Die Untersuchung sozialer Beziehungen im digitalen Zeitalter zeigt, wie vielfältig Online- und Offline-Welten miteinander zusammenhängen können. Zum einen dienen digitale Räume als Erweiterung sozialer Beziehungen. Sie ermöglichen es, Beziehungen aufrechtzuerhalten und zu vertiefen. Besonders deutlich wird dies am Beispiel transnationaler Familiennetzwerke, die in Luxemburg eine besonders wichtige Rolle spielen. Zweitens können digitale Räume in sich geschlossene Welten darstellen. Das zeigt sich beispielsweise im Kontakt mit fremden Personen sowie bei Online-Freundschaften, die im Netz geschlossen und ausschließlich online gepflegt werden. Während einige Bekanntschaften im digitalen Raum verbleiben, zeigt die Étude qualitative sur la jeunesse zahlreiche Beispiele dafür, dass Personen auch den Übergang in die nicht-digitale Welt vollziehen und es so zu persönlichen Face-to-Face-Begegnungen kommt. Ein besonders eindrückliches Beispiel hierfür sind Partnerschaften, die online geschlossen wurden. In dieser dritten Dimension lassen sich digitale Räume als Brücken zwischen Online- und Offline-Welten verstehen.
Vor dem Hintergrund erhöhter technischer Vernetzung argumentiert die Soziologin Sherry Turkle (2011) in ihrem Werk „Alone Together“, dass digitale Kommunikation zu einer paradoxen sozialen Realität führt: Jugendliche sind zwar ständig miteinander verbunden, fühlen sich jedoch oft einsam oder entfremdet. Sie beschreibt, wie digitale Technologien Beziehungen oberflächlicher machen können, und kritisiert insbesondere den Verlust tiefer persönlicher zwischenmenschlicher Beziehungen. An dieser Stelle eröffnen die Ergebnisse der Étude qualitative sur la jeunesse eine differenzierte Sichtweise.
Zum einen erzählen Jugendliche und junge Erwachsene, dass digitale Medien ihre Kommunikation zwar ergänzen, nicht aber ersetzen können. Physische Begegnungen haben nach wie vor eine hohe Bedeutung für sie, um soziale Nähe herzustellen und zu empfinden. Im Zweifelsfall wird analogen Face-to-Face-Treffen vielfach der Vorzug vor Online-Aktivitäten gegeben. Zu diesen Ergebnissen kommt auch eine luxemburgische Mixed-Methods-Studie aus dem Jahr 2019, die die Rolle sozialer Medien in Freundschaften untersuchte (Décieux et al., 2019).
Zum anderen wird deutlich, dass im digitalen Raum auch tiefe und bedeutungsvolle Beziehungen gepflegt und geknüpft werden können, wie die Beispiele von Online-Freundschaften, Liebesbeziehungen und transnationalen Familiennetzwerken zeigen, die gerade für den Kontext Luxemburg von hoher Bedeutung sind. Hier wird deutlich, dass digitale Medien emotionale Verbindungen, sozialen Zusammenhalt und Teilhabe fördern können. Das zeigt sich insbesondere bei zwei Jugendlichen, die sich in den Jugendbefragungen als Außenseiter beschreiben und erzählen, in ihrem nicht digitalen Umfeld wenig Anschluss zu finden. Sie haben in Online-Communitys Personen mit ähnlichen Interessen kennengelernt, was es ihnen ermöglicht hat, soziale Bindungen aufzubauen, die im analogen Umfeld schwer zu erreichen waren; dadurch fühlen sie sich weniger einsam.
Darüber hinaus zeigt sich, dass das digitale Zeitalter ein Zeitalter der Peergroups ist, in dem junge Menschen verstärkt bei Gleichaltrigen Unterstützung und Orientierung suchen. Dadurch entsteht neues Vertrauen und es offenbart sich die wichtige Bedeutung von Gleichaltrigen im institutionellen, gesellschaftlichen Gefüge: Jugendliche und junge Erwachsene schätzen sich häufig selbst bzw. gegenseitig als Experten und zentrale Ansprechpartner ein, was die Bedeutung horizontaler Sozialisationsprozesse unterstreicht. Der Einfluss von Peergroups zeigt sich auch darin, dass soziale Teilhabe heutzutage zentral über digitale Medien vermittelt und verhandelt wird. Wer nicht dabei ist, kann häufig nicht mitreden und kann von bedeutungsvollen Aktivitäten und Diskussionen ausgeschlossen werden.
Ein grundlegendes Thema im Hinblick auf soziale Beziehungen ist darüber hinaus der Kontakt mit unbekannten Personen. Während die Suche nach neuen Begegnungen für einige wichtig ist, zum Beispiel via Social-Media-Netzwerke oder Online-Spiele, berichten andere von unerwünschten Kontaktaufnahmen, insbesondere über soziale Medien. Besondere Risiken bestehen in geschlechtsspezifischen Dynamiken: Weibliche Jugendliche sind überproportional von sexualisierten Nachrichten oder problematischen Kontaktversuchen betroffen. In Online-Spielen berichten weibliche Nutzerinnen zudem davon, dass sie sich häufig nicht trauen (oder ihnen sogar davon abgeraten wird), per Voice Chat zu kommunizieren – aus Angst, allein durch ihre Stimme als weiblich identifiziert und daraufhin ausgeschlossen oder belästigt zu werden (siehe Kapitel 8). Dieses Unsichtbarmachen als Schutzmechanismus verweist auf tief verwurzelte Ungleichheiten in digitalen Räumen und zeigt, dass problematische Online-Interaktionen nicht losgelöst von gesellschaftlichen Normen, Machtverhältnissen und Geschlechterrollen betrachtet werden können.