6.3.2 Formen der Selbstregulation

Zeithandeln bezeichnet die „Bewältigung spezifischer Anforderungen, die sich aus der Verwendung von (Alltags-)Zeit ergeben“ (Plattner, 1990, S. 52), im Kontext digitaler Medien. Ein Blick auf die Kurzfragebögen, die die jungen Menschen im Rahmen der Forschungsstudie ausgefüllt haben, offenbart ein interessantes und vielleicht unerwartetes Bild: „Regeln“ sind nicht nur ein Thema bei den Jüngeren, die noch bei ihren Eltern wohnen und deren digitale Aushandlungsprozesse oft ein fester Bestandteil des Familienalltags sind (siehe Kapitel 9). Auch einige junge Erwachsene, die bereits volljährig sind und aus ihrem Elternhaus ausgezogen sind, geben an, dass es bei ihnen Regeln im Umgang mit digitalen Medien gibt. Dieses Ergebnis zeigt, dass Regeln nicht ausschließlich von außenstehenden Personen wie Eltern oder Lehrkräften vorgegeben werden, sondern dass auch junge Menschen selbst Regeln im Sinne von Formen der Selbstregulation entwickeln, vor allem – wie sich im Folgenden zeigen wird – um Kontrolle über die eigene Zeit (zurück) zu gewinnen.11

Eine erste Strategie besteht in einem bewussteren Umgang mit Bildschirmzeit. Dazu zählt etwa die Nutzung von Apps wie Digital Wellbeing oder integrierten Funktionen zur Bild­schirmzeitmessung, die es ermöglichen, die eigene Mediennutzung zu tracken und zu dokumentieren. Nutzende können sich damit konkrete Ziele setzen – etwa, wie viel Zeit sie täglich oder wöchentlich am Bildschirm verbringen möchten – und regelmäßige Pausen einplanen. Ergänzend werden Konzentrations-Apps genutzt, die dabei helfen, den Fokus zu halten und digitale Ablenkungen zu reduzieren.

Zweitens spielt die Hierarchisierung der digitalen Kommunikation eine wichtige Rolle: Dringende Nachrichten werden sofort beantwortet, während weniger wichtige Inhalte zurückgestellt werden. Die 20-jährige Beatriz beschreibt dies wie folgt: „Es gibt so eine kleine Regel bei mir, normal chatten, das ist kein Notfall […] das ist ja diese alltägliche […] es ist nicht so dringend und tatsächlich Snapchat ist gar nicht wichtig, Snapchat ist so zum Spaß“ (Beatriz, 20 Jahre).

Eine dritte Umgangsform betrifft die Deaktivierung von Push-Benachrichtigungen, um Ablenkungen zu reduzieren und sich besser auf priorisierte Aufgaben konzentrieren zu können. Die 24-jährige Carmen erklärt:

I will check it every […] Well, I don’t even have the notifications like I deactivated the push app notifications, because I don’t want to be like […] To have these notifications popping up every time. […] And also, I don’t have notifications on Twitter, I only have notifications on Telegram and WhatsApp.12 Carmen, 24 Jahre

Eine vierte Form der Selbstregulation: die Entwicklung einer bewussten Abendroutine ohne digitale Medien. Wissenschaftliche Studien belegen, dass die Nutzung elektronischer Geräte vor dem Schlafengehen den Schlaf negativ beeinflussen kann (MacKenzie et al., 2022). Besonders die sogenannte „Revenge Bedtime Procrastination“, bei der Jugendliche ihren Schlaf bewusst aufschieben, um Zeit für sich selbst zu gewinnen, ist ein häufig beobachtetes Phänomen, welches es zwar bereits vor dem digitalen Zeitalter gab; es wird jedoch durch die vielen digitalen Möglichkeiten akzentuiert. Carmen (24 Jahre) hat zum Beispiel Routinen entwickelt, um den Übergang in den Schlaf zu fördern, indem sie digitale Medien in dieser Zeit minimiert: „So, I spend like five hours per day, I don’t spend more because it is like if […] before going to bed I am trying to not use my phone either, I read my book and I go to sleep and then the day starts again, so I don’t really have time”13 (Carmen, 24 Jahre).

Fünftens wird durch alternative Aktivitäten ein bewusster Ausgleich zur intensiven Bildschirmzeit geschaffen. Aarav berichtet aus eigener Erfahrung, dass sportliche Betätigung automatisch zu einer Reduzierung der Zeit vor dem Bildschirm führt:

The idea to minimise these things [wasting more time] is to either go more outside for a walk or a jog. Maybe I go enroll myself, I mean I used to play badminton, so I’m planning to enroll in a badminton centre […] it automatically, let’s say […] cuts […] my time-wasting in the internet.14 Aarav, 28 Jahre

Wie viele andere Jugendliche erzählt er, dass die COVID-19-Pandemie seine Alltagsroutine jedoch stark verändert habe: Sportaktivitäten wie Badminton seien weggefallen, ebenso das Ausgehen mit Freunden. Das habe dazu geführt, dass er weniger aktiv war und mehr Zeit online verbrachte. Die Wiederaufnahme sportlicher Aktivitäten ist für ihn ein klar definiertes, jedoch noch nicht umgesetztes Ziel, vor allem, weil er bemerkt, dass er in alte Muster zurückfällt – da er wie in jüngeren Jahren über zwölf Stunden täglich am Computer verbringt und mit Freunden spielt.

Eine sechste Umgangsform besteht darin, soziale Medien bewusst zu meiden. Während die bisherigen Strategien darauf abzielten, das eigene Nutzungsverhalten zu regulieren, gibt es auch Jugendliche und junge Erwachsene, die sich vorübergehend oder dauerhaft von bestimmten Plattformen wie Instagram oder TikTok abmelden. Diese Form des Social Media Detox soll helfen, die Bildschirmzeit zu reduzieren und sich von negativen Einflüssen digitaler Inhalte zu distanzieren. Die 29-jährige Anastasia beschreibt ihre Entscheidung so: „I don’t like social media. […] For myself, I do think stuff like Facebook and Instagram are really dangerous. For me it was a conscious choice to delete Facebook at some point and to not have Instagram or TikTok or Snapchat15 (Anastasia, 29 Jahre).

Insgesamt zeigt sich, dass das Aufstellen und die Einhaltung eigener Regeln im Umgang mit digitalen Medien ein hohes Maß an Reflexion und Selbstdisziplin erfordert. Dabei fällt auf, dass gerade die jüngeren Jugendlichen aus der Stichprobe die digitale Nutzung als erstrebenswert empfinden, während Fragen der Disziplin eher im familiären Umfeld thematisiert werden. Die Erkenntnis, das eigene Verhalten ändern zu wollen, und die Entwicklung einer intrinsischen Motivation, das auch durchzusetzen, setzt in der Stichprobe erst im späteren Jugendalter – mit etwa 18 bis 20 Jahren – ein. Auch bei älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen wird jedoch deutlich, wie herausfordernd dieser Prozess ist: Die Schwierigkeiten, eigene Regeln konsequent einzuhalten, sowie die bewusste Suche nach analogen Ausgleichsaktivitäten lassen den Eindruck zu, dass der Wunsch nach Veränderung schwer umzusetzen ist.


  • 11

    Die selbst entwickelten Bewältigungsformen bilden eine bestimmte Perspektive von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ab, die im Rahmen der Interviews befragt werden konnten und die für sich auch Probleme sehen und dafür Umgangsformen entwickeln. Diese Sichtweise bringt zwei Einschränkungen mit sich: Erstens gibt es auch diejenigen Jugendlichen, die nicht willens sind, mit Erwachsenen zu kommunizieren und von ihrem digitalen Alltag zu berichten – sie sind dementsprechend nicht Teil der Stichprobe. Zweitens gibt es Jugendliche, die Probleme in ihrer digitalen Mediennutzung aufweisen und teilweise professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Zwei Jugendliche sind über das Zenter fir exzessiivt Verhalen a Verhalenssucht (ZEV) auf die Étude qualitative sur la jeunesse aufmerksam geworden. Sie nehmen psychologische Betreuung in Anspruch, in erster Linie aufgrund hoher Bildschirmzeiten, die von ihren Eltern als exzessiv beschrieben werden.

  • 12

    „Ich schaue da ab und zu rein. […] Naja, ich habe nicht mal Benachrichtigungen, ich habe die Push-Benachrichtigungen der Apps deaktiviert, weil ich nicht möchte, dass […] diese Benachrichtigungen jedes Mal aufploppen. […] Und außerdem habe ich keine Benachrichtigungen auf Twitter, nur auf Telegram und WhatsApp.“

  • 13

    „Also, ich verbringe ungefähr fünf Stunden pro Tag [am Handy], ich verbringe nicht mehr Zeit, weil es so ist, dass ich […] bevor ich ins Bett gehe, versuche ich auch, mein Handy nicht zu benutzen. Ich lese dann ein Buch und gehe schlafen, und dann beginnt der Tag wieder von vorne, also habe ich eigentlich gar nicht wirklich Zeit.“

  • 14

    „Die Idee, um diese Dinge [Zeitverschwendung] zu minimieren, ist, mehr rauszugehen, zum Beispiel spazieren oder joggen. Vielleicht melde ich mich irgendwo an, ich habe früher Badminton gespielt, also plane ich, mich in einem Badminton-Zentrum anzumelden […] das reduziert automatisch, sagen wir mal […] meinen Zeitverlust im Internet.“

  • 15

    „Ich mag soziale Medien nicht. […] Für mich sind Dinge wie Facebook und Instagram wirklich gefährlich. Es war eine bewusste Entscheidung, Facebook irgendwann zu löschen und kein Instagram, TikTok oder Snapchat zu haben.“