4.2.1 Gesellschaftsbezogene Ängste

Studien deuten darauf hin, dass junge Menschen sich im Vergleich zu älteren Menschen mehr Sorgen um persönliche Sicherheit machen, jedoch weniger Sorgen um gesellschaftliche Entwicklungen (Randle et al., 2017). Es besteht ein Zusammenhang zwischen Besorgnis und psychischer Gesundheit. Aktuelle Metastudien weisen darauf hin, dass dieser Zusammenhang in jungen Jahren stärker ist und erst mit zunehmendem Alter abnimmt (Randle et al., 2017; Vîslă et al., 2022). Dies zeigt, wie wichtig es ist, einen Blick auf die Sorgen und Ängste junger Menschen zu werfen und diese ernst zu nehmen.

Um die Sorgen und Ängste junger Erwachsener zu erfassen, wurden die 12- bis 29-Jährigen im Rahmen des YSL dazu befragt, welche von elf Bereichen2 ihnen Angst machen. Dabei konnten durch die Möglichkeit unbegrenzter Mehrfachantworten alle zutreffenden Ängste angegeben werden (Residori et al., 2025).

Die Antworten zeigen: Die Sorgen und Ängste junger Menschen im Alter von 12 bis 29 Jahren spiegeln im Jahr 2024 aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen in Luxemburg und Europa wider. Dabei nimmt die Angst vor einem Krieg in Europa mit deutlichem Abstand die Spitzenposition ein: Rund vier von fünf jungen Menschen (79 %) geben an, dass ihnen dies Sorgen bereitet (vgl. Abbildung 4.1).

Knapp dahinter folgen Sorgen um eine schwere Erkrankung, die zunehmende Umweltverschmutzung, eine schlechte wirtschaftliche Lage, der Klimawandel sowie Terroranschläge. Für jeden dieser Bereiche äußern etwa drei Viertel der jungen Erwachsenen Ängste.

Etwas weniger ausgeprägt, jedoch immer noch von erheblicher Bedeutung, sind Ängste vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, Gewalt, Diebstahl und Ausländerfeindlichkeit, wobei jeweils etwas mehr als die Hälfte der jungen Menschen diese Befürchtungen teilt. Am Ende der Rangfolge steht mit deutlichem Abstand die Angst vor Zuwanderung: Lediglich etwa jeder dritte Jugendliche empfindet diese Sorge als relevant.

Die vorliegenden Ergebnisse verdeutlichen somit, dass die gegenwärtigen geopolitischen Ereignisse und ihre wirtschaftlichen und sozialen Folgen die Ängste junger Menschen in Luxemburg maßgeblich prägen.

Betrachtet man die Entwicklung der Sorgen junger Menschen zwischen 2019 und 2024, fällt zunächst auf, dass sich die 16- bis 29-Jährigen im Jahr 2024 insgesamt häufiger besorgt zeigen als noch 2019 (vgl. Abbildung 4.2). Dabei hat sich insbesondere der Anteil derjenigen jungen Erwachsenen erhöht, die Angst vor einem Krieg in Europa, Diebstahl, Gewalt, einer schlechten Wirtschaftslage sowie vor Zuwanderung haben. Am stärksten ist der Anteil junger Erwachsenen gestiegen, die Angst vor einem Krieg in Europa (von 65,3 % auf 80,6 %) und vor Diebstahl (von 40,2 % auf 55,4 %) haben. Für weitere zwei Bereiche (Umweltverschmutzung, Klimawandel) ist der Anteil während des untersuchten Zeitraums gefallen: Sowohl der Anteil der jungen Erwachsenen, die angeben, dass ihnen Umweltverschmutzung Angst macht (von 87,5 % auf 77,3 %), als auch der Anteil der jungen Erwachsenen, die der Klimawandel beunruhigt (von 83,1 % auf 74,5 %), ist gesunken.

Es scheint daher, dass im Vergleich zu 2019 die Ängste um Krieg in Europa, vor einer schlechten wirtschaftlichen Lage sowie Sorgen um die persönliche Sicherheit zugenommen haben. Dies könnte auf aktuelle geopolitische Entwicklungen, insbesondere den Krieg in der Ukraine und den Nahostkonflikt, sowie die daraus resultierende Energiekrise mit ihren wirtschaftlichen Konsequenzen zurückzuführen sein. Diese neuen Schwerpunkte haben sich mittlerweile neben der nach wie vor bestehenden Sorge um Klima und Umwelt zu dominierenden Themen entwickelt.

Im unteren Bereich der Rangordnung sind hingegen seit 2019 keine Veränderungen zu verzeichnen. So blieben Ängste in Bezug auf Zuwanderung, Ausländerfeindlichkeit, Diebstähle sowie den Verlust des Arbeitsplatzes über den betrachteten Zeitraum konstant auf den hinteren Rängen, obwohl Anstiege beobachtet werden.3

Für die internationale Einordnung dieser Ergebnisse wird auf die in Abbildung 4.3 illustrierten Ergebnisse der Shell-Studie zurückgegriffen. Diese Jugendstudie stellt in Deutschland den 12- bis 25-Jährigen dieselbe Frage zu ihren Ängsten wie der Youth Survey Luxemburg (Albert et al., 2024). Obwohl die Resultate aufgrund des unterschiedlichen Alters der Befragten nicht direkt vergleichbar sind, lassen sich allgemeine Entwicklungen gegenüberstellen, um den Einfluss des nationalen Kontexts sichtbar zu machen. Auch in Deutschland sind die Ängste vor einem Krieg in Europa und in Bezug auf die wirtschaftliche Lage zwischen 2019 und 2024 gestiegen. Gleichzeitig ist die Sorge um Umweltverschmutzung zurückgegangen. Die Ängste vor Diebstahl und Gewalt haben in Deutschland im Gegensatz zu Luxemburg keinen Anstieg verzeichnet. Bemerkenswert ist, dass die Angst vor Ausländerfeindlichkeit in Luxemburg deutlich geringer ausgeprägt ist als in Deutschland, während die Zuwanderung als Angstthema in beiden Ländern an letzter Stelle steht.

Der EU-Eurobarometer Youth Survey 2024 hat junge Menschen gefragt, welche drei Prioritäten sie für die EU in den nächsten fünf Jahren sehen (Ipsos European Public Affairs, 2025). Im Vergleich der Ergebnisse für Luxemburg zu dem EU-Durchschnitt in Abbildung 4.4 zeigt sich insbesondere, dass mehr junge Menschen in Luxemburg Wohnungsbau (LU 31 %, EU 23 %) als erwünschte politische (Handlungs-)Priorität nennen. Es lässt sich ebenfalls feststellen, dass junge Menschen in Luxemburg wirtschaftliche Aspekte wie steigende Preise oder die wirtschaftliche Lage weniger häufig nennen als der EU-Durchschnitt.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass junge Menschen aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen wahrnehmen und ernst nehmen.


  • 2

    Die elf Bereiche, die abgefragt wurden, waren: Umweltverschmutzung; Kriegsausbruch in Europa; dass jemand sie bedroht oder schlägt; ein Terroranschlag; Verlust des Arbeitsplatzes; Ausländerfeindlichkeit; eine schwere Krankheit erleiden; dass ihnen etwas gestohlen wird; eine schlechte Wirtschaftslage; die Zuwanderung und der Klimawandel (Albert et al., 2011; Residori et al., 2025).

  • 3

    Die Veränderungen zwischen 2019 und 2024 finden dabei nicht gleichmäßig über die gesamte Zeit statt. Während sich zwischen 2021 und 2024 das Ranking der Ängste deutlich verändert hat, hatte die COVID-19-Pandemie kaum Einfluss auf das Ranking der Bereiche, die Jugendlichen Angst machen. In den Jahren 2019, 2020 sowie 2021 lagen schwere Krankheiten, Klimawandel und Umweltverschmutzung an der Spitze der Ängste (Heinen et al., 2022). Insgesamt war zwischen 2019 und 2021 ein Rückgang der Anteile der Jugendlichen, die angaben, dass die verschiedenen Bereiche (8 von 11 Bereichen) ihnen Angst machen, zu verzeichnen. Zwischen dem Jahr 2021 und 2024 gab es jedoch einen so starken Anstieg, dass der Anteil der jungen Erwachsenen, die sich Sorgen machen, jetzt deutlich höher liegt als vor diesem Rückgang.