7.3.2 Wechselwirkung digitaler Medien und analoger Angebote

In mehreren Interviews heben Jugendliche insbesondere freizeit- und aktivitätsorientierte Angebote wie Ferienlager, Freizeitfahrten oder Sportveranstaltungen als Gelegenheiten hervor, in denen sie bewusst „handyfreie Zeit“ (Beatriz, 20 Jahre) oder sogar „digitale Detox“-Räume (Clara, 19 Jahre) erleben. Diese Erfahrungen werden von Jugendlichen unterschiedlichen Alters und Geschlechts als wertvoll beschrieben, da sie in diesen Settings die Möglichkeit sehen, sich von der Online-Präsenz zu distanzieren und in einem analogen Umfeld zu regenerieren. Die bewusste Entscheidung, digitale Medien während dieser Aktivitäten zu meiden, reflektiert das Bedürfnis, eine ausgewogene Balance zwischen digitaler und analoger Lebenswelt zu schaffen, ein Bedürfnis, das vor dem Hintergrund der weitreichenden Durchdringung alltäglicher Lebensbereiche durch digitale Medien und Technologien (Deep Mediatization) besondere Relevanz gewinnt (Hepp, 2020). Aus der Datenanalyse lassen sich hierzu drei Begründungsmuster herausarbeiten, die diese Sichtweise der Befragten verstehbar werden lassen:

1. Digitale Mediennutzung versus attraktive analoge Angebote

Non-formale Bildungsaktivitäten finden überwiegend in analogen Räumen statt, in denen persönliche Kontakte, Naturerfahrungen, Sport und kreative Gruppenaktivitäten im Vordergrund stehen. Viele Jugendliche betonen, dass dieser direkte soziale Austausch und die gemeinsamen Erlebnisse in der Peergruppe für sie unverzichtbar sind (siehe Kapitel 6). Aussagen wie „Wa mir Kaarte spillen, mir schwätze méi mateneen, mir laachen, mir maachen Dommheeten. Et ass méi wéi hei um Handy ze sinn“45 (Amélie, 20 Jahre) zeigen, dass attraktive analoge Situationen den Reiz digitaler Medien mindern können. Entscheidend ist dabei nicht ein repressives Handyverbot, sondern die Gestaltung pädagogischer Alltagssituationen und Gruppenrituale, die soziale Präsenz und emotionale Bindung fördern. So sagt Beatriz (20 Jahre):

Ich habe schnell verstanden, dass eigentlich ein Handy nicht das ist, was mir Spaß macht in einer Kolonie. Es ist nicht was Notwendiges […] weil, das Handy kannst du ja gerne benutzen, wenn du im Bus bist, um Zeit zu vertreiben. Aber dort hast du ja Aktivitäten. Beatriz, 20 Jahre

Auch Tom (15 Jahre) hebt hervor, dass analoge Aktivitäten wie Kartenspiele, gemeinsames Kochen oder Schwimmen digitale Medien in den Hintergrund treten lassen:

Also ech fannen hei si mer guer net vill um Handy. Och net um Computer. Also mir hu Computeren, mee […] mir spille vill Kaarten. Vill Spiller, Poker an esou. Mir schwätze vill mateneen. Den Austausch ass eis och wichteg. Mir kachen zesummen, mir machen zesummen Aktivitéiten, mir ginn zesumme schwammen, mir ginn zesumme shoppen. […] et ass einfach wéi eng zweet Famill, esou ze soen. Eng grouss.46 Tom, 15 Jahre

Diese Aussagen deuten darauf hin, dass Jugendliche Medien dann als entbehrlich erleben, wenn analoge Erfahrungen emotional und sozial befriedigend sind.

2. Pädagogische Rahmung der Medienzeit

Die Förderung von Eigenverantwortung im Umgang mit digitalen Medien gilt in der Jugendarbeit als grundlegendes Ziel (Scherr, 1997). Die vorliegende Studie verdeutlicht, dass hierbei nicht Kontrolle, sondern die Aushandlung geteilter Regeln im Gruppenprozess im Vordergrund steht. Dadurch entwickeln Jugendliche einen reflektierten Umgang mit digitalen Medien. Clara (19 Jahre) betont: „Mir wëllen hinne selwer d’Responsabilitéit ginn […]. Ech fannen dat bréngt näischt, dass een dat sou implementéiert an dass ee Kanner dozou zwéngt, den Handy fortzehuelen.“47 Amélie (20 Jahre) ergänzt: „Ech fille mech och besser, ze wëssen, dass si hei de ganzen Dag mat mir Kaarte gespillt hunn, geschwat hunn a sou wieder, wéi de ganzen Dag um Handy ze sinn.“48

Diese Beispiele illustrieren eine Art „informeller Medienordnung“ (Kutscher, 2021), bei der analoge Aktivitäten digitale Routinen ersetzen oder verschieben können. Ein weiteres Beispiel verdeutlicht, dass in diesem Sinne auch Anfragen jüngerer Jugendlicher nach Bildschirmzeit von jugendlichen Betreuern nicht autoritär abgewiesen, sondern pädagogisch gerahmt und sensibel kontextualisiert werden. Beatriz (20 Jahre) beschreibt: „Wenn die Jüngeren fragen: Kann ich etwas am Handy sein, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen?‘, dann haben wir gesagt: Okay, aber dann ist es besser, dass du jetzt schlafen gehst.‘“

3. Starke Beziehungen statt Likes

Als drittes Muster wird die Bedeutung vertrauensvoller analoger Beziehungen sichtbar, die digitale Formen der Selbstvergewisserung ergänzen oder ausgleichen können. Während Rückmeldungen im digitalen Raum oft flüchtig, standardisiert und algorithmisch geprägt sind (Kutscher, 2021), ermöglichen persönliche Beziehungen authentische Resonanzräume (Rosa, 2023). Hier können auch Ambivalenzen und Selbstzweifel thematisiert werden, die digitale Umgebungen eher ausblenden. Julien (21 Jahre) betont in diesem Sinne: „D’Gespréichsbereetschaft ass extrem gutt, mee dat läit och einfach un den Educateuren hei, well déi wierklech extrem oppe sinn an déi ganzen Zäite schwätzen.“49 Ebenso zeigen Aussagen wie die von Sophie (14 Jahre), dass offene, analoge Angebote Anerkennung und Zugehörigkeit unabhängig von digitalen Plattformen ermöglichen: „Ech fannen et ass einfach eng gutt Plaz esou, fir matt Kolleegen ze sinn. Et huet een awer ëmmer een, mat deem ee schwätze kann. Ech si frou mat hinnen. Et ass och villäicht gutt […] wann ee Leit kennt.“ 50

Solche Erfahrungen stärken den Selbstwert und die soziale Teilhabe junger Menschen jenseits digitaler Erfolgsindikatoren.


  • 45

    „Wenn wir Karten spielen, reden wir mehr miteinander, wir lachen, wir machen Dummheiten. Das ist mehr, als nur am Handy zu sein.“

  • 46

    „Also ich finde, hier sind wir eigentlich gar nicht viel am Handy. Auch nicht am Computer. Also, wir haben Computer, aber […] Wir spielen viel Karten. Viele Spiele, Poker und so. Wir reden viel miteinander. Der Austausch ist uns auch wichtig. Wir kochen zusammen, wir machen gemeinsame Aktivitäten, wir gehen zusammen schwimmen, wir gehen zusammen shoppen. […] Es ist einfach wie eine zweite Familie, sozusagen. Eine große.“

  • 47

    „Wir wollen ihnen selbst die Verantwortung geben […]. Ich finde, es bringt nichts, das so zu implementieren und die Kinder dazu zu zwingen, das Handy wegzunehmen.“

  • 48

    „Ich fühle mich auch besser, wenn ich weiß, dass sie hier den ganzen Tag mit mir Karten gespielt, geredet und so weiter haben, anstatt den ganzen Tag am Handy zu sein.“

  • 49

    „Die Gesprächsbereitschaft ist extrem gut, aber das liegt auch einfach an den Pädagogen hier, weil die wirklich sehr offen sind und die ganze Zeit mit uns reden.“

  • 50

    „Ich finde, es ist einfach ein guter Ort, um mit Freunden zusammen zu sein. Man hat aber auch immer jemanden, mit dem man reden kann. Ich bin froh mit ihnen. Es ist vielleicht auch gut […] wenn man Leute kennt.“