6.4.3 Die gestärkte Rolle der Peers im digitalen Zeitalter

Gleichaltrige spielen im Kontext von Digitalität eine wichtige Rolle, sowohl als Ressource und Orientierungsstütze bei Fragen und Herausforderungen als auch als prägende Normensetzer, an denen junge Menschen ihr eigenes digitales Medienverhalten ausrichten.

Die im Rahmen dieser Studie befragten jungen Menschen (12 bis 29 Jahre) gehören zu einer Generation, die besonders früh und intensiv digital sozialisiert wurde. Digitale Technologien und Medien sind feste Bestandteile ihres Alltags, wodurch ihnen gesellschaftlich die Rolle als digitale Experten zugesprochen werden kann. In den Interviews und interviewbegleitenden Kurzfragebögen wird deutlich, dass diese Rolle von einigen selbstbewusst in Anspruch genommen wird: Sie geben an, bei digitalen Fragen die ersten Ansprechpartner zu sein; einige schätzen ihre Kompetenzen höher ein als die ihrer Eltern. Die elterliche und (bildungs-)institutionelle Rolle als Orientierungshilfe tritt folglich in den Hintergrund. Ein Beispiel dafür ist die 14-jährige Sophie, die sich bei technischen Fragen am ehesten an ihren 16-jährigen Bruder wendet. Ähnlich verhält es sich bei Carmen. Die 24-Jährige gibt ebenfalls an, dass ihr Bruder, ein Webentwickler, ihre erste Anlaufstelle für technische Fragen ist, während sie sich bei Gesprächsbedarf zu sozialen Medien an ihre beste Freundin wendet: „Because my brother works as web developer and he knows about social media and everything, so every time I have a concern I would tell him, indeed, like, yeah. And it is more […] If it is more a personal problem related to social media, I would tell my best friend of course”23 (Carmen, 24 Jahre).

Während Gleichaltrige im digitalen Bereich zu einer wichtigen Anlaufstelle für Unterstützung und Austausch werden, avancieren sie gleichzeitig zu prägenden Normensetzern. In den Jugendbefragungen zeigt sich, dass Plattformen wie Snapchat, Instagram oder WhatsApp mehr sind als bloße Kommunikationsmittel: Sie strukturieren soziale Beziehungen und setzen implizite Regeln, wer mitreden kann und wer außen vor bleibt. Ist eine Plattform im Freundes- oder Kollegenkreis etabliert, wird ihre Nutzung schnell zur Selbstverständlichkeit. Wer nicht mitmacht, riskiert den Ausschluss von Gesprächen und Gruppenaktivitäten. Dies zeigt sich etwa in Klassen- und Vereinsgruppen auf WhatsApp oder Diskussionen über Videospiele auf Discord. Der 21-jährige Lucas beschreibt beispielsweise, dass Discord in seinem Freundeskreis als „Hype“ gesehen wurde; wer mitreden wollte, musste dabei sein. Ähnlich schildert die 22-jährige Emma, dass sie Snapchat aus dem Wunsch heraus installiert hat, dazuzugehören, weil sie sich zuvor oft als Außenseiterin gefühlt hatte. Auch der 15-jährige Tom erklärt, dass er sich mit Fortnite beschäftigte, weil in seiner Klasse kaum noch über etwas anderes gesprochen wurde. Kevin, ein 25-Jähriger, erzählt, dass er Instagram eigentlich nicht mehr nutzen wollte, die App jedoch wieder installierte, weil er das Gefühl hatte, nicht mehr Teil seiner Online-Community zu sein. Dies verdeutlicht, wie tief die Nutzung digitaler Medien mit sozialer Zugehörigkeit verknüpft ist.

Die Wirkung sozialer Normen zeigt sich nicht nur in der Nutzung digitaler Plattformen, sondern auch in der Art und Weise, wie Jugendliche ihr eigenes Medienverhalten reflektieren und gegenüber anderen begründen. In der Étude qualitative sur la jeunesse zeigt sich, dass Jugendliche, die sich von der üblichen Praxis ihrer Peers unterscheiden, das Bedürfnis äußern, diese Unterschiede zu erklären – selbst wenn sie nicht danach gefragt werden. Ein Beispiel dafür ist Isabelle, die während der Pandemie im Gegensatz zu ihren Freundinnen kein TikTok nutzte. Obwohl ihr Verhalten im Interview nicht zur Sprache kommt, fühlt sie sich dennoch verpflichtet, es zu rechtfertigen. Sie erklärt ihre Entscheidung pragmatisch: In ihren Pausen sei sie lieber mit ihrem Hund spazieren gegangen, wofür sie beide Hände brauchte. Ihre Aussage zeigt, dass sie sich bewusst ist, dass sie eine Ausnahme darstellt – ein Eindruck, der sich auch bei Clara wiederfindet. Die 19-Jährige äußert sich zu ihrer Nicht-Nutzung von Facebook mit der Bemerkung, sie sei „nicht ganz repräsentativ“. Diese Formulierung verdeutlicht, dass sie sich von der sozialen Norm abweichend empfindet und ihr eigenes Verhalten vor dem Hintergrund des Gruppenkontexts einordnet. Solche Rechtfertigungen machen deutlich, dass digitale Mediennutzung kein rein individuelles, sondern ein soziales Phänomen ist: Die Nutzung einer Plattform hängt nicht nur von individuellen Präferenzen und Interessen ab, sondern ganz zentral vom sozialen Umfeld.


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    „Weil mein Bruder als Webentwickler arbeitet und sich mit sozialen Medien und allem auskennt, erzähle ich ihm jedes Mal, wenn ich ein Anliegen habe, wirklich, ja. Und wenn es eher ein persönliches Problem im Zusammenhang mit sozialen Medien ist, dann würde ich es natürlich meiner besten Freundin erzählen.“