6.3.3 Einordnung der Ergebnisse

In 6.3 wurde einleitend dargestellt, dass das Thema Bildschirmzeit in Luxemburg intensiv diskutiert wird. Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass einige junge Menschen durchaus ein Problembewusstsein entwickeln und sich selbst mit dieser Thematik aktiv, selbstbestimmt und kritisch auseinandersetzen. Dies deckt sich mit den Ergebnissen von BEE SECURE (2025, S. 17), wonach ein Großteil der Jugendlichen ihre Smartphone-Nutzung als „zu häufig“ einstufen – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Ähnliche Ergebnisse liefert auch die BIK+-Studie, in der Jugendliche von Herausforderungen wie dem Verlust des Zeitgefühls berichten (Verdoodt et al., 2025). In der JIM-Studie geben zwei Drittel der Jugendlichen an, dass sie oft mehr Zeit am Handy verbringen, als ursprünglich geplant (Feierabend et al., 2024).

Eine wichtige Entwicklung in den letzten Jahren ist, dass digitale Medien – insbesondere mobile Geräte wie das Smartphone – allgegenwärtig geworden sind (Hepp et al., 2018, S. 21). Es ist möglich geworden, „always on“ (Chen, 2012), also immer online und jederzeit verfügbar zu sein. Soziale Prozesse können auf diese Weise als beschleunigt wahrgenommen werden (Rosa, 2013), zum einen, weil vieles schlichtweg schneller zu erledigen ist und mehr Prozesse parallel zueinander verlaufen; zum anderen, weil mit der Omnipräsenz digitaler Medien vielfach die Erwartungshaltung einhergeht, erreichbar zu sein und auf Nachrichten zeitnah reagieren zu können.

In den Interviews der Jugendstudie spiegelt sich diese Entwicklung deutlich wider. Junge Menschen weisen darauf hin, dass Kommunikation mit verschiedenen Personen oder Gruppen zunehmend parallel verläuft; gleichzeitig greifen verschiedene Lebenswelten kontinuierlich ineinander: Familie, Schule, Freunde und Freizeit – all diese Interaktionskontexte werden über das Smartphone gebündelt und sind quasi jederzeit abrufbar. Diese Fülle an Information und Kommunikation führt zu einer zeitlichen Dichte (Wajcman, 2015), die von jungen Menschen bewältigt werden muss. Hinzu kommt, dass Macht in der postmodernen Gesellschaft zentral auf „Verführung“ beruht, und nicht auf Zwang oder Gewalt (Bauman, 1995). Übertragen auf den digitalen Kontext ist diese Metapher der Verführung zutreffend, denn digitale Angebote operieren über die gezielte Aktivierung von Aufmerksamkeit, Neugierde und sozialem Anschlussbedürfnis und entfalten gerade dadurch ihre Wirksamkeit. Entsprechend zeigt sich auch in den Jugendinterviews, dass Zeit- und Kontrollverlust als substanzielle Belastung empfunden wird. Das Digitale wird als etwas Machtvolles beschrieben, das vielfältige Möglichkeiten des Zeitvertreibs bietet, jedoch – oder vielleicht gerade deshalb – überwältigend wirken kann.

Eine wichtige Konsequenz hieraus ist, dass Zeit vielfach als kostbares Gut genannt wird und medienfreie Zeit als etwas Erstrebenswertes. Diejenigen, die Praktiken der Selbstregulation entwickeln, berichten jedoch von ihren Schwierigkeiten, diese auch umzusetzen und über einen längeren Zeitraum durchzuhalten. Diese Resultate deuten auf einen komplexen Balance-Akt hin, denn das Abschalten des Smartphones bedeutet in vielen Fällen auch den (temporären) Ausschluss aus sozialen Gruppen, das Verpassen von Themen, die im Freundeskreis diskutiert werden, sowie den Wegfall alltäglicher Gewohnheiten (Brown & Kuss, 2020).

Dabei offenbaren sich in den Interviews altersspezifische Unterschiede: Vor allem jüngere Jugendliche sehen Bildschirmzeit als erstrebenswert an, weniger im Hinblick auf soziale Medien, als vielmehr im Kontext des Spielens von Videospielen mit Gleichaltrigen (siehe Kapitel 8). Regeln zur Bildschirmzeitnutzung sind darüber hinaus Teil von Aushandlungsprozessen in den Familien (siehe Kapitel 9). Dagegen werden in Interviews mit jungen Erwachsenen auch Strategien zur Begrenzung der Bildschirmzeit thematisiert. Im Übergang zu Ausbildung, Studium oder Beruf gewinnen Fragen der Zeitstrukturierung und der Abwägung der eigenen Zeit an Bedeutung. Dabei spielt die Reflexion eigener biografischer Erfahrungen eine Rolle, wie etwa das Gefühl, in der Vergangenheit „zu viel Zeit online“ verbracht oder analoge Aktivitäten vernachlässigt zu haben. Selbstregulation erscheint hier nicht als spontane Verhaltensänderung, sondern als Ergebnis eines bewussten Lern- und Reifungsprozesses.

In diesem Kontext zeigt sich auch, dass es mangelnde und widersprüchliche Orientierungspunkte in einer digitalen Gesellschaft gibt. Während digitale Medien zunehmend in gesellschaftliche Routinen integriert sind, zum Beispiel in Ausbildung, Beruf oder Freizeit, suchen junge Menschen aktiv nach Referenzen und Ansprechpartnern. Einerseits nehmen sie eine gesellschaftliche Erwartung wahr, weniger Zeit am Handy zu verbringen; andererseits verlagern sich immer mehr Prozesse ins Digitale, was eine aktive Teilhabe erfordert, um beispielsweise in der Schule mithalten zu können (z. B. Nutzung von iPads; Hausaufgaben, die die Nutzung von Internet und/oder KI voraussetzen), nicht aus Organisationsgruppen und Communitys ausgeschlossen zu werden (z. B. Gruppenchats bei den Pfadfindern und im Klassenverband) und informiert zu bleiben.