Um die Ansichten, Einschätzungen und Verhaltensweisen junger Menschen in den Bereichen Politik und Gesellschaft, soziales Umfeld und Freizeit sowie Wohlbefinden und Gesundheit differenziert zu beschreiben, stützen sich die Analysen in Kapitel 4 auf die Querschnittserhebungen des Youth Survey Luxembourg (YSL) in den Jahren 2024 (Residori et al., 2025) und 2019 (Sozio et al., 2020). Der YSL lädt bei jeder Erhebungswelle eine repräsentative Stichprobe junger Gebietsansässiger in Luxemburg dazu ein, Fragen zu ihrer Lebensrealität zu beantworten. Seit 2020 werden im YSL 12- bis 29-jährige Gebietsansässige befragt, wogegen bei der ersten Erhebungswelle 2019 16- bis 29-jährige Gebietsansässige befragt wurden.
Sowohl 2019 als auch 2024 wurde die Stichprobe durch eine Zufallsauswahl aus dem Registre National des Personnes Physiques (RNPP) generiert. Zur Sicherstellung der Repräsentativität wurden die Teilnehmenden nach Alter, Geschlecht und Kanton geschichtet ausgewählt. Die Erhebung erfolgte nach postalischer Einladung anonymisiert mittels eines Online-Fragebogens, der auf etablierten internationalen Indikatoren beruht und an die luxemburgischen Rahmenbedingungen angepasst wurde. Insgesamt konnten dabei für das Jahr 2019 die Antworten von 3001 16- bis 29-Jährigen und für das Jahr 2024 die Antworten von 4779 12- bis 29-Jährigen ausgewertet werden.
Der YSL behandelt neben wechselnden aktuellen Themen (Gesundheit und Wohlbefinden im Jahr 2019, COVID-19 im Jahr 2020, multiple Krisen im Jahr 2021 und Digitalität im Jahr 2024) auch repetitiv zentrale Themenfelder wie soziale Herkunft und soziales Umfeld, Arbeitswelt und Bildung, Gesundheit und Wohlbefinden, Risikoverhalten sowie Gesellschaft und Politik. Die Analysen in Kapitel 4 greifen auf die Antworten der Teilnehmenden zu einer Auswahl dieser zentralen Themenfelder des YSL zurück. Im folgenden Kapitel werden die Ansichten, Einschätzungen und Verhaltensweisen der 12- bis 29-Jährigen im Jahr 2024 in diesen Themenfeldern beschrieben und die Antworten der 16- bis 29-Jährigen aus den Jahren 2019 und 2024 verglichen. Über die Beschreibung der aktuellen Situation der Jugend in Luxemburg hinaus können somit erste Eindrücke von der Entwicklung13 dieser Situation gewonnen werden.
Besonderes Augenmerk wird dabei auf soziale Ungleichheiten entlang von Alter, Geschlecht, sozioökonomischem Status (SES) und Migrationshintergrund gelegt:
Für die Ermittlung des SES wurde auf die Eigeneinschätzung des SES zurückgegriffen. Die Befragten wurden gebeten, zu bewerten, wie wohlhabend ihre Familie ist (Inchley et al., 2020). Die Befragten, die ihre Familie als (gar) nicht wohlhabend beschrieben, fallen in die Gruppe „niedriger SES”. Befragte, die ihre Familie als (durchschnittlich) wohlhabend bezeichneten, wurden der Gruppe „mittlerer SES“ zugeteilt. Befragte, die ihre Familie als sehr wohlhabend beschrieben, wurden dagegen der Gruppe mit „hohem SES“ zugeordnet. Diese Vorgehensweise wurde einerseits gewählt, weil sie es ermöglicht, trotz der sehr unterschiedlichen Aspekte der Lebenssituationen, die den sozioökonomischen Status junger Menschen zwischen dem Alter von 12 und 29 Jahren prägen, einen vergleichbaren Einblick in ihre sozioökonomische Situation zu erlangen. Andererseits erlaubt diese Einteilung, außer den objektiven Ressourcen junger Menschen in bestimmten Bereichen (z. B. Einkommen) zusätzliche Aspekte einzubeziehen (z. B. Besitztümer, finanzielle Unterstützung über die Kernfamilie hinaus, zukünftige Erbschaften) und diese in Relation zu setzen mit dem für die Befragten jeweils relevanten Kontext. Somit ermöglicht sie einen holistischen Blick auf den erlebten SES junger Menschen.
Der Migrationshintergrund wird entsprechend den luxemburgischen Standards differenziert: Jugendliche der ersten Generation sind selbst im Ausland geboren, Jugendliche der zweiten Generation haben Eltern, die im Ausland geboren wurden. Aufgrund der theoretischen und empirischen Komplexität des Migrationsbegriffs (siehe Kapitel 3.3) wird dieser bei den nachfolgenden bivariaten Darstellungen (z. B. Tabellen und Abbildungen) nicht ausgewiesen. Während für Geschlechts-, Alters- und SES-Unterschiede die statistische Signifikanz in bivariaten Modellen geprüft wurden, wird aufgrund der ausgeprägten Überlappung von Migrations- und SES-Hintergrund der Migrationshintergrund separat in multivariaten Regressionsmodellen berücksichtigt. Hier wird der SES zur Ermittlung etwaiger Unterschiede nach Migrationshintergrund als Kontrollvariable berücksichtigt, um verzerrende Effekte auszuschließen. Alle im Text beschriebenen signifikanten Unterschiede nach Migrationshintergrund basieren auf diesen Modellen.
In den bildlichen Darstellungen werden bivariate Ergebnisse nach Alter, Geschlecht und sozioökonomischem Status unabhängig von der statistischen Signifikanz und Relevanz dargestellt. Die Ergebnisse, die in diesem Kapitel zusätzlich textuell beschrieben und kommentiert werden, wurden anhand von drei Kriterien ausgewählt:
- Einerseits werden nur Unterschiede beschrieben und kommentiert, die statistisch signifikant sind. Das Signifikanzniveau wurde auf 0,5 % (p < .005) festgelegt, basierend auf einem Chi-Quadrat-Test. Dieser geht von der Annahme aus, dass über diesem Wert kein statistisch nachweisbarer Zusammenhang zwischen den beobachteten Merkmalen vorliegt.14 Die Unterschiede, die somit beschrieben und kommentiert werden, sind mit 99,5 % Wahrscheinlichkeit nicht zufällig zustande gekommen, ein Zusammenhang kann somit angenommen werden.
- Zweitens werden nur Unterschiede beschrieben und kommentiert, die ein klares und konsistentes Muster erkennen lassen (z. B.: eine lineare Zunahme, ein Schwellwert-Muster mit einer Abnahme ab einem bestimmten Wert oder ein Sättigungseffekt, mit dem Ausbleiben eines weiteren Zuwachses ab einem bestimmten Wert).
- Drittens werden ausschließlich Unterschiede beschrieben, die theoretisch fundiert und für die Forschungsfrage relevant sind. Beispielsweise werden Unterschiede nach SES nur dann berücksichtigt, wenn sie mit etablierten Konzepten wie beispielsweise dem sozialen Gradienten der Gesundheit erklärbar sind.
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Dabei ist zu beachten, dass es sich hierbei um einen Vergleich der Ergebnisse aus den Jahren 2019 und 2024 handelt, da für eine statistische Trendanalyse mindestens drei Erhebungszeitpunkte erforderlich wären.
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Wobei anzumerken ist, dass diese Tests nicht darauf ausgerichtet sind, einen Zusammenhang zwischen den beobachteten Merkmalen auszuschließen, sondern lediglich darauf abzielen, die Wahrscheinlichkeit zu testen, mit der beobachtete Zusammenhänge zufällig sind.