Die Entwicklung von Jugendlichen wird stark von ihrem sozialen Umfeld beeinflusst. Unterstützung durch Familie und Freunde ist entscheidend für die Entwicklung sozialer Kompetenzen und die Identitätsbildung. Des Weiteren kann das soziale Umfeld in Bezug auf Wohlbefinden und Gesundheit für Jugendliche erhebliche Ressourcen oder auch Belastungen darstellen (Hartas, 2021; Heinen et al., 2022; Heinen, Schulze et al., 2021; McPherson et al., 2014). Die Unterstützung durch das soziale Umfeld kann insbesondere für junge Menschen aus Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Status eine Ressource darstellen, die sie vor den Folgen dieser Benachteiligung schützt (Gorman & Sivaganesan, 2007; Malecki & Demaray, 2006).
Mit zunehmendem Alter verändert sich die soziale Ausrichtung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen: Sie streben nach mehr Unabhängigkeit von ihrer Herkunftsfamilie, die Kontakte zu Freunden werden wichtiger, sie beginnen romantische Beziehungen und einige von ihnen gründen eigene Familien. Gleichzeitig verändert sich ihr soziales Umfeld stark (erste Ausbildung oder Arbeitsstelle, Studium, neue Freunde etc.) (Quenzel & Hurrelmann, 2022).
Zwischen 2019 und 2024 hat zusätzlich die COVID-19-Pandemie das soziale Umfeld von Jugendlichen erheblich beeinflusst, da soziale Distanzierungsmaßnahmen und Schulschließungen die Interaktion mit Gleichaltrigen einschränkten und die mit der Familie förderten. Die langfristige Entwicklung nach der COVID-19-Pandemie wird durch den Vergleich der Ergebnisse für 2019 und 2024 in den Blick genommen.
Anhand der Perceived Social Support Scale (MSPSS) wird im Folgenden untersucht, in welchem Maße sich die jungen Menschen in Luxemburg durch ihre Familie und ihre Freunde unterstützt fühlen, resp. welcher Anteil junger Menschen in Luxemburg nur eine geringe Unterstützung durch ihr soziales Umfeld wahrnimmt (Zimet et al., 1988).
Unterstützung durch Familie
Die Unterstützung durch die Familie stellt über die gesamte Jugendphase hinweg einen entscheidenden Einflussfaktor dar, wobei sich die soziale Ausrichtung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterscheidet: Während Kinder auf ihre Herkunftsfamilie ausgerichtet sind, streben Jugendliche und junge Erwachsene zunehmend nach Unabhängigkeit und einige junge Erwachsene gründen bereits eigene Familien.
Insgesamt geben etwa drei Viertel der jungen Menschen an, eine hohe familiäre Unterstützung zu erfahren (vgl. Abbildung 4.12). Demgegenüber stehen weniger als 10 % der jungen Menschen, die von einer niedrigen familiären Unterstützung berichten. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede hinsichtlich des Geschlechts, des Alters und des sozioökonomischen Status (SES): So nehmen mehr weibliche Befragte eine geringe familiäre Unterstützung wahr als männliche Befragte. Auch zwischen den Altersgruppen bestehen erkennbare Unterschiede: Während rund 82 % der 12- bis 15-Jährigen eine hohe familiäre Unterstützung erleben, sinkt dieser Anteil bei jungen Erwachsenen auf 71 %, respektive 72 %. Darüber hinaus zeigen sich klare sozioökonomische Unterschiede: Junge Menschen mit einem niedrigen sozioökonomischen Hintergrund empfinden im Durchschnitt die Unterstützung durch ihre Familie seltener als hoch als junge Menschen mit mittlerem und hohem sozioökonomischem Hintergrund.
Betrachtet man die Entwicklung der familiären Unterstützung zwischen den Jahren 2019 und 2024, so zeigt sich bei den 16- bis 29-Jährigen insgesamt ein Rückgang. Der Anteil der jungen Erwachsenen, die eine geringe Unterstützung durch die Familie wahrnehmen, ist in diesem Zeitraum von rund 7 % auf 10 % gestiegen. Gleichzeitig sank der Anteil derjenigen, die eine hohe familiäre Unterstützung erleben, von rund 75 % auf 72 %. Wie Abbildung 4.13 verdeutlicht, betrifft dieser Rückgang nur die weiblichen Befragten. Bei männlichen Befragten blieb der Anteil der wahrgenommenen familiären Unterstützung über diesen Zeitraum nahezu unverändert.
Die HBSC-Studie (Health Behaviour in School-aged Children) in Luxemburg aus dem Jahr 2022 beobachtet bei 61,4 % der 11- bis 18-Jährigen in Luxemburg eine hohe wahrgenommene familiäre Unterstützung. Auch hier weisen Jungen und die untersuchten jüngeren Altersgruppen höhere Werte bei der wahrgenommenen familiären Unterstützung auf. Zudem bestätigt die HBSC-Studie eine Verringerung der wahrgenommenen Unterstützung zwischen den Jahren 2018 und 2022 (Lopes Ferreira et al., 2024).
Wie die Abbildung 4.14 verdeutlicht, schneidet Luxemburg im internationalen Vergleich der Daten zu den 15-Jährigen aus der HBSC-Studie 2022 eher unterdurchschnittlich ab. Besonders auffällig ist die große Differenz zwischen den Geschlechtern: Nur 46 % der Mädchen in Luxemburg berichten von einer hohen familiären Unterstützung, im Vergleich zu 63 % der Jungen. Diese Geschlechterdifferenz ist eine der größten unter den verglichenen Ländern. Während die Jungen in Luxemburg mit 63 % nahe am internationalen Durchschnitt für Jungen liegen, fühlen sich die Mädchen deutlich weniger unterstützt als in den meisten anderen Ländern (Badura et al., 2024). Die ausgeprägte Geschlechterdifferenz deutet darauf hin, dass es in Luxemburg möglicherweise spezifische Gründe oder Faktoren gibt, die das Unterstützungserleben der Mädchen beeinflussen.
Unterstützung durch Freunde
Insbesondere während der Pubertät sind Freunde für Jugendliche ausschlaggebende Bezugspersonen. Sie streben nach mehr Unabhängigkeit von ihrer Herkunftsfamilie und der Freundeskreis nimmt an Wichtigkeit zu (Bronfenbrenner, 1995; Quenzel & Hurrelmann K., 2022). Innerhalb der Gleichaltrigengruppe findet Sozialisation und „soziales Lernen“ durch die Peers statt (Bandura, 1993). Zusätzlich beeinflusst die Unterstützung durch Freunde das Wohlbefinden und die mentale Gesundheit junger Menschen (Heinen, Schulze et al., 2021). Daher kann eine hohe Unterstützung durch Freunde eine Ressource für junge Menschen darstellen, während fehlende Unterstützung oder gar Mobbingerfahrungen (siehe Kapitel 5) eine Belastung bedeuten kann.
Der Gesamtanteil der jungen Menschen, die eine hohe Unterstützung durch Freunde wahrnehmen, liegt über drei Viertel und ist damit etwas höher als der Anteil der jungen Menschen, die sich in einem hohen Maß durch ihre Familie unterstützt fühlen (vgl. Abbildung 4.15). Dies trifft jedoch nicht auf die 12- bis 15-Jährigen zu. In dieser Altersgruppe liegt der Wert für die Unterstützung durch Freunde unter dem Wert für familiäre Unterstützung.
Während sich nach Alter und Geschlecht keine relevanten Unterschiede bzgl. der Unterstützung durch Freunde feststellen lassen, wurden jedoch Unterschiede nach SES festgestellt. Junge Menschen mit einem niedrigen sozioökonomischen Hintergrund empfinden im Durchschnitt (rund 70 %) deutlich weniger Unterstützung durch die Freunde als Jugendliche mit mittlerem und hohem sozioökonomischen Hintergrund (79 % und 84 %).
Im Vergleich zu 2019 ist die durchschnittlich wahrgenommene Unterstützung durch Freunde für die 16- bis 29-Jährigen im Jahr 2024 leicht gesunken. Der Anteil der jungen Erwachsenen, die eine hohe Unterstützung durch Freunde wahrnehmen, hat sich von rund 82 % auf 79 % verringert. Diese Abnahme ist am deutlichsten für die 16- bis 20-Jährigen (siehe Tabellenband). Auch in der HBSC-Studie Luxemburg aus dem Jahr 2022 wurde eine Verringerung der wahrgenommenen Unterstützung zwischen den Jahren 2018 und 2022 beobachtet (Lopes Ferreira et al., 2024).
In der HBSC-Studie Luxemburg aus dem Jahr 2022 geben 61,4 % der 11- bis 18-Jährigen an, sich von ihren Freunden sehr unterstützt zu fühlen. Dabei fühlen sich Mädchen eher unterstützt als Jungen (vgl. Abbildung 4.16). Die Ergebnisse der HBSC-Studie zeigen auch, dass Jugendliche mit hohem SES sich häufiger sehr von ihren Freunden unterstützt fühlen (Lopes Ferreira et al., 2024).
Die Ergebnisse der internationalen HBSC-Studie aus dem Jahr 2022 zeigen, dass sich in den teilnehmenden Ländern im Durchschnitt 57 % der 15-Jährigen stark von Freunden unterstützt fühlen. Dabei geben Mädchen dies häufiger an (59 %) als Jungen (54 %). Luxemburg liegt nahe am europäischen Durchschnitt und weist eine vergleichsweise geringe Geschlechterdifferenz auf (60 % für Mädchen und 57 % für Jungen) (Badura et al., 2024).