Der weitreichende Zugang und die vielfältigen Nutzungsmuster verdeutlichen, dass digitale Medien mehr sind als externe Ergänzungen zum „analogen Leben“: Sie sind tief in alltäglichen Routinen verankert, wodurch ein kontinuierlicher, oft unbewusster Wechsel zwischen digitalen und analogen Welten entsteht. Das zeigt ein Blick auf die Morgen- und Abendroutinen junger Menschen. Ein zentrales Muster aus den Interviews ist, dass der erste Blick am Morgen oft aufs Handy geht – das Aufwachen mit sozialen Medien. Ein Beispiel dafür ist Max, 18 Jahre: „Also, ich stehe auf […] dann gucke ich nur für ein paar Minuten ein bisschen so Twitter oder TikTok, einfach so schnell, um mich ein bisschen so aufzuwecken“ (Max, 18 Jahre). Hier zeigt sich der Übergang in den Tag: sich informieren, was über Nacht geschehen ist, aber auch, was sich im Freundeskreis getan hat, ob es neue Nachrichten gibt – und nichts Wichtiges verpasst wurde. Ein anderes Beispiel ist Tom (15 Jahre). Er beginnt seinen Tag damit, direkt nach dem Aufwachen einen Rund-Snap an seine Freunde zu schicken, damit seine „Flammen“ auf Snapchat weiter bestehen – eine Funktion, bei der durch den täglichen Austausch von Bildern oder Videos mit bestimmten Personen eine fortlaufende Serie („Streaks“) entsteht. Wird dies innerhalb von 24 Stunden nicht getan, können Flammen ablaufen. Wer das nicht möchte, muss also täglich aktiv werden. Exemplarisch wird hier deutlich, wie die digitale Pflege sozialer Kontakte zu einer alltäglichen Pflicht werden kann, die bei einigen in die erste Handlung des Tages eingebettet ist. Auch die 23-jährige Isabelle integriert digitale Medien fest in ihren Morgenablauf, indem sie während des Frühstücks eine Serie auf YouTube schaut. Hier erfüllt digitale Mediennutzung nicht nur eine unterhaltende, sondern auch eine strukturierende Funktion im Alltag alleinlebender junger Erwachsener. Ähnlich kann sich auch die Abendroutine gestalten. So beschreibt Julien beispielsweise: „Jo, also YouTube an Netflix, dat ass fir meng Owes-Routine, fir schlofen ze goen, do muss ech ëmmer eppes hunn, wou ech kucke kann“4 (Julien, 21 Jahre).
Insgesamt zeigt sich die Tendenz, dass digitale Mediennutzung insbesondere in den Abendstunden ansteigt. Der 23-jährige Gabriel nutzt in seinem digitalen Tagebuch die Metapher der „Explosion“, um die von ihm wahrgenommene Zunahme der digitalen Aktivität in den Abendstunden zu beschreiben: „Am Abend zu Hause explodiert der Handykonsum (Netflix, Musik, telefonieren, spielen)“ (Gabriel, 23 Jahre). Dieser Anstieg der Nutzung kann als Versuch verstanden werden, sich von den Anforderungen des Alltags zu distanzieren und den Tag abzuschließen. Besonders nach einem anstrengenden Tag dient die digitale Welt für einige als Rückzugsort: „Nach der Arbeit und den Verpflichtungen des Alltags tauche ich in die virtuelle Welt ein“ (Liam, 18 Jahre). Für andere bietet sie die Möglichkeit, gemeinsame Zeit mit Freunden zu verbringen. So beschreibt Mariana das gemeinsame Gaming als soziales Ritual, das analoge Aktivitäten ersetzt: „I think playing games online is the equivalent […] of going to a dinner, or having coffee, with real life, and physical friends“5 (Mariana, 27 Jahre).
Neben den Morgen- und Abendroutinen prägt der ständige Wechsel zwischen digitalen und analogen Welten auch die Zwischenzeiten des Tages – sei es auf dem Weg zur Schule oder Arbeit, während Pausen, im Wartezimmer oder bei Freizeitaktivitäten. Das zeigt sich am Beispiel von Elias. Der 13-jährige Schüler verbringt neben seinen Busfahrten auch die kleinen und großen Unterrichtspausen mit dem Spiel Brawl Stars. Kurze Zeitfenster werden häufig gezielt mit digitalen Inhalten gefüllt, was die Bedeutung einer eher „beiläufigen digitalen Mediennutzung“ (Boczkowski et al., 2018) unterstreicht.
Auch während des Wochenverlaufs variiert die digitale Mediennutzung. Am Wochenende nimmt sie bei jungen Menschen in Luxemburg deutlich zu, vor allem bei den sozialen Medien (Borsenberger & Lorentz, 2024, S. 28). Internationale Studien belegen diese Tendenz (Europäische Kommission, 2021, S. 20). Auch in der Étude qualitative sur la jeunesse zeigt sich: Die Unterscheidung zwischen einer digitalen Zeit „unter der Woche“ und „am Wochenende“ wird von den Befragten als bedeutsam hervorgehoben. In den Interviews nehmen junge Menschen selbst diese Differenzierung vor und fertigen in ihren digitalen Tagebüchern separate Einträge an – einen für einen typischen Wochentag und einen für das Wochenende. Die Auswertung bestätigt, dass Wochenenden und Ferienzeiten häufig mit einer intensiveren Nutzung digitaler Medien einhergehen. So beschreibt Lucas, 21 Jahre, in seinem digitalen Tagebuch, wie er an einem Wochenende „etwas undisziplinierter [war und] ziemlich viel Netflix geschaut“ hat. Er erklärt, dass er eine Serie gefunden hatte, die ihn so fesselte, dass er sie im typischen Binge-Watching-Stil am Stück weiterschauen musste – ein Phänomen, bei dem mehrere Episoden einer Serie in einem einzigen, langen Zeitraum konsumiert werden, was zu einer intensiven, durchgehenden Mediennutzung führt. Während er sich im Alltag klare Grenzen für seine Online-Zeiten setzt, reflektiert er in seinem Tagebuch, dass das Wochenende für ihn auch eine Gelegenheit sei, sich bewusst von diesen Routinen zu lösen und sich ohne schlechtes Gewissen dem Medienkonsum hinzugeben. Am Beispiel des Binge-Watching zeigt sich exemplarisch, wie traditionelle Zeitstrukturen herausgefordert werden, die in der Vergangenheit durch wöchentliche Sendetermine und das gemeinsame Diskutieren von Folgen geprägt waren. Serien aus der Mediathek am Stück anschauen zu können, eröffnet neue Möglichkeiten, bringt jedoch auch neue Erwartungen mit sich, wenn es darum geht, in sozialen Gruppen, zum Beispiel unter Freunden, über bestimmte Inhalte mitdiskutieren zu können.
Es gibt jedoch auch junge Menschen, die Wochenenden und Ferienzeiten nutzen, um bewusst ihre Bildschirmzeit zu reduzieren und analogen Aktivitäten den Vorzug zu geben. So beschreibt der 21-jährige Julien das Wochenende als eine privilegierte Zeit für Familienaktivitäten. Er nutzt diese Zeit, um sein Smartphone beiseitezulegen und sich ganz auf seine Familie zu konzentrieren: „Dat heescht mäi Weekend ass éischter méi Familljesaach kann en sou soen a wärend der Woch dann éischter méi jo, fir mech“6 (Julien, 21 Jahre). Auch Carmen, 24 Jahre, verbringt das Wochenende bevorzugt mit Freunden in der Natur, um gemeinsam spazieren zu gehen und Abstand von digitalen Geräten zu gewinnen. Diese Beispiele ermöglichen eine differenziertere Betrachtung der Verteilung von Bildschirmzeit: Wochenenden und Ferienzeiten scheinen in erster Linie als Ausgleich zur regulären Woche genutzt zu werden.
- 4
„Ja, also YouTube und Netflix, das gehört zu meiner Abendroutine. Zum Einschlafen brauche ich immer etwas, das ich schauen kann.“
- 5
„Ich denke, Online-Spiele zu spielen ist das Äquivalent […] dazu, mit echten, physischen Freunden essen zu gehen oder einen Kaffee zu trinken.“
- 6
„Das heißt, mein Wochenende ist eher Familiensache, könnte man so sagen, und unter der Woche ist es eher – ja – für mich.“