Vor dem Hintergrund zunehmend verschränkter digitaler und analoger Lebenswelten wird deutlich, dass dichotome und isolierte Betrachtungsweisen nicht weit genug reichen. So ist eine bloße Angabe der Bildschirmzeit wenig aussagekräftig, und Bildschirmzeit allein ist ein unzureichender Indikator für Belastung und exzessiven Medienkonsum. Stattdessen braucht es eine kontextsensitive und längsschnittliche Erfassung und Analyse der Nutzungsmotive, -inhalte und -situationen, um belastbare Aussagen über Muster und Tendenzen im Digitalverhalten junger Menschen treffen zu können und politische und pädagogische Maßnahmen differenziert ansetzen zu können.
Anpassung der Bildungsangebote. Die Vermittlung digitaler Kenntnisse und Kompetenzen ist eine wesentliche Voraussetzung, damit junge Menschen sich in hybriden Bildungsräumen sicher, reflektiert und selbstwirksam bewegen können. Es geht dabei nicht (mehr) primär um die Bereitstellung digitaler Endgeräte, sondern um die Entwicklung und Förderung von Fähigkeiten, diese digitalen Werkzeuge sinnvoll, kritisch und kreativ einzusetzen. Digitale Lernangebote werden unterschiedlich genutzt und bewertet: Digital affine Jugendliche empfinden interaktive und digital-didaktische Lernmethoden eher motivierend und fordern diese als zeitgemäße Bildungsansätze ein; andere fühlen sich ohne pädagogische Struktur überfordert. Es braucht daher mediendidaktisch fundierte und kontextsensible Konzepte, die individuelle Voraussetzungen berücksichtigen und sozialen Ungleichheiten entgegenwirken. Dabei sollte digitale Medienbildung nicht nur als Kompetenzbereich für Schülerinnen und Schüler verstanden werden, sondern auch Lehrkräfte systematisch einbeziehen.
Elternbildung im digitalen Zeitalter: Orientierung in komplexen Spannungsfeldern. Es ist zentral, Eltern und Familien Orientierung anzubieten und sie möglichst praxisnah zu informieren und zu begleiten. Elternbildung könnte gezielt gestärkt werden, etwa durch den Aufbau niedrigschwelliger, praxisnaher Weiterbildungsangebote zu digitalen Themen. Ein thematischer Schwerpunkt könnte darüber hinaus die Identifizierung und Auseinandersetzung mit multiplen Spannungsfeldern sein, die sich im Familienalltag ergeben. Eltern stehen häufig zwischen der Kontrolle der digitalen Aktivitäten ihrer Kinder und dem Vertrauen in deren Selbstständigkeit. Sie möchten ihre Kinder schützen, riskieren damit aber, deren Teilhabe an sozialen, bildungs- und Peergruppen-relevanten Online-Aktivitäten einzuschränken. Gleichzeitig müssen Familien zwischen neuen Formen individueller Mediennutzung und gemeinsamer Familienzeit navigieren. Familienmitglieder haben dabei unterschiedliche digitale Kompetenzen, die bei diesen Herausforderungen unterstützen können; insbesondere bei Eltern mit geringeren materiellen oder sozialen Ressourcen sind auch die digitalen Kompetenzen weniger ausgeprägt und können zu Unsicherheiten und Spannungen führen.
Zeit als Brennglas für digitale Chancen und Herausforderungen. Zeit ist ein Thema, an dem sich das Bewusstsein für veränderte Lebenswelten besonders exemplarisch festmachen lässt. Digitale Technologien eröffnen einen neuen Möglichkeitsraum mit vielfältigen und ständig verfüg- und abrufbaren Angeboten in Bereichen wie Kommunikation, Kreativität, Lernen und Teilhabe. Gleichzeitig nehmen junge Menschen bewusst wahr, dass beispielsweise beim Scrollen durch soziale Medien Zeit – und auch die Kontrolle darüber – verloren gehen können. Das vielfach vorhandene Problembewusstsein junger Menschen ist eine wichtige Ressource und kann gezielt gestärkt werden. Jugendliche, die bereits erfolgreiche Strategien im Umgang mit digitalen Herausforderungen entwickelt haben, können wertvolle Impulse geben – etwa als Rollenvorbilder in Kampagnen oder als Beteiligte bei der Entwicklung von Handreichungen und Programmen zum Umgang mit digitalen Medien. Auf diese Weise können andere Jugendliche im Sinne eines Peer-to-Peer-Learnings diese positiven Bewältigungsmodelle kennenlernen. Da die Thematik der Fear of Missing Out als nahezu kollektives Phänomen betrachtet werden kann und das digitale Medienhandeln vieler junger Menschen beeinflusst, müsste der Umgang mit dieser Herausforderung nicht nur auf der individuellen Ebene thematisiert werden, sondern auch auf kollektiver und gesellschaftlicher.