Digitale Geräte sind heutzutage ein selbstverständlicher und allgegenwärtiger Bestandteil des Alltags junger Menschen. Ob in der Freizeit, Schule oder Familie: Alltagsroutinen und Lebenswelten sind digital durchdrungen (Hepp, 2020; Hoffmann et al., 2017). In einer Gesellschaft, die sich als „post-digital“ verstehen lässt – also einer Gesellschaft, in der das Digitale nicht mehr als Neuheit, sondern als Normalität und Hintergrundbedingung gedacht wird (Cramer, 2014; Jandrić, 2025) – stellt sich daher umso dringlicher die Frage, was diese Entwicklung für das Aufwachsen junger Menschen eigentlich bedeutet: Welche Bedeutung haben digitale Geräte für sie und welche Funktionen erfüllen sie in ihrem Alltag? Wie sind analoge und digitale Welten miteinander verknüpft?
Während Kapitel 5 auf der Grundlage quantitativer Daten zentrale Muster im digitalen Alltag junger Menschen beleuchtet, bietet das vorliegende Kapitel 6 eine komplementäre und vertiefende Perspektive auf Themen, die sich im Rahmen der Étude qualitative sur la jeunesse (EQJ) (Interviews und digitale Tagebücher) als besonders relevant erwiesen haben. Hierzu zählt zunächst das Thema Zeit: Gleichzeitigkeit, Asynchronität, Beschleunigung, Dringlichkeit, intensive Bildschirmzeiten – all diese Erscheinungsformen deuten darauf hin, dass sich die „Zeit des Individuums“ (Schöneck, 2009, S. 55) – hier: die Zeit junger Menschen – verändert. Doch wie genau nehmen Jugendliche und junge Erwachsene ihre Zeit wahr? Wie gehen sie mit der Macht der „Verführung“ (Bauman, 1995) um, die vom digitalen Medienkonsum ausgeht?
Diese Fragen zur Zeitwahrnehmung lassen sich nicht losgelöst von sozialen Beziehungen betrachten: Die Kommunikation mit Familie, Freunden, Kollegen und Partnern, aber auch mit fremden Personen, findet vermehrt online statt und wird durch digitale Medien vermittelt (Handyside & Ringrose, 2017). Besonders deutlich zeigt sich dies bei Freundschaftsbeziehungen, die sich zunehmend in den digitalen Raum verlagern (Décieux et al., 2019; Schobin, 2016; Teichert, 2023), wie auch bei „Online-Freundschaften“, die lediglich im digitalen Raum existieren (Amichai-Hamburger et al., 2013; Kneidinger, 2010). Auch bei anderen Formen sozialer Beziehungen, wie bei Dating-Praktiken unter jungen Menschen (Hepp, 2022, S. 477) sowie dem Kontakt mit entfernt lebenden Familienangehörigen (Wilding et al., 2020), zeigt sich, dass der Alltag junger Menschen sowohl in Online- als auch in Offline-Räumen stattfindet.