6.4.2 Die Neuordnung von räumlicher Nähe und sozialer Distanz

Noch bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein wurden Nähe, Intimität und Gemeinsamkeit fast ausschließlich durch persönliche Treffen hergestellt, bei denen Personen sich physisch und körperlich nahe waren, oder, wie in Fernbeziehungen, über Briefsendungen (Teichert, 2023), insbesondere Liebesbriefe (Simmel, 1908). Im digitalen Zeitalter hingegen kann soziale Nähe ortsunabhängig hergestellt werden. In den Interviews berichten junge Menschen davon, sich Interessen-Communitys anzuschließen, Partnerschaften per Video-Call über größere Distanzen hinweg zu pflegen und neue Freunde zu finden, mit denen sie teilweise viele Stunden am Tag kommunizieren. Ersetzt die digitale Kommunikation also den Kontakt mit Personen außerhalb des Netzes?

In den qualitativen Jugendbefragungen ergibt sich ein differenzierteres Bild: Digital vermittelte Kommunikation wird von jungen Menschen als wichtig, aber auch als anders und unzureichend beschrieben. Der 23-jährigen Isabelle würde es zum Beispiel fehlen, den Gesichtsausdruck ihrer Freundin kurz vor dem Lachen zu sehen. Sie fordert für eine Freundschaft Momente der ungeteilten Aufmerksamkeit ein („Man konzentriert sich wirklich nur auf die Person, die vor einem ist.“) – und diese geht in digitaler Kommunikation abhanden. Die 27-jährige Mariana unterstreicht die Bedeutung der Körpersprache und Stimmung des Gegenübers, im Gegensatz zu einem rein sprachlichen Austausch über Online-Kommunikation: „You’re more invested in a conversation, when you’re in a physical presence with a friend, rather than online, […] if you see your friends in a physical manner, you see the expressions, you see the shifting of the mood”21 (Mariana, 27 Jahre).

Diese Beispiele zeigen, dass Übertragungsmedien zwar vielfältige Möglichkeiten mit sich bringen, sie jedoch auch mit zentralen technischen Einschränkungen verbunden sind, wie zum Beispiel der Einschränkung des Sichtfeldes in Videokonferenzen oder am Telefon und dem Wegfall von Sicht und Stimme in Chatverläufen (Androutsopoulos, 2024, S. 73). Weitere Kommunikationsebenen, die von den Jugendlichen und jungen Erwachsenen selbst zum Ausdruck gebracht werden und die mit technischen Einschränkungen einhergehen, sind zum Beispiel die ungeteilte Aufmerksamkeit, die Stimmung im Raum und die Möglichkeit der Berührung. Diese Einschränkungen führen zu einem Verlust von symbolischen Mitteln (Hepp, 2010, S. 11); denn in persönlichen Face-to-Face-Gesprächen werden Informationen nicht nur durch Worte, sondern ebenso durch ein breites Repertoire nonverbaler Hinweise kommuniziert, darunter Gesichtsausdrücke, Augenbewegungen, Körperhaltung, Umarmungen und Berührungen. Sie vermitteln subtile Emotionen und Bedeutungen, die individuell wahrgenommen und interpretiert werden und die entscheidend sind für das Verständnis und die Dynamik zwischen den Gesprächspartnern (Goffman, 1963). In digitalen Unterhaltungen fehlen diese subtilen Hinweise teilweise.

Obwohl digitale Kanäle alltäglich genutzt und in soziale Routinen integriert sind, zeigen die Interviews ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür, dass digitale Kommunikation analoge Begegnungen nicht substituieren kann. Die Bedeutung physischer Präsenz mit all ihren nonverbalen Nuancen bleibt zentral. Sophie bringt es so auf den Punkt: „Ech kéint mir virstellen dass ech mech gutt mat Leit verstinn online, an dass mir esou schreiwen. Mee ech fannen trotzdeem esou dëse Kontakt esou perséinlech, ass mega wichteg fir mech och“22 (Sophie, 14 Jahre).


  • 21

    „Man ist stärker in ein Gespräch involviert, wenn man sich physisch mit einem Freund trifft, anstatt nur online, […] wenn man seine Freunde persönlich sieht, nimmt man ihre Gesichtsausdrücke wahr und bemerkt Stimmungswechsel.“

  • 22

    „Ich könnte mir vorstellen, dass ich mich gut mit Leuten online verstehe und dass wir so schreiben. Aber ich finde trotzdem, dass dieser persönliche Kontakt sehr wichtig für mich ist.“