Der in den qualitativen Jugendinterviews vorgenommene Blick auf die Alltagspraktiken junger Menschen zeigt, wie digitale Technologien tief in ihre Routinen und Praktiken eingebettet sind und ihre Lebenswelten durchdringen. Dabei zeichnen sich Muster ab, die eng miteinander verknüpft sind:
Erstens eröffnet die Vielfalt an digitalen Geräten (z. B. Smartphones, Tablets, Laptops, Smartwatches) und ihren Anwendungsbereichen (z. B. Kommunikation, Wissenserwerb, Gaming) neue Möglichkeitsräume. Diese werden von jungen Menschen zwar größtenteils positiv bewertet und aktiv genutzt, jedoch teilweise auch als voraussetzungsvoll und überwältigend wahrgenommen; beispielsweise im Hinblick auf den Umgang mit der eigenen Zeit und analogen Aktivitäten. Die vielfältigen digitalen Anwendungs- und Konsummöglichkeiten üben eine erhebliche Anziehungskraft auf junge Menschen aus. Im Sinne von Zygmunt Baumans (1995) Verständnis von „Verführung“ bringen sie neue und subtile Formen von Macht mit sich, die von jungen Menschen teilweise auch kritisch reflektiert werden. Formen der Selbstregulation, die auf ein vorhandenes Problembewusstsein hinweisen, sind zwar zu beobachten, werden jedoch nicht zuletzt durch die Allgegenwärtigkeit des Digitalen und die damit verbundenen Erwartungen konterkariert.
In dieser digitalen Allgegenwärtigkeit liegt ein zweites Muster. Gerade das Smartphone ist ein alltäglicher Begleiter. Die Möglichkeit, „always on“ (Chen, 2012), also immer online und jederzeit verfügbar zu sein, geht mit neuen Chancen, aber auch den Erwartungen einher, erreichbar zu sein, auf Nachrichten zeitnah zu reagieren und an gemeinsamen Aktivitäten und Gesprächen online teilzunehmen. Gerade bei jüngeren Jugendlichen zeigt sich, dass Bildschirmzeit als erstrebenswert wahrgenommen wird, was u. a. auf Peer-Dynamiken und das Phänomen der Fear of Missing Out zurückzuführen ist: Es geht darum, bei gemeinsamen Online-Spielen sowie Gruppenchats auf WhatsApp, Snapchat und Co. dabei zu sein; ein Gefühl, das eng mit sozialer Zugehörigkeit, Identitätsarbeit und dem Wunsch nach Anschluss im Jugendalter verknüpft ist. Digitale Räume, die über Plattformen wie Instagram oder Discord vermittelt werden, fungieren hier nicht nur als Unterhaltungsumgebung, sondern als zentrale Orte jugendlicher Vergemeinschaftung und Statusverhandlung. Das macht es umso schwieriger, sich bewusst davon zu distanzieren.
Drittens weisen die empirischen Ergebnisse auf eine verstärkte technische und soziale Vernetzung hin. Auch hier spielt das Smartphone eine zentrale Rolle: Es bündelt vielfältige Funktionen (z. B. Kommunikation, Musik, Videos, Kamera, Navigation, E-Mails) und ermöglicht es, Nachrichten jederzeit abzurufen. In den Jugendbefragungen zeigt sich, dass Lebensbereiche wie Schule, Familie und Freizeit verstärkt miteinander verbunden werden, wodurch ihre Grenzen verschwimmen. Auffällig ist auch die soziale Vernetzung: Junge Menschen können ortsunabhängig und zu jeder Zeit mit Freunden und Familie kommunizieren und im digitalen Raum ihr soziales Netzwerk ausweiten und vervielfältigen. Beispiele hierfür sind parasoziale Beziehungen und Online-Freundschaften. Dabei ist eine erhöhte Vernetzung (Connectivity) jedoch nicht gleichbedeutend mit sozialer Nähe (Social Connectedness) (Hepp et al., 2018, S. 20). In den Jugendinterviews offenbart sich ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür, dass digitale Kommunikation zwar wichtig ist, sie physische Begegnungen jedoch nicht substituieren kann.
Ein viertes Muster zeigt sich in der Geschwindigkeit von Innovation und Neuerung. Neuere Trends führen dazu, dass bestimmte Apps heruntergeladen und ausprobiert werden, wobei viele nach kurzer Zeit bereits wieder an Relevanz verlieren. Das führt in der Konsequenz zu einer fragmentierten App-Landschaft, in der bestimmte Anwendungen für bestimmte Personengruppen genutzt werden. Gerade im familiären Kontakt zeigen sich generationenspezifische Unterschiede: Ältere Familienmitglieder scheinen v. a. die bereits länger etablierten und als „einfach“ empfundenen Plattformen wie WhatsApp oder Facebook zu bevorzugen, während sich die Kommunikation mit Gleichaltrigen stärker an aktuellen Trends orientiert.
Ein fünftes Muster lässt sich als postdigitale Hybridisierung sozialer Praktiken beschreiben – ein Zustand, in dem sich analog und digital nicht mehr trennscharf gegenüberstehen, sondern ineinandergreifen und sich gegenseitig bedingen. Dabei können digitale Praktiken analoge Routinen ersetzen, etwa wenn Briefe durch Messenger-Kommunikation oder Verwaltungsakte durch E-Government ersetzt werden. Zudem erweitern sie analoge Prozesse, wie im Fall von transnationaler Familienkommunikation oder Online-Freundschaften, die bestehende Netzwerke ergänzen. In vielen Fällen akzentuieren sie bereits bestehende soziale Dynamiken wie Gruppenzugehörigkeit, Ausschluss oder FOMO in Gruppenchats und Trends. Zuletzt fragmentieren sie Alltagsstrukturen und Beziehungen, etwa durch kontinuierlichen App-Wechsel, der Zugehörigkeit in Freundesgruppen neu definiert.
Diese fünf zentralen Muster sind eng mit Macht- und Ungleichheitsdimensionen verbunden. In ihrem Zusammenwirken eröffnen sie wichtige Perspektiven auf Zugang und Teilhabe: Die allermeisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen verfügen zwar über eine digitale Grundausstattung und Internetzugang. Unterschiedliche Gerätetypen sowie die immer neuesten Generationen (z. B. das neueste iPhone) eröffnen jedoch spezifische Nutzungsmöglichkeiten, die nicht allen gleichermaßen zugänglich sind. Hier spielen sozioökonomische und soziokulturelle Ressourcen in der Familie eine wichtige Rolle. Ein weiteres Beispiel aus der Étude qualitative sur la jeunesse: Weibliche Jugendliche sind überproportional von sexualisierten Nachrichten, problematischen Kontaktversuchen sowie Mechanismen des Unsichtbarmachens im Gaming-Kontext betroffen. Einige weibliche Jugendliche berichten zum Beispiel davon, dass sie sich nicht trauen (oder ihnen sogar davon abgeraten wird), per Voice Chat zu kommunizieren – aus Angst, allein durch ihre Stimme als weiblich identifiziert und daraufhin ausgeschlossen oder belästigt zu werden. Dieses Unsichtbarmachen als Schutzmechanismus verweist auf tief verwurzelte Ungleichheiten in digitalen Räumen und zeigt, dass problematische Online-Interaktionen nicht losgelöst von gesellschaftlichen Normen, Machtverhältnissen und Geschlechterrollen betrachtet werden können.