5.3.2 Soziale Unterschiede in der Ausprägung digitaler Kompetenzen

Die folgende Abbildung 5.3 zeigt die Verteilung der digitalen Kompetenzen unter den jungen Menschen in Luxemburg. Bei der Befragung wurden die jungen Menschen gebeten, auf einer Skala von 0 (keine Kompetenzen) bis 5 (sehr gute Kompetenzen) anzugeben, wie gut ihre digitalen Kompetenzen in verschiedenen Kategorien ausgeprägt sind. Der Mittelwert von 3,6 (SD = 1,2) zeigt, dass die Jugendlichen ihre Informations- und Navigationskompetenzen als mittelmäßig einschätzen und daher das Gefühl haben, Informationen im Internet einigermaßen gut finden und bewerten zu können. Der Mittelwert für die Erstellung von digitalen Inhalten wie Texten oder Videos liegt mit 3,3 (SD = 1,4) etwas niedriger. Am niedrigsten ist der Mittelwert 3,0 (SD = 1,2), der die technischen und operativen Kompetenzen betrifft, d. h. die Kompetenz, grundlegende digitale Geräte und Anwendungen effizient zu nutzen.

Männliche Jugendliche schätzen ihre technischen und operativen Kompetenzen sowie ihre Informations- und Navigationskompetenzen statistisch signifikant höher ein als weibliche Jugendliche. In der Literatur wird dieses Ergebnis vielfach auf geschlechtertypische Verzerrungen der Selbsteinschätzung zurückgeführt. Cooper (2006) zeigt, dass Jungen bereits früh in einem Confidence Gap sozialisiert werden, der technische Kompetenz als maskuline Domäne rahmt und dadurch Selbstwirksamkeitserwartungen stärkt, während Mädchen bei gleicher objektiver Leistung zur Unterschätzung ihrer Fähigkeiten neigen. Diese Tendenz wird durch Studien zur Computer- und Internetnutzung bestätigt, die eine systematische Überschätzung bei Männern und eine korrespondierende Unterschätzung bei Frauen nachweisen, sobald es um Hardware- oder Programmiertätigkeiten geht (Hargittai & Shafer, 2006; Vekiri & Chronaki, 2008). Allerdings kann der beobachtete Unterschied nicht ausschließlich auf Verzerrungen der Selbsteinschätzung zurückgeführt werden, sondern spiegelt möglicherweise auch real bestehende Differenzen in Nutzungserfahrungen und Interessen wider, die sich aus geschlechtsspezifischen Sozialisations- und Erfahrungsprozessen ergeben (Volman & van Eck, 2001). Bei den kreativen Kompetenzen hingegen, die weniger stark mit traditionellen technischen Stereotypen verbunden sind, gibt es keine statistisch signifikanten geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Kategorie Content Creation.

Die älteren Altersgruppen (21- bis 29- Jährige) weisen in allen drei Kompetenzbereichen – technische und operative Kompetenzen, Informations- und Navigationskompetenzen sowie Inhaltserstellung – höhere Ausprägungen auf als die jüngeren Altersgruppen (12- bis 20-Jährige). Mögliche Erklärungen hierfür sind längere und intensivere Nutzungserfahrungen sowie eine stärkere Nutzung digitaler Technologien im Bildungs- und Berufsalltag (Hargittai & Hinnant, 2008).

Junge Menschen mit Migrationshintergrund der ersten Generation schätzen ihre digitalen Kompetenzen im technischen und operativen Bereich tendenziell höher ein als junge Menschen ohne Migrationshintergrund sowie Angehörige der zweiten Generation. Diese erhöhte Selbstwirksamkeitserwartung könnte darauf zurückzuführen sein, dass Jugendliche mit eigener Migrationserfahrung digitale Technologien häufiger und zielgerichteter einsetzen (müssen). Studien deuten darauf hin, dass diese Gruppe digitale Medien intensiv nutzt, beispielsweise zur Überwindung sprachlicher Barrieren durch Übersetzungstools, zur Informationsbeschaffung in der Herkunftssprache oder zur aktiven Pflege transnationaler sozialer Netzwerke und familiärer Beziehungen (Hargittai & Hinnant, 2008; Madianou & Miller, 2013; van Dijk, 2020). Diese Notwendigkeit und der daraus resultierende pragmatische Umgang mit digitalen Infrastrukturen können die Entwicklung spezifischer technischer Fertigkeiten und Routinen beschleunigen (Alam & Imran, 2015). Während funktionale, technisch-operative Zugänge stärker von Jugendlichen mit Migrationshintergrund der ersten Generation besetzt sind, zeigt sich die kreative Dimension im Bereich der Inhaltserstellung bei Jugendlichen der zweiten Generation vergleichsweise weniger ausgeprägt. Dies könnte als Ausdruck unterschiedlicher sozialer Verortung und einer diskrepanten Integration in digitale Kulturräume interpretiert werden, wodurch digitale Medien seltener als Mittel der expressiven Selbstverortung und Gestaltung genutzt werden. Hinsichtlich der Informations- und Navigationskompetenzen wurde von Jugendlichen mit Migra­tionshintergrund der zweiten Generation angegeben, dass weniger ausgeprägte Kompetenzen vorhanden sind.

Jugendliche aus Familien mit einem höheren subjektiven sozioökonomischen Status (SES) weisen durchweg höhere digitale Kompetenzen in technischen und operativen Fertigkeiten sowie in der Informations- und Navigationskompetenz auf. Dies steht im Einklang mit der Knowledge-Gap-Hypothese (Bonfadelli, 2016), die in der Medien- und Bildungsforschung weit verbreitet ist. Sie besagt, dass soziale Gruppen mit mehr sozioökonomischen Ressourcen neue Informations- und Kommunikationstechnologien systematisch besser und schneller für sich nutzen können als Gruppen mit geringeren Ressourcen. Dadurch kann sich ein bestehendes Wissens- und Kompetenzgefälle im Zuge des technologischen Wandels sogar vergrößern – entgegen der oft geäußerten Hoffnung, die Digitalisierung würde Bildungsungleichheiten verringern (Bonfadelli, 2016). Junge Menschen aus Haushalten mit einem höheren SES verfügen nicht nur über eine bessere Ausstattung mit Endgeräten und Internetverbindungen, sondern wachsen auch in einem förderlicheren familiären Umfeld im Hinblick auf informelle Lerngelegenheiten, medienbezogene Unterstützung und Nutzungsmuster digitaler Technologien auf (A. van Deursen & van Dijk, 2014). Diese kumulativen Vorteile wirken sich nicht nur auf die materiellen Nutzungsmöglichkeiten aus, sondern können sich auch in einer höheren digitalen Kompetenz niederschlagen.

Die Ergebnisse unterstreichen somit die Relevanz der Second-Level Digital Divide, bei der es nicht nur um Zugang, sondern auch um Kompetenzausprägungen geht. Um digitale Teilhabechancen langfristig gerecht zu gestalten und die Herausforderungen der Second-Level Digital Divide anzugehen, ist es unerlässlich, nicht nur den Zugang zu Technologien zu sichern. Vielmehr muss auch an bildungspolitischen Maßnahmen angesetzt werden, um Kindern und Jugendlichen aus sozioökonomisch schwächeren Haushalten sowie Mädchen den Erwerb von Kompetenzen im Bereich digitaler Technologien gezielt zu ermöglichen.