7.4.2 Aneignungspraxen im digitalen Raum: Wege, Modi und soziale Kontexte des Lernens

Die Ergebnisse der Étude qualitative sur la jeunesse verdeutlichen, dass selbstgesteuertes Lernen im digitalen Raum von einer Vielzahl unterschiedlicher Aneignungsweisen geprägt ist. Entgegen verbreiteter Annahmen, die jugendliche Mediennutzung häufig auf passiven Konsum oder oberflächliches Informationsinteresse reduzieren, zeigt sich im Datenmaterial ein differenziertes Bild aktiver, vielfältiger Lernpraktiken. Diese reichen von strategisch-zielgerichteten über explorativ-experimentelle bis hin zu reflexiven und kollaborativen Formen des Lernens. Häufig entstehen sie situativ und sind eng mit den alltagsweltlichen Erfahrungen und Kontexten der Jugendlichen verwoben.

So berichtet Gabriel (23 Jahre), wie er sich eigenständig spezifische Apps und digitale Werkzeuge erschlossen hat, um seine musikalischen Fähigkeiten zu vertiefen und weiterzuentwickeln. Beatriz (20 Jahre) beschreibt an mehreren Stellen im Interview, dass sie gezielt nach Tutorials und digitalen Anwendungen sucht, um sich im Bereich Videoproduktion und Fotografie fortzubilden, sowohl im Hinblick auf schulische Anforderungen als auch mit Blick auf ihre beruflichen Perspektiven. Solche Lernprozesse sind durch Eigenmotivation, Ausdauer und eine klare Zielorientierung gekennzeichnet.

Auch Alexander (28 Jahre) nutzt digitale Plattformen wie YouTube, um sich mit gesellschaftlich und technologisch relevanten Themen auseinanderzusetzen. Er beschreibt seine Nutzung explizit als strategisch, zielgerichtet und produktiv:

Produktiv wäre ja eigentlich, […] also educational Content zu konsumieren, ist produktiv. […] Weil es mich interessiert und weil es wichtig ist, weil das jeder machen sollte […] weil ich mich gerne damit auseinandersetze und da versuche, am Ball zu bleiben. Alexander, 28 Jahre

Für ihn umfasst produktives Lernen nicht nur den Erwerb von Wissen, sondern auch die bewusste Auseinandersetzung mit Zukunftsthemen wie der Entwicklung künstlicher Intelligenz, mit dem Ziel, Anschluss an technologische Transformationsprozesse zu halten und informiert zu bleiben.

Neben klar strukturierten Lernstrategien zeigen sich im Datenmaterial auch explorative Formen der Aneignung. Diese verlaufen weniger zielgerichtet, sind durch Offenheit geprägt und entfalten sich häufig im Zusammenspiel mit situativen Impulsen oder spontanen Interessen. Charakteristisch ist hierbei ein experimentierender Zugang zum Lernen, der auf praktische Erprobung, Eigeninitiative und unmittelbare Rückkopplung setzt. Liam (18 Jahre) beschreibt beispielsweise, wie er sich beim Zusammenbauen eines Computers autodidaktisch und durch Ausprobieren neues Wissen aneignet: „Ich hab mich dann ein bisschen hingesetzt, hab rumprogrammiert.“ Seine Aussage verdeutlicht einen experimentellen Lernstil, der Zeit erfordert und auf selbstorganisierter Problemlösung basiert. Auch Tom (15 Jahre) berichtet davon, mithilfe von YouTube-Tutorials sportliche Bewegungsabläufe einzuüben, ein Prozess, der kontinuierliches Wiederholen und schrittweises Verstehen voraussetzt, um Fortschritte zu erzielen.

Emma (22 Jahre) schildert ein weiteres Beispiel für situativ-exploratives Lernen: Durch das Erproben von Blockierfunktionen auf Social-Media-Plattformen hat sie erfahren, wie sich digitales Handeln auf soziale Beziehungen auswirken kann. „Ich habe einfach diese Funktion des Blockierens gesehen […] dann kann man die Konsequenzen ziehen.“ Ihre Aussage verweist auf ein reflexives Moment, das sich aus der praktischen Anwendung digitaler Tools ergibt.

Diese Beispiele zeigen, dass explorative Aneignungsformen besonders dann wirksam sind, wenn sie an konkrete Handlungsanlässe anknüpfen und Jugendlichen ermöglichen, durch eigenes Tun Einsichten und Kompetenzen zu entwickeln.

Neben gezielten oder erfahrungsbasierten Lernprozessen beschreiben einige Jugendliche auch spontane Aneignungsformen, die durch algorithmisch gesteuerte Inhalte oder impulsgeleitetes Surfen angestoßen werden. Isabelle (23 Jahre), Beatriz (20 Jahre) und Theo (12 Jahre) berichten etwa, dass sie sich gerne durch Inhalte auf Plattformen wie Instagram oder TikTok inspirieren lassen. Beatriz formuliert: „Du bekommst da sehr viel mit, was du überhaupt nicht weißt.“ Ihre Aussagen verdeutlichen, dass selbstgesteuertes Lernen nicht zwangsläufig intentional oder zielgerichtet erfolgen muss. Vielmehr können situative Reize, zufällige Impulse und neugesteuertes Stöbern bedeutsame Lernanlässe darstellen.

Zudem wird in den Interviews deutlich, dass Lernen im digitalen Raum häufig sozial eingebettet ist. So nutzt Carmen (24 Jahre) etwa die App Goodreads, um sich über ihre Lektüren mit Freunden auszutauschen: „You can see what your friends are reading now and you can comment […] sometimes someone would recommend me a book and I add it on my list to read.57

Auch Lucas berichtet von kreativen Formen gemeinschaftlicher Wissensaneignung: Gemeinsam mit einem Freund verfasst er Gedichte, recherchiert historische Themen zu Luxemburg auf YouTube und verarbeitet diese in kollaborativen digitalen Projekten weiter. Anastasia (29 Jahre) hebt hervor, wie zentral informelle Gespräche mit Freundinnen für ihren Lernprozess sind: „A lot of things you learn on an interpersonal level.“58

Diese Beispiele verdeutlichen, dass selbstgesteuertes Lernen im digitalen Raum kein einheitliches Phänomen ist. Vielmehr zeigt sich ein Spektrum unterschiedlicher Lernformen, von strategisch-planvollem bis hin zu explorativem oder impulsgeleitetem Lernen, von individuellen bis zu kooperativ-sozialen Praktiken. Diese Vielfalt verweist auf die Notwendigkeit, digitale Bildungsprozesse in ihrer Differenziertheit wahrzunehmen und nicht auf lineare Lernmodelle zu verkürzen.

Selbstgesteuertes Lernen als Ergänzung zur formalen Bildung

Die Interviewdaten verdeutlichen, dass die Grenzen zwischen formaler Bildung und individueller Wissensaneignung zunehmend durchlässig werden. Viele der befragten Jugendlichen berichten, dass sie digitale Ressourcen gezielt und bedarfsorientiert nutzen, um schulische oder universitäre Lernprozesse zu ergänzen, zu vertiefen oder zu kompensieren. Dabei steht nicht allein die Informationssuche im Vordergrund, sondern auch das Bedürfnis nach passgenauen, verständlich aufbereiteten und zeitlich flexibel abrufbaren Lerninhalten.

Clara (19 Jahre), Schülerin eines klassischen Lyzeums, nutzt beispielsweise die Arte-App oder spezifische Podcasts, um sich für den Unterricht über gesellschaftliche Themen zu informieren. Tom (15 Jahre) bereitet sich mit Online-Videos des Lehrers Schmidt59 gezielt auf Klassenarbeiten vor. Er hebt hervor, dass komplexe Sachverhalte dort verständlich und kompakt erklärt würden, und dass die Möglichkeit, Inhalte beliebig oft zu wiederholen, ihm helfe, in seinem eigenen Tempo zu lernen. Beide betonen den didaktischen Mehrwert digitaler Formate, insbesondere im Hinblick auf Wiederholbarkeit, Individualisierung und Selbststeuerung.

Auch Max (18 Jahre) nutzt digitale Medien gezielt zur inhaltlichen Vertiefung, insbesondere im Fach Geschichte. Dabei integriert er Lerninhalte in alltägliche Routinen: „Ich lade mir die Videos runter von YouTube […] die dauern so 20 Minuten, ungefähr die Zeit von zu Hause bis zur Schule. […] Die Geschichte interessiert mich sehr.“ Sein Beispiel zeigt, wie informelle Lernprozesse zeitlich flexibel und interessengeleitet in den Alltag integriert werden können, unabhängig von schulischen Anforderungen.

Ein weiteres Beispiel liefert Aarav (28 Jahre), der digitale Inhalte nutzt, um Defizite in der universitären Lehre auszugleichen. Insbesondere bei komplexeren oder fachlich spezialisierten Themen greift er auf YouTube-Kanäle zurück, die seiner Einschätzung nach praxisnäher und verständlicher aufbereitet sind: „Not everyone can teach and teach it in a way that is very interesting to the students. […] And so, I usually rely on these sort of YouTube people with the knowhow working in the industry.“60 Seine Aussagen verdeutlichen nicht nur eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Qualität institutioneller Lehre, sondern auch eine bewusste Strategie, digitale Bildungsangebote als komplementäre Ressource zu nutzen.

Diese Beispiele machen deutlich: Selbstgesteuertes Lernen im digitalen Raum stellt für viele Jugendliche nicht einen Ersatz, sondern eine sinnvolle Erweiterung formaler Bildungsprozesse dar. Digitale Formate werden dann besonders geschätzt, wenn sie individuelle und bedarfsbezogene Zugänge eröffnen, Verständlichkeit erhöhen und Flexibilität im eigenen Lernprozess ermöglichen.


  • 57

    „Du kannst sehen, was deine Freunde gerade lesen, und du kannst kommentieren […] manchmal empfiehlt mir jemand ein Buch, und ich setze es auf meine Leseliste.“

  • 58

    „Vieles lernt man auf zwischenmenschlicher Ebene.“

  • 59

    „Lehrer Schmidt“ ist ein populärer deutschsprachiger öffentlicher YouTube-Kanal, auf dem ein Lehrer und Schulleiter regelmäßig Lern- und Erklärvideos für Schüler zu Themen aus den Bereichen Physik, Deutsch, Allgemeinwissen, vor allem aber Mathematik, veröffentlicht.

  • 60

    „Nicht jeder kann unterrichten – und schon gar nicht so, dass es für die Schüler wirklich interessant ist. […] Und deshalb verlasse ich mich meistens auf diese YouTube-Leute, die das Know-how haben und in der Branche arbeiten.“