Die Beziehung junger Menschen zu politischen Nachrichten erwies sich im Laufe der Interviews als zentrales Thema, bei dem Skepsis und Misstrauen gegenüber traditionellen Nachrichtenquellen immer wieder angesprochen wurden. Junge Menschen bevorzugen häufig soziale Medien oder Plattformen wie YouTube für ihren Nachrichtenkonsum. Max (18 Jahre) beschreibt, wie er sich für Geschichte und Politik interessiert, diese Themen aber hauptsächlich durch Kurzvideos auf YouTube verfolgt: „In der Pause gucke ich eher um Politik, einfach so, also insgesamt, da gibt es so ein kleiner YouTube-Channel ‚TLDR‘7 und sie zeigen alles über die heutige Politik […].“
Diese Präferenz bestätigte sich in den Interviews: Jugendliche und junge Erwachsene konsumieren Nachrichten vor allem in Form von Kurzvideos oder Audios. Häufig vertrauen sie dabei spezifischen Personen, deren Inhalte sie als faktischer und vertrauenswürdiger wahrnehmen, wie Amélie (20 Jahre) erläutert:
Mee et ass een, wou wierklech méi berüümt ass. Och méi Leit, YouTube a sou weider followt. […] Et ass wierklech een, wou net egal wat zielt. Well et si wierklech vill Leit, wou hie follegen a wierklech wichteg Leit a famous Leit an déi géifen net egal weem follegen.8
Amélie vertraut den Reportagen eines YouTubers, weil prominente Personen diesem ebenfalls folgen, und beschreibt ihn als neutral und faktenorientiert, obwohl sie zugibt: „Wouhier hien seng Sourcen huet, weess ech net. Mee hien ass neutral.“9 Ihr Vertrauen basiert also nicht auf journalistischen Standards, sondern auf sozialem Ansehen und subjektiver Wahrnehmung. Dieses Verhalten spiegelt einen internationalen Trend wider (Reuters, 2024), bei dem sich junge Menschen als aktive Kuratoren ihres eigenen Nachrichtenkonsums verstehen. Sie stellen ihre eigenen Feeds zusammen, oft abseits traditioneller Medien.
Gleichzeitig zeigt sich in den Nutzungsmustern vieler junger Menschen eine klare Präferenz für komprimierte Formate. Dies bestätigt die Beobachtung, dass Jugendliche Kurzform-Nachrichten in Form von kurzen Videos oder sogar Memes bevorzugen (Klopfenstein Frei et al., 2024; Tamboer et al., 2023). Dieser gesamte Prozess wird durch die Gestaltungs- und Wirkungslogiken digitaler Plattformen unterstützt und verstärkt: Algorithmen und die einfache Anpassbarkeit von Inhalten durch Laien schaffen ein Umfeld, in dem ein solch personalisierter und fragmentierter Nachrichtenkonsum zur Norm wird (Auxier & Vitak, 2019; Chan et al., 2023).
Das fehlende Vertrauen in Mainstream-Nachrichtenquellen (Residori & Samuel, 2025) motiviert einige junge Menschen der Stichprobe dazu, alternative Wege für ihren Nachrichtenzugang zu finden. Aarav (28 Jahre) beschreibt beispielsweise: „[…] If I’m looking for geopolitical news, I don’t refer to any mainstream media at all. […] I usually refer to some retired army general.“10 Für ihn bieten digitale Plattformen wie YouTube die Möglichkeit, Informationen von Personen zu beziehen, die direkte Feld- und Lebenserfahrung mit den Themen haben. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang seine Erwähnung von Tucker Carlson, einem der bekanntesten und zugleich umstrittensten politischen Kommentatoren der USA. Carlson, der lange für seine rechtskonservativen Positionen bei Fox News bekannt war, ist eine Schlüsselfigur in der Kritik an etablierten Medien. Auffällig ist hier, dass Aarav sich Carlson nicht trotz, sondern wegen dessen öffentlichen Bruchs mit dem Establishment von Fox News zuwendet: „But once he got away from Fox News, now I watch him a lot because […] I could see the freshness or the freedom in his reporting.“11 Für den jungen Mann wird die wahrgenommene Unabhängigkeit vom Mainstream zum entscheidenden Kriterium für Authentizität. Dieses Kriterium lässt die politische Verortung der Quelle oder die externe Kritik an deren Inhalten in den Hintergrund treten und unterstreicht die Tendenz, Vertrauen an Personen, statt an Institutionen zu binden. Hier spiegelt sich eine breitere Tendenz wider, die für viele junge Menschen charakteristisch ist: die Suche nach Authentizität (Reuters, 2024) und direkter Expertise in einem digitalen Umfeld, das zunehmend von Misstrauen gegenüber traditionellen Institutionen geprägt ist.
Die beschriebenen Präferenzen für komprimierte Nachrichtenformate sowie einen als authentisch wahrgenommenen Newsfeed schlagen sich in hybriden, häufig passiven sowie beiläufigen (incidental) (Boczkowski et al., 2018) Nutzungsweisen nieder, bei denen Informations- und Unterhaltungszwecke häufig ineinandergreifen. So folgt der Nachrichtenkonsum nur selten einem linearen oder festen Muster. Er reicht von gezielter Auseinandersetzung – etwa beim Lesen investigativer Artikel oder dem Anschauen von Dokumentationen – bis hin zu beiläufigem Kontakt mit Informationen durch das endlose Scrollen auf den sozialen Medien. Elias (13 Jahre) bringt dies anschaulich auf den Punkt: „Auf TikTok – wenn ich lange genug scrolle, kommt irgendwann was.“ Auch Anastasia (29 Jahre) beschreibt, dass sie kaum aktiv nach Nachrichten sucht, sondern sich darauf verlässt, dass relevante Informationen sie irgendwann erreichen: „Maybe I hear about it a week or two later, but usually, I do hear about it.”12 Diese Haltung steht exemplarisch für die sogenannte „News-finds-me-Perspektive“, die mit einem geringeren politischen Lernzuwachs in Verbindung gebracht werden kann (Gil de Zúñiga et al., 2017). Bei einigen jungen Menschen wird die Informationsaufnahme teilweise durch automatische Push-Benachrichtigungen gesteuert, was eine gezielte Suche reduziert: „RTL, ja. Naja, manchmal kommen so ein paar Nachrichten und so und da guck ich dann kurz rein oder so, um ein bisschen irgendwie Allgemeinwissen zu haben“ (Beatriz, 18 Jahre). Auch Emma (22 Jahre) bestätigt diese passive Mediennutzung, die durch Push-Benachrichtigungen ausgelöst wird, aber keine tiefere inhaltliche Auseinandersetzung nach sich zieht: „Ich habe hier so RTL-Nachrichten, jetzt hier 25 Stück, aber ich lese das jetzt nicht durch.“ Andere junge Menschen, wie Carmen (24 Jahre), verlassen sich auf Freunde, die sie über wichtige Vorkommnisse informieren und somit die Rolle der Nachrichtenkuratoren übernehmen. Dies zeigt, dass das Interesse am Weltgeschehen, das weit über rein politische Themen hinausgehen kann, auf unterschiedliche, oft pragmatische und sozial eingebettete Weise befriedigt wird.
Neben diesem Nutzungsmuster des hybriden und beiläufigen Nachrichtenkonsums zeigt sich ein weiteres Muster: Junge Menschen halten sich vielfach gezielt fern. Die Gründe dafür sind vielfältig:
Tom (15 Jahre) erzählt: „Aus menger Klass huet keen eng, esou eng App mat Norichten.“13 Auf Rückfrage teilt er weiter mit, dass die Jugendlichen in seiner Klasse, wenn überhaupt, dann nur durch die Schule etwas mitkriegen, was in der Welt passiert. Liam (18 Jahre) und Anastasia (29 Jahre) meiden Nachrichten aus Desinteresse oder wegen emotionaler Belastung. Alexander (28 Jahre) nennt zwei Gründe für seine Distanz:
Generell News zu gucken, hat für mich fast keinen Wert, weil es immer durch irgendeine Linse angeschaut wird, sei es nur der Reporter oder dann halt wirklich irgendwie noch ein bisschen politisches Interesse hintendran.
Andererseits spitzt Alexander (28 Jahre) die von Anastasia (29 Jahre) geäußerten Gefühle weiter zu, indem er den Nachrichtenkonsum als bewusste Entscheidung gegen eine Form von psychischer Selbstbelastung beschreibt. Er sehe für sich keinen Bedarf, die „emotionalen und kognitiven Burdens“, also die seelische und gedankliche Last, auf sich zu nehmen, die das ständige Verfolgen von Krisen und Kriegen mit sich bringe. Diese Art des Rückzugs ist international verbreitet (Madden et al., 2017; Reuters, 2024), und ein prägnantes Beispiel für die Second-Level Digital Divide (Scheerder et al., 2017; van Dijk, 2020). Diese Kluft betrifft nicht nur Kompetenzdefizite, sondern auch die Art der Nutzung. Gerade eine hohe Medienkompetenz, wie sie bei Studierenden wie Alexander und Anastasia vorauszusetzen ist, scheint häufiger zu einem strategischen Rückzug zu führen. Ihre Entscheidung, sich aufgrund von wahrgenommener Voreingenommenheit oder emotionaler Belastung abzuwenden, ist eine Form der Usage Inequality: Die Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung wird hier nicht zum Nachrichtenkonsum, sondern zur Legitimation des Nicht-Konsums genutzt.
In diesem Spannungsfeld bewegen sich die jungen Menschen: Einerseits suchen sie, wie im Fall von Aarav (28 Jahre) deutlich wurde, gezielt nach als „unabhängig“ wahrgenommenen Perspektiven und wenden sich von der als institutionell empfundenen Glaubwürdigkeit etablierter Medienhäuser ab. Persönliche Nähe und eine vermeintliche Authentizität werden hier zu entscheidenden, neuen Kriterien der Vertrauensbildung. Andererseits ist einigen das Risiko der Desinformation, dem sie sich in der Wahl alternativer Nachrichtenwege aussetzen, sehr wohl bewusst. Die Gefahr durch Fake News, die sich gerade in den von ihnen genutzten sozialen Netzwerken schnell verbreiten, wird in den Interviews wiederholt klar benannt. Julien (21 Jahre) sieht hierin ein zentrales Problem und verweist auf die Notwendigkeit kritischer Reflexion: Viele seiner Peers hätten „erheblichen Nachholbedarf“ und würden Informationen oft unreflektiert weitergeben, was er als „gesellschaftliches Problem“ beschreibt, das durch die Darstellung von Meinungen als Fakten in sozialen Blasen verschärft wird: „[…] Jiddereen ass einfach senger Meenung, an déi ass richteg.“14 Soziale Medien, die für Jugendliche zunehmend traditionelle Nachrichtenquellen ersetzen (Reuters, 2024), sind fundamental algorithmisch gesteuert. Diese Steuerung begünstigt oberflächliches Scrollen und kann zu unreflektierten, oft emotionalen Reaktionen führen (Vaccari & Chadwick, 2020). Die tiefere Gefahr liegt in der von Habermas (2024) analysierten Fragmentierung: Junge Menschen ziehen sich in selbstkurierte und algorithmisch verstärkte Filterblasen zurück, in denen der demokratische Diskurs erodiert.
Wie bereits bei ihrem Engagement mit Content zeigt sich auch bei der spezifischen Thematik der Nachrichten eine breite Diversität in den Nutzungsmustern der Jugend in Luxemburg. Einerseits meiden viele Jugendliche Nachrichten aufgrund emotionaler Belastung oder mangelnden Interesses. Andererseits suchen sie gezielt nach Quellen, die besser auf ihre Wünsche und Bedürfnisse zugeschnitten sind, häufig auf Kosten der traditionellen Mainstream-Medien und der Objektivität. Vertrauen spielt hierbei eine zentrale Rolle, doch basiert dieses Vertrauen weniger auf überprüfbaren Fakten als auf der Wahrnehmung von Authentizität und dem Status der Personen, die die Inhalte verbreiten. Diese Wahrnehmung, geprägt durch soziale Medien und die digitale Dynamik von Plattformen, führt dazu, dass persönliche Nähe und Popularität oft stärker gewichtet werden als faktische Richtigkeit oder Neutralität.
- 7
TLDR = Too Long, Didn’t Read.
- 8
„Das ist aber wirklich einer, der etwas berühmter ist. Folgen auch mehr Leute, YouTube und so weiter. […] Das ist wirklich einer, der nicht einfach irgendwas erzählt. Weil dem wirklich viele Leute folgen, und wirklich wichtige Leute und beachtliche Leute, und die würden nicht irgendwem folgen.“
- 9
„Woher er seine Quellen hat, weiß ich nicht. Aber er ist neutral.“
- 10
„[…] Wenn ich nach geopolitischen Nachrichten suche, beziehe ich mich überhaupt nicht auf Mainstream-Medien. […] Ich beziehe mich normalerweise auf irgendeinen pensionierten Armeegeneral.“
- 11
„Aber seit er weg ist von Fox News, schaue ich ihn jetzt viel, weil […] ich die Frische oder die Freiheit in seiner Berichterstattung sehen kann.“
- 12
„Vielleicht erfahre ich es erst ein oder zwei Wochen später – aber ich bekomme es meistens mit.“
- 13
„Aus meiner Klasse hat sowas niemand, so‘ne App mit Nachrichten.“
- 14
„[…] Jeder hat einfach seine Meinung, und die ist richtig.“