin zur privaten Aneignung von Wissen und Kompetenzen. Besonders informelle Lernformate wie Tutorials, Webinare oder Lern-Apps sind weit verbreitet, während auch KI-gestützte Sprachmodelle zunehmend zur gezielten Kompetenzentwicklung eingesetzt werden. Besonders diese informellen Lernformate und KI-basierten Tools tragen das Potenzial, individuelle Lernbedarfe flexibel zu adressieren – unabhängig von Ort und Zeit. Vor diesem Hintergrund fordert auch das luxemburgische Jugendparlament eine aktive Einbindung KI-gestützter Anwendungen in schulische und außerschulische Bildungskontexte (Jugend-Parlament Luxemburg, 2024). Trotz der weiten Verbreitung digitaler Lernressourcen zeigt sich, dass soziale Unterschiede weiterhin eine Rolle spielen – wenn auch in spezifischer Ausprägung. So lassen sich geschlechtsspezifische Differenzen insbesondere im Bereich der Nutzung von KI-Anwendungen feststellen, was auf fortbestehende geschlechtertypische Zuschreibungen technischer Kompetenz verweist. Altersabhängige Unterschiede manifestieren sich vor allem in der Intensität und im Kontext der Nutzung: Ältere Jugendliche und junge Erwachsene greifen häufiger auf Online-Kurse und berufsbezogene Lernformate zurück, während jüngere Gruppen verstärkt KI-basierte Tools verwenden. Junge Menschen mit Migrationshintergrund der ersten Generation nutzen digitale Lernressourcen signifikant häufiger – vor allem im privaten Bereich – was auf einen kompensatorischen Bildungsansatz hinweisen könnte. Im Gegensatz dazu zeigen sich beim subjektiv empfundenen sozioökonomischen Status keine bedeutsamen Unterschiede.
Insgesamt verdeutlicht dieser Abschnitt, dass digitale Bildungsangebote in mehrfacher Hinsicht Teilhabechancen eröffnen können – sie sind jedoch nicht automatisch frei von sozialen Ungleichheiten. Um dem Anspruch auf Chancengleichheit im digitalen Bildungsraum gerecht zu werden, bedarf es daher gezielter Maßnahmen zur Förderung digitaler Kompetenzen sowie einer strukturellen Absicherung des Zugangs, insbesondere für benachteiligte Gruppen. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass junge Menschen über die nötigen Zugänge und Kompetenzen verfügen, um diese Angebote nicht nur nutzen zu können, sondern auch sinnvoll und gewinnbringend in ihre Bildungsbiografie zu integrieren.