Die aufgezeigten Befunde verweisen auf ein Spannungsfeld gegenwärtiger Bildungsprozesse im digitalen Zeitalter: Einerseits finden sich in den Interviews Jugendliche, die digitale Medien aktiv, reflektiert und strategisch nutzen, um sich Wissen anzueignen, biografische Ziele zu verfolgen und ihre Handlungsspielräume zu erweitern, auch jenseits klassischer schulischer Förderstrukturen. Andererseits wird sichtbar, dass diese Potenziale ungleich verteilt sind und maßgeblich von individuellen, sozialen und strukturellen Voraussetzungen abhängen.
Aus medienpädagogischer Perspektive lassen sich die beobachteten Selbstlernprozesse als Ausdruck partizipativer Handlungsmächtigkeit (Jenkins, 2006; Livingstone, 2004) verstehen. Jugendliche eignen sich digitale Tools nicht nur konsumierend, sondern produktiv an. Sie gestalten, recherchieren, experimentieren und integrieren digitale Lernprozesse in ihre Lebens- und Zukunftsentwürfe. Solche Formen aktiver Aneignung lassen sich anschließen an Jenkins’ Konzept der Participatory Culture, das von einer aktiven, kreativen und gemeinschaftlich getragenen Mediennutzung ausgeht. In diesem Sinne erscheinen digitale Lernräume als Möglichkeitsräume zur Selbstpositionierung und zur Entwicklung von Bildung als sozialer Praxis (Hugger, 2014; Kerres, 2024).
Gleichzeitig zeigen die Daten, dass nicht alle Jugendlichen gleichermaßen Zugang zu diesen Potenzialen haben. Damit berühren die Befunde zentrale Überlegungen der Digital-Divide-Forschung (van Dijk, 2020), die darauf hinweist, dass digitale Bildungsungleichheiten sich nicht nur auf den Zugang zu Technologien beziehen, sondern auch vor allem auf deren Nutzung, das verfügbare kulturelle Kapital und die Fähigkeit zur reflexiven Informationsverarbeitung. In den Interviews wird deutlich, dass dort, wo technische Ressourcen, medienbezogene Orientierungskompetenz oder Unterstützung fehlen, digitale Selbstlernprozesse brüchig bleiben oder in nicht zielführenden Nutzungsmustern münden können.
Besonders hervorzuheben sind jedoch jene Fälle, in denen Jugendliche, trotz begrenzter familiärer, schulischer oder finanzieller Ressourcen, ihre eigenen kreative Wege der Aneignung entwickeln und umsetzen. Diese Befunde lassen sich im Sinne einer bildungsbezogenen Resilienz (Hepp & Görland, 2024; Wunder, 2021) interpretieren: Sie zeigen, wie junge Menschen unter widrigen Bedingungen personale, digitale und soziale Ressourcen aktivieren, um individuelle Bildungsziele zu verfolgen. In Kombination mit digitalen Medien entsteht eine Form kompensatorischer Bildungsstrategie, die institutionelle Lücken auffängt oder umgeht.
Zugleich werfen die Befunde neue Fragen an die formale Bildungsinstitution auf. Mehrere Jugendliche berichten, dass sie digitale Lernangebote gezielt als Ergänzung oder Korrektiv zum Schul- oder Hochschulunterricht nutzen. Dies verweist auf strukturelle Spannungen im Bildungssystem, das vielfach mit der Diversität von Lernstilen, Motivlagen und Vorkenntnissen überfordert scheint. Digitale Lernräume können hier schon heute und zukünftig umso mehr als alternative „Bildungsarenen“ (Liebau & Zirfas, 2015) dienen, in denen personalisiertes Lernen, niedrigschwellige Zugänge und flexible Zeithorizonte realisiert werden können.