7.4.4 Zukunftsperspektiven im Kontext von Digitalität

Die Interviewdaten zeigen, dass ein Teil der befragten Jugendlichen digitale Medien nicht nur zur kurzfristigen Informationsbeschaffung oder zum Medienkonsum nutzt, sondern auch gezielt im Rahmen ihrer biografischen Entwicklung und Zukunftsplanung, und dies teilweise auch unter erschwerten Bedingungen. Besonders eindrücklich wird dies in Fällen, in denen schulische Förderung, familiäre Unterstützung oder ökonomische Ressourcen nur eingeschränkt vorhanden sind. Solche Jugendlichen, die sich exemplarisch auch in der vorliegenden Stichprobe wiederfinden, entwickeln mitunter eigenständige Aneignungsstrategien, die von persönlichem Interesse, handlungsorientierter Motivation und häufig auch von wechselseitiger Unterstützung im Peer-Kontext getragen sind.

Ein exemplarisches Fallbeispiel ist in diesem Kontext die Bildungsgeschichte von Liam (18 Jahre), der in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung aufgewachsen ist und sich dort schon seit früher Kindheit autodidaktisch technisches und digitales Wissen über unterschiedliche Lernplattformen und Netzwerke angeeignet hat. Seine Leidenschaft gilt digitalen Rennspielen, die er mit dem Ziel einer möglichen E-Sport-Karriere verbindet. Dabei kombiniert er handwerkliche und digitale Kompetenzen in einem selbstorganisierten Lernprozess jenseits institutioneller Bildungssettings. Im Interview wird deutlich, mit welchem Ehrgeiz und welcher Zielstrebigkeit er seinen Weg verfolgt.

Auch Beatriz (20 Jahre), die in einem Alleinerziehenden-Haushalt unter teils prekären finanziellen Bedingungen aufgewachsen ist, nutzt digitale Ressourcen heute gezielt zur sprachlichen und beruflichen Weiterentwicklung. Trotz mehrfacher Schulwechsel verfolgt sie ehrgeizig ihren Plan, im kreativen Bereich online Fuß zu fassen, und erwägt zudem, ihre aus der eigenen Not heraus selbst entwickelten Lernstrategien künftig über soziale Medien an andere weiterzugeben.

Auch der Fall von Mamadou (20 Jahre) beeindruckt. Er ist ein Auszubildender im handwerklichen Bereich mit Migrationsgeschichte, der YouTube-Videos gezielt zur Vorbereitung auf seine Abschlussprüfungen nutzt, um seine Chancen auf einen erfolgreichen Berufsabschluss, den er unbedingt erreichen möchte, zu erhöhen.

Diese Fallbeispiele verdeutlichen, dass digitale Bildungsräume insbesondere für jene Jugendlichen von Bedeutung sein können, die unter erschwerten Startbedingungen ihren Bildungsweg selbstverantwortlich gestalten möchten. In ihren Geschichten wird sichtbar, wie digitale Medien zu Werkzeugen der Selbstermächtigung, Selbstwirksamkeit und sozialen Teilhabe werden können.

Diese Befunde lassen den Schluss zu, dass Bildungserfolge im digitalen Raum nicht ausschließlich an formale Bildungskarrieren oder elterliche Ressourcen gekoppelt sind – auch wenn diese zweifellos förderliche Bedingungen darstellen (Kutscher, 2020). Vielmehr treten im Datenmaterial empirisch fassbare Formen aktiver Medienaneignung zutage, die im Sinne einer partizipativen und bildungsbezogenen Handlungsmächtigkeit verstanden werden können (Hargittai & Hinnant, 2008; Jenkins, 2006). Jugendliche gestalten ihre Lernwege eigenständig, verfolgen persönliche Ziele und nutzen digitale Technologien, um individuelle Interessen zu entwickeln und auszubauen.