Digitales Zeiterleben beschreibt die Art und Weise, wie Personen Zeit individuell empfinden und bewerten (vgl. Schroots, 2007). Im empirischen Material zeigt sich, dass dieses Erleben auf vielfältige Weise zum Ausdruck kommt und eng mit digitalen Kommunikationspraktiken sowie Alltagsroutinen verwoben ist.
Ein zentrales Phänomen dieses Zeiterlebens ist die Erfahrung von Synchronität, also Gleichzeitigkeit. Durch die Niedrigschwelligkeit des Zugangs zu digitalen Geräten und die Allgegenwärtigkeit digitaler Medien wird es zunehmend leichter, analoge und digitale Aktivitäten parallel auszuüben. Diese Entwicklung führt zu einer „polysynchronen Zeitkultur“ (Neverla, 2002), die sich in verschiedenen Alltagssituationen junger Menschen beobachten lässt: So kommuniziert Beatriz mit ihrer besten Freundin über FaceTime, während sie gleichzeitig ihr Zimmer aufräumt; Lucas schaut Videos, während er Sport treibt; Isabelle schaut sich beim Frühstück Serien an. Digitale und analoge Tätigkeiten verschmelzen zunehmend, wodurch sich auch die Wahrnehmung von Zeit verändert – sie wird fragmentierter.
Ein weiterer Aspekt dieser digitalen Zeitkultur ist Asynchronität, also das zeitlich versetzte Handeln. Das bedeutet, dass nicht alle Nachrichten sofort beantwortet werden; sie können bewusst verzögert werden. So berichtet die 20-jährige Amélie, dass sie Nachrichten auf Snapchat zwar sieht, aber nicht immer sofort darauf antwortet: „Heiansdo gesinn ech, d’Leit hu mir geschriwwen an ech äntwere net. Et ass express“8 (Amélie, 20 Jahre). In diesen Fällen erfolgt digitale Kommunikation nicht unmittelbar und Jugendliche entscheiden selbst, wann und wie sie auf Nachrichten reagieren.
Doch je nach Nutzungskontext kann die ständige digitale Erreichbarkeit auch als Belastung wahrgenommen werden. In den Interviews berichten Jugendliche davon, dass sie ihr Smartphone als ständigen Begleiter erleben, der das Gefühl erzeugt, immer verfügbar sein zu müssen. Push-Nachrichten und Gruppenchats fordern kontinuierlich Aufmerksamkeit. Carmen (24 Jahre) beschreibt, wie sie sich durch die Vielzahl an WhatsApp-Nachrichten überfordert fühlt – ein Beispiel dafür, wie digitale Kommunikation als Belastung empfunden werden kann: „Well, the problem is for example on WhatsApp, I receive too many notifications from my groups and everything that sometimes I am overwhelmed, and I just look at my phone and don‘t answer them”9 (Carmen, 24 Jahre).
Besonders herausfordernd scheinen Gruppenchats zu sein, etwa auf Snapchat oder WhatsApp. In den Interviews wurden sie beispielsweise im Kontext von Schulklassen, Universitätsgruppen, Familie oder Sportvereinen genannt. Hier entsteht nicht nur ein erhöhter Kommunikationsaufwand, sondern auch eine soziale Verpflichtung, „dranzubleiben“, auch wenn bestimmte Informationen, Diskussionen und Updates nicht für alle Teilnehmenden von gleicher Bedeutung sind. Isabelle (23 Jahre) schildert etwa, wie sie täglich Nachrichten in der Familiengruppe mitliest, obwohl sie sich durch ihren Auszug nicht mehr direkt angesprochen fühlt. Diese Form der digitalen Dauerpräsenz kann ein Gefühl sozialer Verpflichtung erzeugen, das in klassischen Kommunikationsformen kaum vorhanden war.
Zum Beispiel die Familiengruppe, da aber jeden Tag, kommt entweder: ‚Der Alarm ist an‘ […] So Blödsinn, wir haben eine Alarmanlage und dann schreiben meine Eltern oder mein Bruder immer in die Familiengruppe: ‚Ja, der Alarm ist an‘, ja schön, ich wohne aber nicht mehr zu Hause, was geht mich das an? Isabelle, 23 Jahre
Anders als bei Face-to-Face-Interaktionen, auf die man sich bewusst einlassen oder denen man aus dem Weg gehen kann, kennt die digitale Kommunikation keine Pause: Jede Interaktion zieht neue Kommunikation nach sich und verstärkt bei einigen das Gefühl von Dringlichkeit und davon, möglicherweise wichtige Events oder Nachrichten zu verpassen. Dieses als Fear of Missing Out (FOMO) bekannte Phänomen ist eng mit der digitalen Nutzung und der ständigen Verfügbarkeit von sozialen Medien durch Smartphones verbunden (Przybylski et al., 2013). Tom (15 Jahre) schildert eindrücklich, wie er morgens 96 Snaps beantworten muss, was zu einem „Kommunikationskreislauf“ führt. Dieses ständige Reagieren auf digitale Reize prägt nicht nur die Alltagsstruktur, sondern auch das emotionale Erleben von Zeit: Sie wird nicht als offen, sondern als bereits verplant empfunden:
Ech sti Moies op, do hat ech 96 Snaps ze beäntweren. […] All déi mol Moies opgemaach, an alt erëm de Round-Snap geschéckt, plus nach déi, un déi 96 Leit e Snap geschéckt. An da kriss du der jo och erëm zeréck. Dann hues du der erëm 96, an dann […]. Et ass esou e Roulement.10 Tom, 15 Jahre
Zugleich berichten junge Menschen von einem ausgeprägten Gefühl des Zeitverlusts. Plattformen wie Instagram, TikTok und Snapchat bieten durch ihre endlosen Feeds und kurzen Videos eine Struktur, die es leicht macht, stundenlang zu scrollen, ohne ein klares Ende zu erreichen. Die kontinuierliche Flut neuer Inhalte, die durch Algorithmen auf individuelle Interessen zugeschnitten sind, verstärkt dieses Phänomen. Ein zentrales Element dieses als Infinite Scroll bekannten Phänomens sind Reels – kurze, oft mit Musik, Effekten und Filtern unterlegte Videos. Diese Form des Medienkonsums kann einen starken Sog entwickeln, was sich in den Aussagen einiger Jugendlicher widerspiegelt: Für Alexander ist „TikTok [.] Echt der härteste Shit“ und Lucas berichtet, dass er viel Zeit auf Instagram verbringt, „mit diesen kleinen Minivideos, die mich total auch abfucken“. Algorithmen der Plattformen sind darauf ausgelegt, Nutzende möglichst lange zu fesseln (van Dijck et al., 2018), was einen Perspektivwechsel ermöglicht und relevant macht: Die Verantwortung für diesen Sog liegt dabei nicht allein bei den Jugendlichen, sondern auch bei der Architektur der Plattformen selbst. Trotz dieser kritischen Einschätzung fällt es vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen schwer, sich von sozialen Medien zu lösen und sich der starken Anziehungskraft der digitalen Inhalte zu entziehen. Sie berichten von dem Wunsch, ihre Zeit besser im Blick zu behalten, fühlen sich aber gleichzeitig vom Sog der Plattformen überwältigt. Einige berichten von einem Zwiespalt zwischen „sinnloser“ und „produktiver“ Nutzung. Zeit wird als limitierte Ressource betrachtet, die möglichst gewinnbringend genutzt werden sollte, sei es für Arbeit, Bildung oder persönliche Projekte. In diesem Zusammenhang erscheint die Vorstellung einer „Zeitknappheitsgesellschaft“ (Schöneck, 2009) besonders treffend: Während ständig neue Möglichkeiten zur Verfügung stehen und das eigentlich Realisierbare übertreffen, wächst auch der Druck, diese sinnvoll zu nutzen. Das hat zur Konsequenz, dass einige Jugendliche ihre Zeit neu bewerten: Zeit wird tendenziell als knapp und wertvoll empfunden. Auf die Frage, wie ein Leben ohne oder mit weniger digitalen Aktivitäten aussehen könnte, antwortet Isabelle: „Zeitlich, ich denke, die Tage würden sich schon mal länger anfühlen. Die Tage würden nicht so schnell vorbeigehen“ (Isabelle, 23 Jahre).
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„Manchmal sehe ich, dass mir Leute geschrieben haben, und ich antworte nicht. Das ist mit Absicht.“
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„Also, das Problem ist zum Beispiel bei WhatsApp: Ich bekomme so viele Benachrichtigungen von meinen Gruppen und allem, dass ich manchmal überfordert bin und einfach nur aufs Handy schaue, aber nicht antworte.“
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„Ich stehe morgens auf und hatte 96 Snaps zu beantworten. […] Ich habe sie morgens alle geöffnet und direkt wieder den Rund-Snap verschickt, plus zusätzlich noch Snaps an die 96 Leute geschickt. Und dann bekommst du ja auch wieder welche zurück. Dann hast du wieder 96 […] es ist wie ein Kreislauf.“