Anders als in Schulen, Hochschulen oder Ausbildungsprogrammen geht es in der non-formalen Bildung um das Lernen aus sozialen Alltagserfahrungen, gemeinschaftlichen Aktivitäten und persönlichen Beziehungen (Grimm et al., 2025).42 Kutscher und Seelmeyer (2017) gehen davon aus, dass besonders hier medienpädagogische Aktivitäten sowohl in Beteiligungsprojekten als auch in der Alltagskommunikation stark verankert sind und sich so eine große Bandbreite an digitalen Interaktionen und Angeboten erkunden lässt. Die Interviews bestätigen dies in dem Sinne, dass die befragten Jugendlichen eine Vielzahl digitaler und hybrider Alltagspraktiken benennen, die ihre Teilnahme an Angeboten von Jugendhäusern, Jugendverbänden oder Vereinen prägen und zunehmend selbstverständlich begleiten. In stärker strukturierten Settings wie Jugendverbänden, politischen Jugendgruppen oder Vereinen werden digitale Tools häufig zur Koordination, Sichtbarmachung und Dokumentation genutzt (siehe Kapitel 6). Wie im folgenden Beispiel eines Mitgliedes des Jugendparlaments werden sie als „praktische“ und „effektive“ Mittel beschrieben, mit denen Informationen in direkter Weise verarbeitet und nutzbar gemacht werden können. Dabei entstehen Routinen, die eine selbstverständliche Durchdringung digitaler und analoger Kommunikation und Arbeitsweise beinhalten.
Wir haben ja so Leute, die reden, vorne und meistens schreibe ich mir wichtige Notizen auf. […] Mir geht’s darum, um Informationen zu sammeln und dann damit was anzufangen. Weil, immer auf Papier kann man leicht verlieren und auf einem Tablet ist es ja gespeichert. Noah, 20 Jahre.
Zwei politisch engagierte Jugendliche berichten zudem darüber, dass sie digitale Medien und Plattformen als nützlich empfinden, um sich in Interessensgemeinschaften zu vernetzen, themenbezogenen Content zu erstellen, ihre Sichtbarkeit und Reichweite in die politikrelevante Öffentlichkeit zu erhöhen und sich über die kommunikative Aktivität anderer bzw. das politische Geschehen insgesamt zu informieren. „Ich benutze politische Videos […] und wenn wir uns treffen in einem Komitee, dann sage ich meine Kenntnis“ (Max, 18 Jahre). „[Ich nutze Facebook] wegen der Kollegen und weil ich immer so auf dem Stand der Dinge bin“ (Noah, 20 Jahre).
Die angeführten Beispiele verdeutlichen, dass digitale Medien die Modalitäten politischer Aktivität und Meinungsbildung Jugendlicher verändern: Digitale Plattformen werden genutzt, um sich eigenständig zu informieren, soziale Netzwerke zu stärken und politische Positionen öffentlich sichtbar zu machen (siehe Kapitel 8). Dieses mediengestützte Vorgehen eröffnet Jugendlichen neue Räume der politischen Partizipation, in denen sie bestehende Diskurse nicht nur rezipieren, sondern aktiv erweitern und mitgestalten können.
Auch in eher niedrigschwelligen, offen gestalteten Angeboten der non-formalen Bildung, etwa in Jugendhäusern, bei Ferienfreizeiten oder in Pfadfindergruppen, berichten Jugendliche von eigenständigen Formen digitaler Medienproduktion. Sie gestalten beispielsweise Plakate mit Design-Tools wie Canva, schneiden Videos mit CapCut oder organisieren ihre Aufgaben mithilfe digitaler Notiz- und Planungstools. Darüber hinaus greifen die Jugendlichen auf spezifische digitale Angebote zurück, die an ihren Interessen und Lebenswelten anknüpfen, darunter Sport- und Fitness-Apps, Video- und Musik-Tutorials sowie Tools zur Förderung eines nachhaltigen Lebensstils oder einer gesunden Ernährung. Solche digitalen Praktiken sind eng in den Alltag eingebunden und werden im Kontext der Jugendarbeit nicht nur genutzt, sondern auch reflektiert und pädagogisch begleitet.
In einigen Jugendhäusern nimmt die Plattform Instagram eine zentrale Rolle ein: Sie dient neben Informationszwecken und der Bekanntmachung von Aktivitäten auch der aktiven Beteiligung und Einbindung Jugendlicher in die internen Abläufe und Geschehnisse: So werden Monatspläne und Informationen über Aktivitäten dort ebenso gepostet wie Fotos über gemeinsame Events und vieles mehr. Auch laden Story-Formate auf Instagram die Jugendlichen zur spielerischen Interaktion ein, wobei hier das partizipative Potenzial digitaler Kommunikation deutlich wird. Hierzu berichtet Lucas (21 Jahre) aus der eigenen Erfahrung aus dem Jugendhausalltag: „Sie melden sich über Instagram an […] da wird ’ne Story gemacht, wo jemand einen Strike gemacht hat, oder dann müssen sie manchmal erraten, ob er einen Strike gemacht hat.“ Solche digitalen Interaktionsformate schaffen dialogische Bezüge zwischen den Jugendlichen und Peers und zwischen Jugendlichen und Fachkräften. Die Plattform fungiert mit all diesen Funktionen als Schnittstelle zwischen digitaler Kommunikation und analoger Teilhabe – mit hoher Reichweite („fast jeder, der Instagram hat, folgt jugendhausxy.lu“ [Lucas, 21 Jahre]) und pädagogischer Funktionalität. Wie die Jugendlichen berichten, achten die Fachkräfte dabei bewusst auf Datenschutz und professionelle Distanz, etwa durch den Verzicht auf private Messenger-Kommunikation mit Jugendlichen (Amélie, 20 Jahre). Diese Praxis verweist auf eine hybride Jugendarbeit, in der digitale Medien integrativ genutzt werden – sowohl zur Sichtbarmachung und zur Beteiligung als auch zur Beziehungsarbeit. Digitale Kanäle ermöglichen so neue Formen der Niedrigschwelligkeit, Erreichbarkeit und Interaktivität.
Niedrigschwelligkeit und kreative Medienproduktion
Die Erzählung der 20-Jährigen Beatriz, die im Rahmen ihrer Ausbildung zur Erzieherin aus einer Ferienkolonie berichtet, verdeutlicht die Integration digitaler Medien in die pädagogische Praxis non-formaler Bildung: Die Jugendliche berichtet davon, wie sie durch das Filmen und Schneiden eines Erinnerungsvideos das gemeinsame Erleben der Kolonie für sich selbst und die teilnehmenden Kinder festgehalten und digital aufbereitet hat, da die Kinder selbst nur begrenzten Zugang zu Smartphones hatten: „Ich hab den Kindern gesagt, ich würde dann am Ende von der Kolonie noch ein Video schneiden für sie […] und dann habe ich mit CapCut […] gearbeitet“ (Beatriz, 20 Jahre). Dieses fachliche Handeln deutet auf neue Möglichkeiten zur Schaffung gemeinsamer Erinnerungen, kultureller und sozialer Teilhabe und Wertschätzung gegenüber den Teilnehmern hin. In ihren Berichten aus der Praxis erwähnt die Jugendliche, deren Medienaffinität, wie sie selbst betont, aus eigener Motivation und Neugierde gewachsen und nicht etwa familiär unterstützt wurde, beinahe nebenbei, wie sie viele weitere alltagsnahe Apps (z. B. die Sport-App Slopes und die Nachhaltigkeits-App Active Giving) über ihre eigentliche Funktion hinaus pädagogisch im Rahmen ihrer Betreuungsarbeit nutzt: zur Selbstbeobachtung, Motivation und Reflexion.
Partizipation, Kommunikation und Gaming im Alltag
Ein weiterer Aspekt der Integration digitaler Medien in den pädagogischen Alltag non-formaler Bildung ergibt sich aus Praktiken der digitalen aufsuchenden Jugendsozialarbeit, die auch als „Digital streetwork“ diskutiert wird (Müller & Küng, 2013). Dabei begeben sich die Fachkräfte mit den Jugendlichen in gemeinsame Online-Spiel-Szenarien oder auf Plattformen (BeReal), und somit in deren virtuelle Interessens- und Lebenswelt. Wie Julien (21 Jahre) berichtet, installieren die Fachkräfte hierbei u. U. selbst Spiele (Call of Duty/Warzone) auf ihrem Handy, um mit den Jugendlichen in eine gemeinsame digitale Interaktion zu gelangen: „Wann si da Loscht hunn, kënnen se och mat eis zesummen dat spillen.“43 (Julien, 21 Jahre). Dieses Vorgehen ist Ausdruck einer jugendkulturell sensiblen Beziehungsgestaltung und zeugt von einer hohen Bereitschaft, mediale Alltagswelten der Jugendlichen nicht nur zu tolerieren, sondern aktiv mitzugestalten. Dabei wird allerdings auch ein reflektierter Umgang mit Bildschirmzeit und pädagogischen Grenzen erkennbar: „Et ass awer elo net, dass mer elo dräi Stonnen hei mat hinne um Ecran setzen“44 (Julien, 21 Jahre). Die genannten empirischen Beispiele gemeinsam gestalteter digitaler Alltagspraxen zeigen: Digitale Jugendarbeit gehört demnach selbstverständlich zur pädagogischen Praxis non-formaler Settings dazu. Jugendliche nutzen Medien zur Teilhabe, zur Dokumentation und zum Spielen; Fachkräfte gestalten digitale Räume als Kommunikations-, Beteiligungs- und Beziehungselemente.
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Non-formale Bildung versteht sich als bewusste, aber flexible Form des Lernens, die nicht an curriculare Vorgaben gebunden ist und Raum für informelle Lernformen bietet (Coombs & Ahmed, 1974). Sie umfasst pädagogisch gerahmte Angebote in Freizeit-, Vereins- oder Gruppenarbeit, die oft niedrigschwellig, lebensweltnah und beziehungsorientiert sind (Rauschenbach, 2011).
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„Wenn sie dann Lust haben, können sie das auch mit uns zusammen spielen.“
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„Es ist aber jetzt nicht so, dass wir hier drei Stunden mit ihnen vor dem Bildschirm sitzen.“