5.1 Einleitung

Mit diesem Kapitel beginnt der zweite Teil des Jugendberichts, welcher sich speziell dem Themenbereich Digitalisierung widmet. Während dieses Kapitel eine umfassende quantitative Analyse zu verschiedenen Digitalisierungsthemen zum Ziel hat, beschäftigen sich Kapitel 6, 7, 8 und 9 anschließend mit spezifischen Aspekten der Digitalisierung und präsentieren hierzu ihre Ergebnisse aus verschiedenen eigens durchgeführten qualitativen Studien und Untersuchungen.

Die Analysen dieses Kapitels stützen sich auf den Youth Survey Luxembourg (YSL) 2024, einer repräsentativen Online-Befragung von 4779 Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 12 bis 29 Jahren (Residori et al., 2025). Den Schwerpunkt der Untersuchung bilden die digitalen Module. Soziale Unterschiede werden in der Untersuchung systematisch dargestellt und erst bei statistischer Signifikanz (p < .005) erörtert.

Angesichts der zunehmenden Verbreitung und Bedeutung digitaler Medien stellt sich zunächst die grundsätzliche Frage: Setzen sich soziale Ungleichheiten der analogen Welt, etwa in Bezug auf Geschlecht, Alter, subjektiv wahrgenommenen sozioökonomischen Status oder Migrationshintergrund, im digitalen Raum fort, oder können digitale Technologien hier kompensatorisch wirken und bestehende Disparitäten abmildern? Vor diesem Hintergrund beleuchtet das vorliegende Kapitel das Verhältnis der luxemburgischen Jugend zur digitalen Welt. Den theoretischen Rahmen liefert das Konzept der Digital Divide: Es unterscheidet zwischen Unterschieden im physischen Zugang zu Geräten und Netzen (First-Level Divide), Unterschieden in der Art und Tiefe der Nutzung sowie in den digitalen Kompetenzen (Second-Level Divide) und Ungleichheiten in den daraus resultierenden Nutzungs- und Teilhabechancen (Third-Level Divide). Die Forschung zeigt, dass sich soziale Ungleichheiten entlang dieser drei Ebenen nicht notwendigerweise abschwächen, sondern teilweise sogar verstärken können (Hargittai & Hinnant, 2008; van Dijk, 2005). Ausgehend von dieser Perspektive wird im Folgenden untersucht, inwieweit soziale Unterschiede bei jungen Menschen in Luxemburg (Geschlecht, Alter, subjektiver sozioökonomischer Status) zu digitaler Ungleichheit führen und wie sich diese auf den Zugang zu, die Nutzung von und die Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien auswirken.

Einen ersten Schwerpunkt bildet der Zugang der jungen Menschen zu digitalen Geräten, welcher als Voraussetzung für die Teilhabe an der digitalen Welt gilt. Die Art des Zugangs kann erhebliche Auswirkungen auf Bildung, Beschäftigung, soziale Kontakte und die allgemeine Lebensqualität haben. In der Literatur werden die Unterschiede im Zugang zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen gemeinhin als erste Digital Divide bezeichnet (Shank & Cotten, 2014; van Dijk, 2020).

Neben dem Zugang zu digitalen Geräten werden im vorliegenden Kapitel die digitalen Kompetenzen der jungen Menschen untersucht, indem ihre Kompetenzen und ihre Vertrautheit mit der digitalen Welt herausgearbeitet werden.

Digitale Kompetenzen umfassen ein breites Spektrum von Fähigkeiten, die es dem Einzelnen ermöglichen, digitale Geräte, Werkzeuge und Plattformen effektiv zu nutzen, um in verschiedenen Kontexten zu navigieren, zu gestalten und zu kommunizieren (van Dijk, 2020). Diese digitalen Kompetenzen sind für die Teilhabe an der modernen Wirtschaft und Gesellschaft unerlässlich und ermöglichen es den jungen Menschen, sich in einer zunehmend vernetzten und technologieorientierten Welt zurechtzufinden und weiterzuentwickeln. Der Unterschied zwischen den jungen Menschen bezüglich der digitalen Kompetenzen wird als die zweite Ebene der Digital Divide bezeichnet (van Dijk, 2020). Im Anschluss an die Kompetenzen werden die Nutzungsmuster der in Luxemburg lebenden jungen Menschen beschrieben, wobei die Einstellung der jungen Menschen zu verschiedenen digitalen Medien, deren Nutzung und die konsumierten Inhalte untersucht werden.

Abschließend werden die Erfahrungen der jungen Menschen in Luxemburg hinsichtlich ihrer Beschäftigung mit digitalen Medien beleuchtet. Der Fokus liegt dabei sowohl auf den Chancen, die sich durch digitale Medien eröffnen, als auch auf den potenziellen Risiken und Auswirkungen für die Nutzenden. In Bezug auf die Chancen wird untersucht, inwiefern die jungen Menschen digitale Medien zur Aneignung neuer Kompetenzen einsetzen, sei es im Bereich der Bildung, der Arbeit oder der Kunst. Darüber hinaus wird untersucht, inwiefern digitale Medien genutzt werden, um mit Freunden und Bekannten über kurze und lange Distanzen hinweg Kontakte zu knüpfen, und wie sie verwendet werden, um über aktuelle Ereignisse und Trends informiert zu bleiben. In diesem Zusammenhang liegt ein besonderer Fokus auf Gaming und sozialen Medien, die für jungen Menschen vielfältige positive Möglichkeiten bieten, beispielsweise zur sozialen Vernetzung, Unterhaltung und Kompetenzentwicklung. Zugleich wird analysiert, unter welchen Umständen negative Auswirkungen auftreten können, etwa durch exzessive Nutzungsmuster oder Verlust der Selbstkontrolle. Auch Formen des Cybermobbings, die ebenfalls zu den potenziell belastenden Erfahrungen im digitalen Raum zählen, werden in den Blick genommen. Neben den Risiken, die mit freiwilligem Verhalten verbunden sind, wird in diesem Kapitel auch die Häufigkeit und Art der Konfrontation mit unerwünschten sexuellen Inhalten oder expliziten Aufforderungen untersucht, mit denen jungen Menschen auf Plattformen für soziale Medien, in Chats oder Online-Spielen konfrontiert sein können.