Digitale Räume bieten Jugendlichen vielfältige Möglichkeiten der sozialen Teilhabe, des Lernens und der Freizeitgestaltung. Gleichzeitig bergen sie aber auch Risiken, insbesondere im Hinblick auf problematische, grenzverletzende oder übergriffige Erfahrungen in sozialen Interaktionen mit Fremden (siehe auch Kapitel 6). Ein besonders sensibles Thema ist in diesem Zusammenhang die Konfrontation mit unerwünschten sexuellen Inhalten oder expliziten Aufforderungen, denen Jugendliche auf Plattformen sozialer Medien, in Chats oder Online-Spielen begegnen können.
Studien zeigen, dass solche Vorfälle mit einer erhöhten emotionalen Belastung einhergehen können, etwa in Form von Angst, Scham, Vertrauensverlust oder dem Gefühl mangelnder Kontrolle (Livingstone & Görzig, 2014; Madigan, Villani, et al., 2018). Wiederholte oder besonders invasive Erfahrungen können sogar langfristige Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden und das Online-Verhalten von Jugendlichen haben. Mädchen, jüngere Jugendliche und Jugendliche mit geringerer Medienkompetenz oder mangelnder sozialer Unterstützung sind häufig besonders gefährdet.
Im Folgenden wird die Häufigkeit negativer Online-Erfahrungen von Jugendlichen in Luxemburg in Abhängigkeit von sozialen Faktoren untersucht.
Abbildung 5.14 stellt die ungewollte Konfrontation mit negativen Erfahrungen oder sexuellen Anfragen bei Jugendlichen in Luxemburg dar. Auf die Frage „Wie oft, wenn überhaupt, hast du in den letzten 12 Monaten etwas im Internet gesehen oder erlebt, das dich in irgendeiner Weise beunruhigt hat? Zum Beispiel, dass du dich unwohl gefühlt hast, verärgert warst oder das Gefühl hattest, dass du es nicht hättest sehen sollen“ geben rund 64 % der Jugendlichen an, dass sie im letzten Jahr mindestens einmal im Monat Online-Erfahrungen gemacht haben, bei denen sie sich unwohl oder verärgert gefühlt haben. Knapp 16 % der Jugendlichen sind sexuell belästigt worden, indem sie ungewollt nach sexuellen Inhalten (z. B. Informationen, Fotos oder Videos) im Internet gefragt wurden.
Besonders auffällig sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede: Weibliche Jugendliche berichten häufiger von negativen Erfahrungen und sexueller Belästigung als männliche Jugendliche. Rund 21 % der befragten weiblichen Jugendlichen geben an, schon einmal unerwünschte sexuell motivierte Informationsanfragen im Internet erhalten zu haben, während es bei den männlichen Jugendlichen 10 % sind.
Insgesamt ist die jüngste Altersgruppe (12- bis 15-Jährige) seltener mit negativen Erfahrungen konfrontiert als ältere Altersgruppen. Dagegen ist die Altersgruppe der 16- bis 20-Jährigen am häufigsten von unerwünschten Anfragen nach sexuellen Informationen betroffen.
Internationale Studien unterstreichen diese Entwicklung: Die EU‑Kids‑Online‑Erhebung in 19 europäischen Ländern zeigt, dass im Durchschnitt rund ein Drittel der 9‑ bis 16‑Jährigen im vergangenen Jahr auf eindeutig sexuelle Darstellungen gestoßen ist (Shmael et al., 2020). Eine Meta‑Analyse von 96 Studien aus Nordamerika, Europa und Asien berichtet zudem, dass etwa 20 % der Jugendlichen ungewollt mit sexuellen Inhalten konfrontiert werden und rund 11 % eine direkte sexuelle Online‑Anfrage erhalten (Madigan, Ly, et al., 2018; Madigan, Villani, et al., 2018).
Die Abbildung 5.15 zeigt eine Subgruppenanalyse in Bezug auf die Frage, ob die Jugendlichen unerwünschten sexuellen Aufforderungen ausgesetzt waren. In den Ergebnissen wird deutlich, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und den Altersgruppen zusammen betrachtet werden müssen; eine Analyse aus intersektionaler Perspektive ist hier besonders aufschlussreich. In der Altersgruppe der 26- bis 29-Jährigen sind etwas mehr Frauen als Männer mit derartigen Inhalten konfrontiert. Allerdings sind weibliche Heranwachsende im Alter zwischen 12 und 20 Jahren drei Mal so häufig von dieser Problematik betroffen. Die Ergebnisse sind mit denen vergleichbarer Studien aus der Schweiz und Österreich konsistent (Külling-Knecht et al., 2024; Saferinternet.at, 2023). Des Weiteren ist der Anteil der Frauen, die online sexuell belästigt wurden, bei den 16- bis 20-Jährigen am höchsten, nimmt jedoch mit steigendem Alter wieder ab. Im Gegensatz dazu bleibt der Anteil der Männer, die ab 16 Jahren von sexueller Belästigung betroffen sind, nahezu konstant. Die höhere Betroffenheit der 16- bis 20-Jährigen im Vergleich zur jüngeren Altersgruppe lässt sich unter anderem durch Unterschiede im Online-Verhalten erklären: Ältere Jugendliche nutzen tendenziell häufiger Plattformen mit offenen Kommunikationsmöglichkeiten und sind daher eher Ziel unerwünschter Kontaktaufnahmen. Hinzu kommt, dass mit zunehmendem Alter auch das Bewusstsein für übergriffiges Verhalten steigt und jüngere Jugendliche problematische Erfahrungen möglicherweise seltener erkennen oder benennen. Zudem richtet sich ein Teil der sexuellen Anfragen gezielt an weibliche Jugendliche in der späten Pubertät, was die Altersgruppe der 16- bis 20-Jährigen als besonders gefährdet erscheinen lässt (Görzig & Olafsson, 2013; Whittle et al., 2013).
Unterschiede zeigen sich auch hinsichtlich des sozioökonomischen Hintergrunds: Jugendliche aus Haushalten mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status berichten häufiger von unerwünschten Anfragen nach sexuellen Informationen. Obgleich Jugendliche aus Haushalten mit höherem sozioökonomischem Status tendenziell häufiger online sind und daher öfter mit sexuellen Inhalten in Kontakt kommen, zeigen sich bei Jugendlichen aus sozioökonomisch schwächeren Familien erhöhte Risiken hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit unerwünschter sexueller Anfragen (Livingstone & Görzig, 2014; Livingstone & Haddon, 2009). Die Ursachen sind vielfältig, jedoch spielen insbesondere geringere medienpädagogische Ressourcen im Elternhaus eine Rolle, beispielsweise in Form einer unzureichenden Medienerziehung (Shmael et al., 2020). Darüber hinaus sind eine geringere digitale Resilienz bzw. Medienkompetenz (Second-Level Digital Divide) sowie häufig kumulierte Vulnerabilitätsfaktoren, wie etwa mangelnde Aufklärung, geringes Wohlbefinden oder das Fehlen von Vertrauenspersonen, zu nennen. Internationale Forschung betont, dass sich digitale Risiken entlang bestehender sozialer Ungleichheiten manifestieren und in benachteiligten Gruppen besonders wirksam entfalten können (Branco & Mühl, 2025; Wolak et al., 2008). Um diese Ungleichheiten zu adressieren, sind eine gezielte Prävention, die auch sozioökonomisch schwächere Milieus erreicht, sowie technische Schutzmaßnahmen auf Plattformebene erforderlich (Livingstone & Haddon, 2009).