Die fortschreitende Mediatisierung schulischer Bildung bringt neue Formen der Organisation und Kommunikation hervor, die sich unmittelbar auf die individuelle Lernorganisation und das Kommunikationsverhalten von Schülern und Lehrkräften auswirken. Digitale Werkzeuge und Plattformen regeln den Informationsfluss und verändern Erwartungen an Erreichbarkeit, Reaktionszeiten und Zusammenarbeit. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sich Lern- und Kommunikationspraktiken im schulischen Alltag aus Sicht der Jugendlichen verändern – auch jenseits des Unterrichts, etwa in Pausen, auf dem Schulhof oder im digitalen Raum.
Digitale Plattformen als zentrale Räume schulischer Kommunikation und Organisation
Im schulischen Alltag kommen verschiedene plattformbasierte Anwendungen zur digitalen Lernorganisation zum Einsatz. Systeme wie WebUntis, Microsoft Teams, Google Classroom, Moodle oder OneDrive sind an zahlreichen Schulen inzwischen fest etabliert und ermöglichen die strukturierte Bereitstellung, Bearbeitung und Ablage von Unterrichtsmaterialien. Sie ersetzen häufig klassische papierbasierte Informationswege wie Elternbriefe oder Aushänge und informieren Schüler zuverlässig über Stundenplanänderungen, Raumwechsel oder Unterrichtsausfälle. Zugleich dienen sie der Kommunikation zwischen Schülern und Lehrkräften sowie der Organisation von Lernprozessen, etwa durch Online-Kalender oder digitale Notizbücher.
Die befragten Jugendlichen bewerten diese digitalen Tools insgesamt mehrheitlich als nützlich und unterstützend für ihre Lernorganisation. Unter den genannten Anwendungen hebt sich insbesondere Microsoft Teams hervor, das von vielen ausführlicher beschrieben wird. Die Plattform wird als strukturgebende und verlässliche Schnittstelle zwischen Lernenden und Lehrkräften wahrgenommen, da sie Aufgabenmanagement, Kommunikation und Leistungsrückmeldungen in einer Anwendung vereint. Liam, ein 18-jähriger Schüler einer berufsvorbereitenden Klasse, beschreibt diesen Nutzen mit den Worten: „Dat vereinfacht d’Léieren.“14 Auch Tom (15 Jahre) betont, dass die Plattform für ihn eine deutliche Verbesserung gegenüber früheren organisatorischen Verfahren darstellt.
Hei hunn ech meng Saachen eragestallt an ech hunn et ofgi gëschter, en Dënschden de 5. Mäerz um 19 Auer 07. […] an si kritt dat op hiren Teams. An da verbessert si dat an da gëtt si dat zréck an dann hu mir do Punkte stoen. D’ass also ganz einfach.15 Tom, 15 Jahre
Einigen Jugendlichen erscheinen insbesondere die gewonnene Transparenz und die Verlässlichkeit von Rückmeldungen bedeutsam, da sie ihnen ermöglicht, sicherzustellen, dass ihre Hausaufgaben und Einreichungen zuverlässig bei den Lehrkräften ankommen. So betont die 14-jährige Sophie: „[…] esou weess ech genau, dass d‘Aufgab och ukomm ass.“16 Aus Sophies Sicht funktioniert die Aufgabenorganisation über diese Anwendung deutlich besser als etwa die Kommunikation per E-Mail, die es hier und dort ebenfalls noch gibt. Julien (21 Jahre) betont ergänzend dazu, dass durch Microsoft Teams auch die Lehrkräfte „nun einfacher zu erreichen“ seien, was seiner Ansicht nach die Kommunikation zwischen Lernenden und Lehrpersonen verändert und „wesentlich verbessert“ habe. Alexander (28 Jahre) bezeichnet die Plattform sogar prägnant als „Hauptkommunikations-Channel“.
Allerdings zeigen sich in den erhobenen Daten auch kritischere Reflexionen bezüglich der neuen Kommunikation und Lernorganisation. Julien (21 Jahre), der kurz vor seinem Abschluss im Enseignement secondaire général (ESG) steht, weist auf die Schattenseiten der digitalen Technologien hin. Er nimmt eine zunehmende zeitliche und räumliche Entgrenzung zwischen Schule und Freizeit wahr, die seiner Einschätzung nach durch die ständige Erreichbarkeit über digitale Kommunikationskanäle verstärkt wird: „[…] dass een halt net méi ofschalte kann, dass ee wierklech déi ganzen Zäite mat deem Thema Schoul an dem Sënn befaasst ass, well een déi ganzen Zäit erëm muss op Teams kucke goen“17 (Julien, 21 Jahre). Im Gegensatz zur früheren analogen Organisation des Unterrichts, bei der Aufgaben und Termine im direkten Austausch mit den Lehrkräften kommuniziert wurden, sieht sich Julien nun dazu veranlasst, die digitale Plattform regelmäßig zu überprüfen, um keine relevanten Informationen zu verpassen. Er beschreibt diese Praxis als Ausdruck einer „Always-on“-Mentalität, die eine kontinuierliche gedankliche Auseinandersetzung mit schulischen Themen begünstige und zur Auflösung klarer Grenzen zwischen Schul- und Freizeit beitrage. Dies belastet ihn. Durch die Praxis, dass Lehrkräfte sämtliche (Haus-)Aufgaben im digitalen Tool dokumentieren und den Schülern zentral zugänglich machen, gehen aus Juliens Sicht zugleich Übungsräume für Selbstorganisation und das Einüben von Verbindlichkeit verloren. Für ihn persönlich bedeutet das auch, dass er sich weniger gut auf bestimmte Aufgaben fokussieren kann.
Dat ass zum Beispill eppes, wat et virun Teams net gouf, virun Teams goufs de allkéiers am Cours vun dengem Proff ugeschwat, wat elo déi nächst Kéieren ass. Du wosst et, hues der et opgeschriwwen, misst der et verhalen. Mëttlerweil muss de der guer näischt méi verhalen, wat dann och rëm dozou féiert, dass een sech net méi wierklech konzentréiere kann, well een einfach alles e bëssen dohinner geluecht kritt.18 Julien, 21 Jahre
Juliens Sichtweise teilen auch weitere Jugendliche. Insgesamt spiegeln solche Aussagen ein ambivalentes Spannungsfeld wider: Während digitale Plattformen wie Microsoft Teams einerseits als entlastend, transparent und kommunikationsfördernd erlebt werden, zeigen sich zugleich die Risiken einer sich zunehmend ausdifferenzierenden und entgrenzten Lernkultur im schulischen Kontext, die mitunter zulasten der Selbstverantwortung der Schüler geht und damit auch neue Belastungen im schulischen Alltag erzeugt.
Informelle Alltagskommunikation in Chat-Gruppen
Auch der informelle Austausch über Messenger-Dienste wie WhatsApp oder Snapchat ist zu einem festen Bestandteil schulischer Alltagskommunikation geworden und wird dabei maßgeblich durch die fortschreitende Digitalität geprägt. In vielen Klassen existieren sogenannte „Klassenchats“, die von den Jugendlichen eigenständig, ohne Einbindung von Lehrkräften, organisiert werden. Sie dienen in erster Linie der gegenseitigen Unterstützung, etwa durch das Teilen von Hausaufgaben, die Klärung von Verständnisfragen oder die Abstimmung zu anstehenden Prüfungen. Clara (19 Jahre) beschreibt diese Funktion wie folgt: „Also, ech schreiwe […] mat Leit aus der Schoul, déi gären iergendeppes hätten, iergendeng Prüfungsfro oder sech austauschen iwwer, jo, Hausaufgaben.“19
Darüber hinaus erfüllen die Chats auch eine soziale Funktion: Max (18 Jahre) berichtet, dass dort gelegentlich humorvolle Inhalte wie Memes und Witze geteilt werden – eine Praxis, die als Ausdruck informeller Peerkultur interpretiert werden kann und zur sozialen Kohäsion innerhalb der Gruppe beiträgt. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Nutzung dieser Kommunikationsräume durch soziale Aushandlungsprozesse geregelt wird. Carmen (24 Jahre) schildert, dass bei einer übermäßigen informellen Nutzung auch regulierende Interventionen aus der Gruppe selbst erfolgen: „They would say: ‚Hey guys, please use this group chat for class related things.‘“20 Digitale Kommunikationsräume fungieren somit als „Arenen“ sozialer Selbstregulation, in denen normative Erwartungen gemeinschaftlich verhandelt und durchgesetzt werden (Liebau & Zirfas, 2015).
In Klassenchats können zudem aufgrund des Fehlens nonverbaler Hinweise wie Mimik, Gestik oder Tonfall leichter Missverständnisse entstehen, die in schulischen Kontexten zu Konflikten führen können, dies zeigt sich an weiteren Aussagen. Beatriz (20 Jahre) berichtet, dass dies im Chat ihrer Klasse von Zeit zu Zeit der Fall sei, etwa aufgrund unklar formulierter Nachrichten oder nicht eingehaltener Absprachen. Diese Spannungen lassen sich in der Regel im persönlichen Kontakt ausgleichen: „Die Klasse ist schön und wir mögen uns, aber manchmal gibt es auch Probleme oder Missverständnisse im Chat. Dann wird drüber geredet und wir klären das dann aber meistens schnell“ (Beatriz, 20 Jahre). Dieses Beispiel verdeutlicht, dass digitale und analoge Kommunikationsformen in diesem Kontext nicht linear nebeneinander verlaufen, sondern eng miteinander verflochten sind und ineinander übergehen (Jandrić et al., 2018). Während der Chat der schnellen Abstimmung dient, stößt er dort an seine Grenzen, wo es um Feinabstimmungen, soziale Einordnungen oder die Bearbeitung von Konflikten geht; hier bleibt das direkte persönliche Gespräch zentral.
Überdies wird deutlich, dass digitale Kommunikationsräume nicht nur soziale Spannungen, sondern auch Ausschlussmechanismen erzeugen können. Die soziale Teilhabe an den Klassenchats ist jedoch keineswegs selbstverständlich. Michaela (14 Jahre) berichtet, dass sie in der Snapchat-Gruppe ihrer Klasse nicht vertreten sei, da sie bislang nicht eingeladen wurde. Auch Noah (20 Jahre) schildert problematische Erfahrungen: Er habe miterlebt, dass Mitschüler über den Klassenchat beleidigt oder herabgewürdigt wurden. Solche Aussagen machen deutlich, dass selbstorganisierte digitale Räume sowohl soziale Inklusion als auch digitale Exklusion ermöglichen und somit ambivalente Effekte auf das soziale Klima innerhalb der Lerngruppe haben können.
Die Bedeutung des Smartphones für den Schulalltag
In diesem Zusammenhang erhält auch das Thema Smartphone im Unterricht eine besondere Relevanz. Einige Jugendliche berichten von einem erhöhten Risiko von Cybermobbing, das besonders durch die Kommunikation über das Smartphone im schulischen Kontext gefördert werde. So wird von einer Zunahme von Hassbotschaften oder abwertenden Kommentaren berichtet oder über das Versenden von Fotos ohne Zustimmung. Alexander (28), der in einem Lyzeum arbeitet, findet, dass dieses Problem im Schulalltag deutlich zu spüren ist: „Das ist ein Problem, auf jeden Fall. Also Social Media und Handys haben es nicht besser gemacht, vor allem wirklich in der 7. Klasse würde ich sagen.“ Nach seiner Einschätzung sind besonders jüngere Schüler dabei besonders gefährdet. Ein Grund hierfür könnte sein, dass in dieser Altersphase sowohl die Neugier als auch das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Zugehörigkeit zur Peergruppe besonders ausgeprägt sind, beides Faktoren, die problematischen oder riskanten Verhaltensweisen im Umgang mit digitalen Medien Vorschub leisten können (Kramer & Müller, 2022). Theo, ein 12-jähriger Gymnasiast, berichtet etwa selbst im Interview davon, wie er mit dem Smartphone hinter dem Rücken eines Klassenkameraden Fotos und Videos von ihm gepostet hat und dafür Likes von seinen Mitschülern, aber auch eine Strafe von der Lehrkraft erhalten hat: „Weil ich eine Instagram-Story im Witz von ihm gemacht hab, wo zehn Likes gekommen hat mit witzigen Fotos von ihm […] ist er petzen gegangen und dann hab ich eine Retenue bekommen von dieser Deutschlehrerin“ (Theo, 12 Jahre).
Das luxemburgische Bildungsministerium hat im April 2025 als Reaktion auf derartige Problemlagen ein generelles Handyverbot an Grundschulen eingeführt und darüber hinaus an weiterführenden Schulen die Schaffung einer „räumlichen Distanz“ zwischen den Schülern und ihren Smartphones angeordnet. Wie die Daten zeigen, hatten einige der in der Stichprobe vertretenen Sekundarschulen bereits vor Inkrafttreten dieser gesetzlichen Regelung interne Maßnahmen etabliert, die eine physische Trennung vom Smartphone vorsahen, beispielsweise durch sogenannte „Handyhotels“ in den Klassenräumen. Solche Regelungen kommen vor allem in den unteren Jahrgangsstufen und in Orientierungsklassen zum Einsatz. Viele Jugendliche äußern Verständnis für diese Maßnahme, etwa weil sie sich durch die Nutzung der Geräte durch Mitschüler während des Unterrichts gestört fühlen, sei es durch Klickgeräusche, Nebengespräche oder durch Unruhe. So findet es auch Amélie (20 Jahre) sehr gut, dass an ihrer Schule klare Regeln im Umgang mit Smartphones gelten, nämlich dass das Handy vor dem Unterricht abgegeben werden muss. Aus ihrer Sicht sollten solche Regelungen flächendeckend an allen Schulen eingeführt werden: „An der Schoul fannen ech am Allgemenge missten si keen Handy hunn […] Bei mir am Lycée ass dat esou, dass een den Handy ëmmer muss ofginn. Ech fannen dat misst een iwwerall esou maachen“21 (Amélie, 20 Jahre).
Andere Jugendlichen äußern jedoch Vorbehalte gegenüber einem generellen Smartphoneverbot im Unterricht. Sie verweisen zum Beispiel auf den funktionalen Mehrwert der Geräte, etwa im Hinblick auf ihre Nutzung in Notfallsituationen oder für organisatorische Zwecke. Ein pauschales Verbot wird von ihnen daher nicht durchgängig als sinnvoll erachtet. Erneut sind es besonders die jüngeren Befragten, die zudem ihr Interesse an individueller Autonomie im Umgang mit dem eigenen Smartphone hervorheben. So empfindet Elias (13 Jahre) das generelle Verbot als nicht gerechtfertigt, da es sich „ja um sein eigenes“ Gerät handele und er daher selbst entscheiden möchte, ob und wann er es nutzt. Aufgrund der Nicht-Abgabe seines Smartphones hat er bereits eine schulische Ermahnung erhalten.
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„Das vereinfacht das Lernen.“
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„Hier habe ich meine Sachen eingestellt und ich habe es gestern abgegeben, am Dienstag, den 5. März, um 19:07 Uhr. […] Und sie bekommt das dann in ihrem Teams. Dann verbessert sie das und gibt es zurück, und dann haben wir dort Punkte stehen. Es ist also ganz einfach.“
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„[…] und so weiß ich genau, dass die Aufgabe auch angekommen ist.“
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„[…] dass man eben nicht mehr abschalten kann, dass man wirklich die ganze Zeit mit dem Thema Schule in dem Sinne beschäftigt ist, weil man ständig wieder auf Teams nachschauen muss.“
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„Das ist zum Beispiel etwas, was es vor Teams nicht gab. Vor Teams wurdest du jedes Mal im Unterricht von deinem Lehrer darauf angesprochen, was als Nächstes dran ist. Du wusstest es, hast es dir aufgeschrieben, musstest es dir merken. Mittlerweile musst du dir überhaupt nichts mehr merken, was dann wiederum dazu führt, dass man sich nicht mehr wirklich konzentrieren kann, weil einem einfach alles ein bisschen dorthin gelegt wird.“
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„Also, ich schreibe […] mit Leuten aus der Schule, die gerne irgendetwas hätten, irgendeine Prüfungsfrage oder sich austauschen über, ja, Hausaufgaben.“
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„Sie würden sagen: ‚Hey Leute, bitte benutzt diesen Gruppenchat für schulbezogene Dinge.‘“
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„In der Schule finde ich allgemein, sollten sie kein Handy haben […] Bei mir im Lycée ist es so, dass man das Handy immer abgeben muss.
Ich finde, das sollte man überall so machen.“