Allerdings legen die Daten auch nahe, dass nicht alle Jugendlichen gleichermaßen von den Möglichkeiten selbstgesteuerten Lernens im digitalen Raum profitieren. Während einige gezielt auf qualitativ hochwertige Inhalte zugreifen, deren Relevanz einschätzen und ihren Lernprozess bewusst strukturieren, berichten andere von Schwierigkeiten bei der Auswahl geeigneter Quellen, beim Umgang mit Ablenkungen oder einem fehlenden Überblick über verfügbare Angebote. Hier zeigen sich unterschiedliche Voraussetzungen und Kompetenzen, die den Zugang zu produktiven Lernprozessen im digitalen Raum maßgeblich beeinflussen. Mehrere Jugendliche weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass das eigeninitiierte und interessensgesteuerte Lernen nicht voraussetzungslos sei, weil es mit einem hohen zeitlichen Aufwand und mit Rückschlägen verbunden sein könne. Lucas (21 Jahre) beschreibt diesen Such- und Orientierungsprozess wie folgt: „Also, es ist ein Phänomen, das ich mir nicht erklären kann, aber sehr viele Dinge musst du einfach lange und intensiv immer weiter in eine gewisse Richtung googeln.“ Diese Aussage verweist auf die Herausforderung, relevante Inhalte im Überangebot digitaler Informationen zu identifizieren und systematisch zu nutzen, eine Fähigkeit, die nicht allen im gleichen Maße zur Verfügung steht.
Besonders deutlich treten Unterschiede in der Bewältigung digitaler Aneignungsprozesse dort zutage, wo individuelle Selbststeuerungskompetenzen, der Zugang zu technischer Infrastruktur oder unterstützende soziale Kontexte fehlen. In solchen Fällen kann selbstgesteuertes Lernen fragmentarisch bleiben oder verlagert sich in vorwiegend unterhaltungsorientierte Medienpraktiken. So etwa bei Kevin (25 Jahre), der aktuell ohne Beschäftigung ist. Er berichtet im Interview, dass er große Teile des Tages auf YouTube verbringe, primär mit dem Konsum von Vlogs einzelner Influencer oder ziellosen Livestreams. Auf Nachfrage gibt er an, dass diese Inhalte für ihn vor allem „interessant“ seien, ohne dass er daraus ein konkretes Erkenntnisinteresse oder einen persönlichen Entwicklungsertrag ableitet. Solche Aussagen verdeutlichen das Risiko, dass sich digitale Mediennutzung in dysfunktionalen Routinen verfestigen kann, insbesondere dann, wenn strukturierende Rahmenbedingungen fehlen und/oder keine klaren Zielsetzungen mit der Nutzung verbunden sind. Dabei spielt auch die Fähigkeit eine Rolle, mit Frustrationen, Unsicherheiten oder Orientierungslosigkeit im digitalen Raum konstruktiv umzugehen, eine Form von Resilienz, die sich als bedeutsam für die langfristige Selbstlernkompetenz erweist.
Dieses Beispiel macht deutlich, dass sich selbstgesteuertes Lernen im digitalen Raum unter ungleichen Voraussetzungen vollzieht. Die Potenziale digitaler Bildungszugänge sind demnach nicht für alle Jugendlichen gleichermaßen erschließbar.