7.3.3 Umgang mit problematischer Mediennutzung

Die Jugendlichen berichten auch von riskanten Mediennutzungsmustern, die sie im Alltag von Jugendhäusern beobachten, etwa dem unüberlegten Teilen sensibler Inhalte, einem problematischen Sprachgebrauch oder einem sehr frühen und problematischen Konsum digitaler Inhalte. Amélie, die gerade eine Ausbildung zur Erzieherin macht, beschreibt aus ihrer Erfahrung im Jugendhaus, dass Kinder im Alter von elf oder zwölf Jahren bereits große Teile ihrer Freizeit mit digitalen Geräten verbringen, vor allem mit TikTok oder Gaming-Videos. Analoge Freizeitangebote verlieren ihrer Meinung nach gerade bei den Jüngeren an Attraktivität: „Si si wierklech um Computer, Ecran, Ecran, nëmmen Ecran […] déi méi Jonk hu méi Tendenz um Handy ze sinn wéi déi méi al“51 (Amélie, 20 Jahre).

In ihrer Wahrnehmung leidet die soziale Interaktion, da Mädchen und Jungen unterschiedliche Inhalte konsumieren und sich kaum austauschen. Gruppenaktivitäten wirken in dieser Altersgruppe oft nicht mehr ansprechend: „Mir hu probéiert Uno ze spillen, mee mir krute kee motiveiert.“52 Hinzu kommt eine auffällige Veränderung der Sprache, die sie auf den unreflektierten Konsum nicht altersgerechter Inhalte zurückführt: „De Vokabulär huet geännert […] et mengt een et wiere Papageien.“53 Sie beschreibt, wie sich bereits bei sehr jungen Kindern und Jugendlichen sexualisierte oder aggressive Ausdrucksweisen zeigen – beeinflusst durch Inhalte auf TikTok, Netflix oder YouTube. Auch riskante Praktiken wie das Teilen von Nacktbildern (Nudes) oder Cybermobbing werden thematisiert: „Kleng Kanner kommen, si hunn Nudes geschéckt. Et gëtt einfach ëmmer méi schlëmm. Mobbing gëtt dann och vill méi schlëmm well, si fannen dat cool“54 (Amélie, 20 Jahre).

Lucas, (21 Jahre), der ebenfalls ehrenamtlich in einem Jugendhaus arbeitet, bestätigt diese Beobachtungen. „Ja, ja. Es gibt sehr viele, die seltsam im Internet unterwegs sind.“ Auch er berichtet von einer Verrohung der Sprache: „Was da in den Kommentaren teilweise für Beleidigungen stehen“ und von Jugendlichen, die unkritisch mit persönlichen Daten umgehen, Kontakt zu Fremden suchen oder sich mit problematischen Inhalten auseinandersetzen, bis hin zur Nutzung des Darknets:

Wenn ich im Jugendhaus sehe, wie viele Leute davon betroffen sind, was für Sachen sie ins Internet stellen, Bilder, seltsame Texte, teilweise Nudes mit Leuten teilen, die sie gar nicht kennen, oder wie fern sie von dieser Realität sind. Sie schreiben mit Asiaten und sagen, das ist mein Freund, der wohnt in Nordkorea oder so. Lucas, 21 Jahre

Beide Befragte betonen mit Blick auf ihre Erfahrungen, dass gerade die jüngeren Jugendliche mehr Aufklärung benötigen, und die Risiken ihres Handelns oft erst durch eigene negative Erfahrungen wahrnehmen. Präventive Aufklärung stößt hier noch häufig an die Grenzen der Neugierde: „Manchmal müssen sie es eben selbst erfahren“ (Lucas, 21 Jahre).

Zugleich benennen die Befragten auch die aus ihrer Sicht begrenzten Einflussmöglichkeiten der Fachkräfte in der Jugendarbeit: „Mir kënnen net alles maachen. Mir sinn net d’Elteren“55 (Amélie, 20 Jahre). In dieser Wahrnehmung liegt die Hauptverantwortung für einen altersgerechten Medienumgang bei den Familien, während die Jugendarbeit eher als ergänzender Raum für Aufklärung, Sensibilisierung und begleitende Gespräche gesehen wird.


  • 51

    „Sie sind wirklich am Computer, Bildschirm, Bildschirm, nur Bildschirm […] die Jüngeren haben eher die Tendenz, am Handy zu sein, als die Älteren.“

  • 52

    „Wir haben versucht, Uno zu spielen, aber wir haben niemanden motiviert bekommen.“

  • 53

    „Der Wortschatz hat sich verändert […] man meint, es wären Papageien.“

  • 54

    „Kleine Kinder kommen, sie haben Nudes geschickt. Es wird einfach immer schlimmer. Mobbing wird dann auch viel schlimmer, weil sie das cool finden.“

  • 55

    „Wir können nicht alles machen. Wir sind nicht die Eltern.“